{"id":17827,"date":"2007-08-10T08:09:39","date_gmt":"2007-08-10T08:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/scott-smith-dickicht\/"},"modified":"2022-06-13T15:31:53","modified_gmt":"2022-06-13T13:31:53","slug":"scott-smith-dickicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/scott-smith-dickicht\/","title":{"rendered":"Scott Smith: Dickicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein wenig f\u00e4llt es schwer \u201eDickicht\u201c bei <em>Watching The Detectives <\/em>zu besprechen, denn Detektive kommen nicht vor, im Gegenteil, man muss schon schwer schubsen, um \u201eDickicht\u201c \u00fcberhaupt ins Thriller-Lager zu bugsieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Versuchen wir\u2019s mal im Bildzeitungsstil: T\u00f6dlicher Urlaub in Mexiko! Es h\u00e4tte so sch\u00f6n sein k\u00f6nnen f\u00fcr die beiden amerikanischen Paare Jeff, Amy, Eric und Stacy sowie die befreundeten Touristen Mathias aus Deutschland und Pablo, den witzigen Griechen. Doch ein Trip in den wenige Kilometer entfernten Dschungel entpuppt sich als Reise ins Herz der Finsternis.<\/p>\n\n\n\n<p>Henrich (bei aller Zuneigung zu Herrn Smith: k\u00f6nnen diese amerikanischen Ignoranten nicht das Internet durchsurfen um nach gebr\u00e4uchlichen deutschen Namen zu suchen, kennen sie niemanden mit einem deutschen Telefonbuch? Henrich ist jedenfalls Bl\u00f6dsinn. Heinrich w\u00e4re schon schwach gewesen als Name f\u00fcr einen Twen; mit Henrik, Hendrik in allen Varianten h\u00e4tte es doch gen\u00fcgend Alternativen gegeben. Na gut, ein \u201eHenrich Focke\u201c hat es zu Google-Ehren gebracht. Ist aber die Ausnahme.), Mathias\u2019 Bruder ist im Dschungel verschollen. Auf dem Weg zu einer arch\u00e4ologischen Ausgrabungsst\u00e4tte verliert sich seine Spur. Mathias begibt sich auf die Suche, die beiden amerikanischen P\u00e4rchen und der interessierte Grieche begleiten ihn. Am Ende der Reise sitzen und liegen sie auf einem gr\u00fcn umrankten H\u00fcgel, bewacht von bewaffneten Mayas, bedroht von einem t\u00f6dlichen, kaum fassbaren Feind und w\u00fcnschen sich, diesen vergeblichen Ausflug ins Unbekannte nie angetreten zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich wie ein traditioneller Abenteuerroman entfaltet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als existentialistisches Pamphlet, das sich Genreliteratur als Medium nimmt, um doppelb\u00f6dig Zivilisationskritik zu \u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sollte sich ins Ged\u00e4chtnis rufen, das Smith Autor des formidablen \u201eA Simple Plan\u201c ist (ebenso formidabel verfilmt von Sam Raimi.), jener d\u00fcsteren Studie in Homo Homini Lupus. Eine der wenigen lateinischen Sentenzen, die ich dicht am Herzen trage (leicht ergooglebar). Hier wie dort geraten Menschen in Situationen, die sie permanent \u00fcberfordern, doch war in dem einfachen Plan Habgier und die Sehnsucht nach einem besseren Leben der Hauptantrieb f\u00fcr das Driften in den Abgrund, so reicht in \u201eDickicht\u201c ein falscher Schritt abseits des Weges, um die Protagonisten hinabzurei\u00dfen. Die Natur schl\u00e4gt zur\u00fcck. Ist es verwunderlich, dass sie in der Mehrheit Amerikaner, und anteilig Europ\u00e4er heimsucht? Die St\u00fctzen der Zivilisation wie wir sie kennen. St\u00fctzen, denen drau\u00dfen bei den Ruinen (interessant in dem Zusammenhang der mehrdeutige Titel der Originalausgabe: \u201eRuins\u201c.) im Dickicht bewusst wird, dass sie archaischen Kr\u00e4ften wenig entgegen zu halten haben, au\u00dfer erlernten Formeln. Das erkl\u00e4rt einen der \u2013 vorgeblich \u2013 gro\u00dfen Schwachpunkte des Romans: die Passivit\u00e4t der Protagonisten. Sie arrangieren sich viel zu schnell mit ihrem scheinbar ausweglosen Schicksal. Jeff, der Pragmatiker, der die Gruppe zusammen &#8211; und unter den gegebenen Umst\u00e4nden am \u00dcberleben halten will; Amy, seine unentschlossene Freundin, die manchmal \u00fcber ihren Schatten springt und Mut beweist; Eric, der Besessene, der seinen Wahn lebt und am Ende auf unangenehme selbstzerst\u00f6rende Weise recht beh\u00e4lt; Stacy die Tr\u00e4umerin, die sich aus allem heraustr\u00e4umen m\u00f6chte, was ihr fast gelingt; Mathias, der Beobachter, Katalysator und distanzierte Unperson, die anziehend und unnahbar zugleich bleibt; Pablo, das z\u00e4he Opfer, hilflos, aber in der Lage l\u00e4nger zu \u00fcberleben, als seine zuf\u00e4lligen Freunde es sich w\u00fcnschen. Eine st\u00e4ndige Vorhaltung an \u00c4sthetik, Ethik und Moral seiner Mitgefangenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ganzen Roman gibt es keine gemeinsamen Bestrebungen und Planungen, dem Zustand des Gefangenseins aktiv ein Ende zu setzen. Von einem koordinierten Ausbruchsversuch ganz zu schweigen. Wie \u00fcberhaupt das Versagen der Kommunikation ein zentraler Punkt des Buches ist. Seien es Sprachbarrieren, die Warnungen nicht zulassen und selbst ein einfaches Kennenlernen des Gegen\u00fcbers schwierig gestalten, seien es die eigenen Vorstellungen und \u00c4ngste, die Gespr\u00e4che ins Leere laufen lassen, oder zu (teilweise t\u00f6dlichen) Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren. Die wenigen demokratisch getroffenen Entscheidungen werden umgehend wieder in Frage gestellt, zudem nutzt der schnell lernende Feind die Kommunikationsunf\u00e4higkeit der Protagonisten f\u00fcr seine eigenen Ziele. Am Ende sind die individualistischen Egos der kollektiv handelnden Natur unterlegen. Folgerichtig werden sie ausgelacht. Vorerst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Epilog zeigt sich, dass die einzige Hoffnung der matt gesetzten Touristen nat\u00fcrlich eine Tr\u00fcgerische war. Alles auf Anfang\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem tut sich Smith ein wenig schwer. Das \u201eDickicht\u201c braucht einige Zeit bis es zu P\u00f6tte kommt, was allerdings wohl beabsichtigt ist. Vom eher langatmigen Reisebericht ver\u00e4ndert sich das Klima unmerklich \u2013 \u00fcber Blicke, einzelne S\u00e4tze, seltsame Reaktionen \u2013 bis zu jenem Punkt an dem das Grauen sich seinen Pfad bahnt, und der Kampf um\u2019s \u00dcberleben beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als blo\u00dfen Spannungsroman betrachtet hat \u201eDickicht\u201c seine Schw\u00e4chen \u2013 oder T\u00fccken, je nach Lesart: die wenig sympathischen Protagonisten, die st\u00e4ndig wechselnden Erz\u00e4hlperspektiven, die eindeutige Sympathiekundgebungen kaum zulassen; der selten konstant verlaufende Spannungsbogen, der auch schon mal mitten in der Entwicklung abbricht, um sp\u00e4ter nahezu beil\u00e4ufig und auf weit niedrigerem Level wieder aufgegriffen zu werden. Vom zynischen Gestus des Endes ganz zu schweigen. Aber als spannendes, gesellschaftskritisches Thesenpapier in Anlehnung an einen w\u00fcstes B-movie, das erst noch gedreht werden will, hat der Roman eindeutig seine Meriten.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Danke an kuerten f\u00fcr seine Anregung.<br \/>PPS.: Oder ist\u2019s nur ein b\u00f6ser Witz: \u201eSitzen sechs Leute auf einem H\u00fcgel. Vier Amerikaner, ein Deutscher und ein Grieche\u2026\u201c Fr\u00fcher sa\u00dfen die meist in einem U-boot oder einem Flugzeug, und es gab zu wenig Luft, bzw. Fallschirme. Im Dickicht gibt es nicht einen. Und die Luft wird mitunter auch knapp.<br \/>PPPS.: Eine mir vertraute, sehr liebenswerte Person konnte mit dem Namen des Autors wenig anfangen. Ihrer Ansicht nach hie\u00df der Gute n\u00e4mlich Dick Icht. \u201eRuins\u201c ist eindeutig der bessere Titel.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Scott Smith: Dickicht. <br \/>Fischer TB 2007 <br \/>(Original: \u201eRuins\u201c, 2006, deutsch von Christine Str\u00fch). <br \/>416 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wenig f\u00e4llt es schwer \u201eDickicht\u201c bei Watching The Detectives zu besprechen, denn Detektive kommen nicht vor, im Gegenteil, man muss schon schwer schubsen, um \u201eDickicht\u201c \u00fcberhaupt ins Thriller-Lager zu bugsieren.<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17827","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"Jochen K\u00f6nig","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/jochen-koenig\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17827"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17827\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}