{"id":17828,"date":"2007-08-09T18:07:22","date_gmt":"2007-08-09T18:07:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/der-quellcode\/"},"modified":"2022-06-15T21:44:42","modified_gmt":"2022-06-15T19:44:42","slug":"der-quellcode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/der-quellcode\/","title":{"rendered":"Der Quellcode"},"content":{"rendered":"\n<p>(Ein erster, noch nicht \u00fcberarbeiteter Versuch, Derek Raymond und den Noir-Roman in den Griff zu bekommen. Oder, besser: sich ihm zu n\u00e4hern. Seien Sie wie ich auf das Endergebnis gespannt. Die Monografie \u201eDerek Raymond \u2013 the Man in Noir\u201c, von der wir noch gar nichts wissen, au\u00dfer dass sie ab sofort \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">hier<\/a> subskribiert werden kann.)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDiese Dateien sind in einer symbolischen Sprache abgefa\u00dft, und selbst wenn der Betrachter sie verstehen k\u00f6nnte, werden sie nie gezeigt. Die Maschine wei\u00df, das es unn\u00f6tig ist, sie zu zeigen, au\u00dfer einem Experten, der f\u00fcr den Fall, da\u00df die Maschine abst\u00fcrzt, \u00fcber einen eigenen Zugriff auf die versteckten Dateien verf\u00fcgt. Wie der Computer wird auch die Leistung des Autors eher nach der letztlichen, sichtbaren Qualit\u00e4t seiner Produktion als nach den obskuren kryptischen Vorg\u00e4ngen beurteilt, die dazu beigetragen haben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es ist ein auf den ersten Blick stimmiges Bild, mit dem Derek Raymond erkl\u00e4rt, wie seine Autobiografie \u201eDie verdeckten Dateien\u201c (\u201eThe hidden files\u201c) von 1992 funktionieren soll. Die B\u00fccher sind eine Art \u201egrafische Benutzeroberfl\u00e4che\u201c, die es auch den mehr oder weniger Laien erm\u00f6glicht, mit einem Computer umzugehen. Es braucht wirklich nicht zu interessieren, welche versteckten Dateien (warum \u201everdeckte\u201c?) des Betriebssystems es uns \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen, einen Mauszeiger zu bewegen, eine Datei mit Klick zu \u00f6ffnen. Wir ahnen, nein, wir wissen, dass diese Dateien den Quellcode bereitstellen, das, was eine Programmiersprache in v\u00f6llig logischer (\u201erationaler\u201c) Weise an Vokabular und Syntax bereitstellt, um von kundigen Menschen in ein in sich geschlossenes System von Objekten, Eigenschaften und Methoden verwandelt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Selbstbiograf nimmt uns nun mit auf die Reise, jene versteckten Dateien zu erkunden. Das Programm, das diese Dateien konstituieren, ist er selbst. Er ist geschrieben worden, vom Leben, nehmen wir an, von dem Menschen, die ihn gezeugt, geboren, erzogen, geliebt, gehasst, verachtet, gesch\u00e4tzt haben. Der Mensch also ist das Betriebssystem \u2013 und die Benutzeroberfl\u00e4che, das sind die B\u00fccher, die dieser Mensch verfasst hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr schnell wird deutlich, dass das so nicht stimmen kann. Was als \u201edas Programm Mensch\u201c daherkommt, ist selbst nichts weiter als eine Oberfl\u00e4che, die versucht, sich als Ergebnis einer logischen Abfolge von Funktionen zu definieren. L\u00e4ngere Zeit h\u00e4lt Raymond diese Strategie durch; er beschreibt, wie man es von einem Autobiografen erwarten kann, seine Kindheit, seine Jugend als das Setting des Schriftstellers, der ein \u201eNoir\u201c-Schriftsteller werden wird. Und folglich nicht haben kann, was man eine gl\u00fcckliche Kindheit nennt. Raymond setzt sich vor, nicht zu l\u00fcgen, die Wahrheit zu sagen, aber er selbst wei\u00df, dass das nicht klappen kann, dass er den Quellcode seiner Noir-Existenz lediglich aus den sichtbaren Funktionen der Benutzeroberfl\u00e4che rekonstruiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann jeder halbwegs versierte Programmierer. Er wei\u00df, wie die Bilder auf den Bildschirm kommen, wie man Schriftarten und \u2013farben bestimmt, auf welche Bibliotheken bei welcher Aktivit\u00e4t des Anwenders zugegriffen wird. Was er in der Regel aber nicht wei\u00df, ist, wie das alles zusammenh\u00e4ngt. Theoretisch schon, aber er m\u00fcsste Zeile f\u00fcr Zeile des Quellcodes studieren, um die Zusammenh\u00e4nge zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch etwas: Die wichtigste Aufgabe beim Programmieren ist (neben der unvermeidlichen Fehlersuche) die Gew\u00e4hrleistung der Stabilit\u00e4t. Der Programmierer muss sich in die Anwender hineinversetzen und herausfinden, welche \u2013 v\u00f6llig unlogische! \u2013 Aktion dieses Anwenders eine Funktion aktiviert, die das Programm kollabieren lassen kann. Und diese Gefahr besteht immer. Ein Beispiel aus der gro\u00dfen aufregenden Welt der Multimedia-Programmierung: Beim Starten der Anwendung sollen von einer online-Datenbank Grafiken in das Programm geladen werden. Die Namen der Grafiken erscheinen, sobald sie vollst\u00e4ndig geladen sind, in einer Liste, k\u00f6nnen durch Anklicken aktiviert werden, auf dass die gew\u00e4hlte Grafik in einem separaten Fenster erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Logik sagt mir, dass der Anwender erst dann auf diese Liste klickt, wenn sie tats\u00e4chlich mit den Namen der Objekte erschienen ist. Er wird nicht auf die leere Liste klicken \u2013 aber genau das wird er tun. Er aktiviert den Befehl \u201eLade Bild X in das separate Fenster\u201c, das Dumme: Es gibt kein Bild X. Es wird eine leere Zeichenfolge \u201e\u201c \u00fcbertragen, eine Fehlermeldung erscheint: \u201eBitte warten Sie, bis die Namen der Bilder in der Liste erschienen sind, bevor Sie eines ausw\u00e4hlen!\u201c. So sollte es sein. Daf\u00fcr hat der Programmierer zu sorgen, denn tut er es nicht, produziert die Anwendung einen Fehler und kollabiert (zumal dann, wenn die Aktion einen ganzen Rattenschwanz weiterer Anweisungen nach sich zieht, die nicht ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen).<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Raymond und dem Bild, in dem er sein Leben als eine Kombination von Dateien, also ein Programm beschreibt. Er rekonstruiert seine Kindheit, seine Jugend, entwickelt ein Programm, das uns den Noir-Autor per Klick generiert. Dieses fremdelnde Kind im lieblosen Elternhaus, drau\u00dfen tobt der Zweite Weltkrieg, das marode England der Upper Middleclass zeigt seine Folterinstrumente. Es ist eine Welt ohne Hoffnung, eine Welt in Ketten, das Kind, der Junge mittendrin. Das ist alles sehr logisch. Wir wissen sofort, was aus diesem Kind werden wird, und wie wir fortan die d\u00fcsteren Werke des Mannes, der aus diesem Kind einmal werden wird, zu lesen haben. Und dann passiert es: Derek Raymond verh\u00e4lt sich nicht programmgem\u00e4\u00df. Er ist ein schlechter Anwender, nein, er wurde das Opfer eines nachl\u00e4ssigen Programmierers. Die Anwendung Leben kollabiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHidden Files\u201c entstand im Anschluss an \u201eI was Dora Suarez\u201c, jenem Werk, das f\u00fcr den Kollaps verantwortlich war. Raymond erkennt, dass das, was er f\u00fcr das Betriebssystem gehalten hat, nur die Benutzeroberfl\u00e4che ist. Und er handelt. Hat er bisher sein Leben einigerma\u00dfen chrono-logisch erz\u00e4hlt, so wird es jetzt disparat und anekdotisch. Etwas anderes ger\u00e4t in den Blick, das wahre Betriebssystem: die Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Noir-Literatur. Sie ist f\u00fcr Raymond nicht einfach ein \u201eSubgenre\u201c des Krimis, nein, sie soll die Kriminalliteratur ersetzen <em>(\u201eUm genau zu sein, ist der Noir-Roman nicht die Rettung der Kriminalliteratur, sondern tritt an ihre Stelle.\u201c) <\/em>Ihr Spektrum beginnt mit der Bibel, umfasst, nat\u00fcrlich, Shakespeare und auch Camus, Sartre. Sie zeichnet die Welt als Dreck, aber sie tut es, um diesen Dreck zu beseitigen. Hat sie dies erreicht, kommen \u201edie versteckten Dateien\u201c zum Vorschein: das Leben selbst in all seiner Funktionalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Der (l\u00e4ngere) zweite Teil von \u201eHidden Files\u201c ist ein einziges Herumdefinieren am Begriff des \u201eNoir\u201c. Viele der Gedanken sind in ihrer Essenz nicht \u00fcberraschend. Es geht um den Tod, das Verbrechen, die Zukurzgekommenen, den Zynismus, die Machtgeilheit und immer wieder: die Wirklichkeit, die Wirklichkeit, die Wirklichkeit. Ein Aspekt jedoch, den Raymond bringt, verwirrt uns: <em>\u201eDer Noir-Roman befa\u00dft sich nicht blo\u00df mit der Metaphysik, sondern ist ein Teil der Metaphysik.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das hat nichts mit Religion zu tun. \u201eMetaphysik\u201c bedeutet bei Raymond immer \u201e\u00fcber die Logik, die Ratio hinaus\u201c, und auch das passt in das Bild von den \u201eversteckten Dateien\u201c, auf deren Suche er sich begeben hat. Was er vorzufinden hofft, hat nichts mehr mit der beherrschbaren Materie des Programmierens zu tun (die, nebenbei, nicht immer so logisch ist, wie sie vorgibt zu sein). \u201eI was Dora Suarez\u201c, das Werk, das Raymonds Vorstellung von Oberfl\u00e4chen und darunter arbeitenden Funktionen ersch\u00fcttert, auf den Kopf gestellt hat, ist ein logischer Abgesang auf die Logik. Nicht nur die Logik des Kriminalromans, die in ihrer Banalit\u00e4t zumeist mehr als billig ist, sondern auch und vor allem auf die Logik der Wirklichkeit und der Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder anders: Als Derek Raymond \u201eI was Dora Suarez\u201c schrieb, benahm er sich wie ein Anwender, der auf eine leere Liste klickt, um ein Bild zu laden. Er hat eine leere Zeichenfolge \u00fcbergeben, etwas, das keinen Sinn macht, nicht logisch ist. Und er hat damit die versteckten Dateien dazu gebracht, sich f\u00fcr einen Moment in ihrer Unvollkommenheit und Unlogik zu offenbaren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Ein erster, noch nicht \u00fcberarbeiteter Versuch, Derek Raymond und den Noir-Roman in den Griff zu bekommen. Oder, besser: sich ihm zu n\u00e4hern. Seien Sie wie ich auf das Endergebnis gespannt. Die Monografie \u201eDerek Raymond \u2013 the Man in Noir\u201c, von der wir noch gar nichts wissen, au\u00dfer dass sie ab sofort \u2192hier subskribiert werden kann.)<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17828","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17828","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17828"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17828\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}