{"id":17830,"date":"2007-08-13T08:09:57","date_gmt":"2007-08-13T08:09:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xiii\/"},"modified":"2022-06-05T22:26:02","modified_gmt":"2022-06-05T20:26:02","slug":"kapitel-xiii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xiii\/","title":{"rendered":"Kapitel XIII"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Ein toter Krimiblogger, eine kryptische Liste, Mordversuche und schwerstget\u00f6tete schwule Friseure, KrimiAutorinnen, die pl\u00f6tzlich verschwinden und auf einer k\u00fcnstlichen Insel in der S\u00fcdsee wieder auftauchen. Mittendrin: Wickius. Wickius, aus den Klauen der Beller in die Klauen eines m\u00e4chtigen Feindes geraten. Wickius, der eine Flaschenpost geschickt hat, in der er seine Abenteuer auf der k\u00fcnstlichen Insel reportiert. Die Fortsetzung seines Berichts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich erwachte aus traumlosem Schlaf. Etwas hatte mich geweckt, ein blechernes Hantieren, schien es mir. Als ich die Augen \u00f6ffnete, sah ich Thalia im Eingang der H\u00fctte, ein Tablett mit dampfenden Speisen balancierend. \u201eFr\u00fchst\u00fcck\u201c, sagte sie l\u00e4chelnd, und ich w\u00fcnschte, sie h\u00e4tte es nicht getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte meine Morgenmahlzeit gerade beendet, als der alterth\u00fcmliche alte Mann im Bratenrock die H\u00fctte betrat, ein \u201eGuten Morgen, gut geschlafen?\u201c auf den Lippen. \u201eSehr fest\u201c, antwortete ich, und er: \u201eNur Tote schlafen fester!\u201c, wobei er lachte wie eine Henne gluckst. Ich verdrehte die Augen vor Dankbarkeit. Dieses R\u00e4tsel w\u00fcrde sogar der tumbeste aller meine Leser l\u00f6sen k\u00f6nnen. Hoffte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann, der sich gestern Nacht Hans Paul D\u00f6nkemayer genannt hatte, musterte mich mit einer Neugier, die mir nicht gefiel. \u201eSie fragen sich\u201c, begann er sodann, \u201ewas das hier alles soll? Wer ich bin? Welches meine Funktion ist?\u201c Ich nickte. Das fragte ich mich tats\u00e4chlich. Und der Mann atmete einmal tief ein, einmal tief aus, bevor er zu folgender Rede ansetzte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Kleidung. Sie haben sich gewundert, wie man derart alterth\u00fcmlich gewandet durch das 21. Jahrhundert geht, zumal in s\u00fcdseeischen Gefilden. Nun, betrachten Sie es als meinen Arbeitsanzug. Eine Reminiszenz an das 19. Jahrhundert, da unsere Bruderschaft gegr\u00fcndet wurde. Sie stutzen? Nat\u00fcrlich, denn von unserer Bruderschaft k\u00f6nnen Sie nicht wissen. Sie ist das bestgeh\u00fctete Mysterium, eine \u2013 wenn auch harmlose \u2013 Geheimgesellschaft, und bevor ich Ihnen mehr dar\u00fcber erz\u00e4hle, m\u00fcssen Sie mir bei allem, was Ihnen heilig ist, versichern, kein Sterbensw\u00f6rtchen dar\u00fcber zu verlieren, niemandem gegen\u00fcber. Schw\u00f6ren Sie das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schwor, denn mir war nichts heilig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun denn. Als zur Mitte des 19. Jahrhunderts der Kriminalroman erschaffen wurde \u2013 nennen wir es einmal so -, da fand er viele Freunde auch in den h\u00f6chsten Kreisen. Nur leider: Es ward nicht gern gesehen, dass gebildete Menschen in die Tiefen menschlichen Desasters stiegen, um viertklassigen Autoren an den erz\u00e4hlerischen Lippen zu kleben. Der Krimi war verp\u00f6nt, aber er wurde f\u00fcr viele Menschen aus h\u00f6heren St\u00e4nden zu einer Leidenschaft. 1864 schlie\u00dflich beschloss ein wahrhaft gro\u00dfer Mann \u2013 ich erw\u00e4hne aus Gr\u00fcnden, die Sie kaum interessieren werden, seinen Namen nicht -, seine Leidenschaft f\u00fcr Krimis mit anderen zu teilen. In einer geheimen Bruderschaft, die er \u201eFreunde und F\u00f6rderer der einheimischen Spannungsliteratur\u201c nannte, FFES abgek\u00fcrzt, oder, da alles auf den Punkt gebracht werden muss: DIE KRIMILOGE. Man traf sich an geheimen Orten und diskutierte \u00fcber den Stand des deutschen Krimischaffens. Rasch indes wurde man gewahr, dass es um dieses nicht zum Besten stand. Also streckte man \u2013 auch im Geheimen, versteht sich \u2013 manch helfende Hand aus, um das knospende Pfl\u00e4nzchen Deutschkrimi zu hegen, zu pflegen, nicht selten gar erst zu pflanzen. Sicher kennen Sie Theodor Fontanes \u201eUnterm Birnbaum\u201c und haben sich schon so manchesmal gefragt, was denn einen so anerkannten Prosadichter geritten haben k\u00f6nnte, einen Krimi zu schreiben? Nun, es waren exakt 120 Thaler, die ihm die KRIMILOGE zur Verf\u00fcgung stellte \u2013 Fontane hatte gewisse Schwierigkeiten, seine Miete zu zahlen -, unter der Bedingung, eine knackige Kriminalnovelle zu verfassen. Fontane tat es notgedrungen. Oder, sehr viel sp\u00e4ter: Glauser. Ein talentierter Schweizer, aber es ging ihm einfach zu gut. Ein Kriminalautor, das ist die feste \u00dcberzeugung der Loge, muss selber leiden wie ein Hund, damit er wahrhaft gute Kriminalliteratur abliefern kann. Also lie\u00dfen wir Glauser leiden. Wir inszenierten gewisse \u2013 nun ja: private Katastrophen, die ihn schlie\u00dflich so v\u00f6llig aus der Bahn warfen, dass er den anspruchsvollen deutschsprachigen Krimi erfand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lauschte gebannt. War das Wirklichkeit? Oder befand sich dieser Mensch in einem Stadium der Verr\u00fccktheit, von dem wir Normalen uns keine Vorstellung machen? Der Ort, an dem wir waren, die seltsamen Dinge, die hier vor sich gingen, sprachen dagegen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sehe, Sie glauben mir nicht, und ich verstehe Sie gut. Um es abzuk\u00fcrzen: Die KRIMILOGE besteht heute noch. Viele Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens, die niemals zugeben w\u00fcrden, Krimis zu lesen, geh\u00f6ren ihr an, und sie f\u00f6rdern das deutsche Krimiwesen im Verborgenen. Ich will nicht behaupten, dies sei stets von gutem Erfolg gekr\u00f6nt gewesen. Auch unser Einfluss ist begrenzt, die Intelligenz der meisten Krimiautoren ist es auch. Und das Publikum wird immer \u2013 verzeihen Sie den Ausdruck \u2013 bescheuerter, was einen ziemlichen Teufelskreis beschreibt. Aber das wissen Sie ja alles selbst. Dennoch. Vor einem Jahr waren wir gezwungen, in gro\u00dfem Stil zu handeln. Es war uns zu Ohren gekommen, dass man in Br\u00fcssel neue EU-Normen f\u00fcr Kriminalromane plant, und als wir die Einzelheiten h\u00f6rten, wurde uns Angst und Bange. So darf etwa das Sprachdefizit von Kriminalromanen die 30%-Marke nicht \u00fcberschreiten, was sofort 90% der deutschen Krimiproduktion zu Makulatur machen w\u00fcrde. Ein Plotdefizit von 10% soll dazu f\u00fchren, dass auf den entsprechenden Werken ein Aufkleber \u201eDas Lesen dieses Krimis besch\u00e4digt ihre Intelligenz\u201c angebracht werden muss. Und so weiter. Es ist traurig. Es ist alarmierend. Die KRIMILOGE kam folglich zu dem Entschluss, eine Art Trainingscamp f\u00fcr deutsche KriminalautorInnen zu etablieren, einen Ort v\u00f6lligen Abgeschiedenseins, an dem die Talentiertesten von ihnen ihre Kunst unter Anleitung kompetenter Dozenten verbessern sollen. So entstand die IDIOT.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich legte meine Stirn in Falten, der Alte lachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin merkw\u00fcrdiger Name, ich gebe es zu. Eine Abk\u00fcrzung, nat\u00fcrlich. <strong>I<\/strong>nsel f\u00fcr <strong>D<\/strong>rastisches, <strong>I<\/strong>ntensives, <strong>O<\/strong>rganisiertes <strong>T<\/strong>raining. Wir erm\u00f6glichen es den Krimischaffenden, Ihre schriftstellerischen Defizite hier individuell zu beseitigen. Nehmen Sie nur einmal Frau Paprotta. Eine begabte Autorin. Aber meinen Sie, sie bek\u00e4me einen ordentlichen Schluss hin? Nicht dran zu denken! Oder Norbert Horst. Ein Spannungsautor comme il faut, aber hat fr\u00fcher im Deutschunterricht immer gefehlt, wenn es um die Syntax vollst\u00e4ndiger S\u00e4tze ging. Oder Oliver Bottini. Ist als Kind in einen Topf mit kochendhei\u00dfen Gemeinpl\u00e4tzen gefallen und laboriert noch heute an den Folgen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte schwieg nun und sah mich an. Er wartete auf eine Reaktion, ich war sie ihm schuldig, doch es hatte mir die Sprache verschlagen. War das die Wahrheit? Ich glaubte es nicht. Und irgend etwas in meinen Augen verriet, dass ich es nicht glaubte, und irgend etwas in den Augen des Alten verriet, dass er es erraten hatte. Also fuhr er fort.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie sind \u00fcberrascht. Sie zweifeln. Doch Sie werden sich frei auf der IDIOT bewegen k\u00f6nnen, ja, ich werde Sie gerne \u00fcber die Insel f\u00fchren, um Ihnen alle technischen Details, alle Bildungseinrichtungen zu erl\u00e4utern. Und wir haben einiges zu bieten! Die besten Fachkr\u00e4fte \u2013 den gro\u00dfen dpr haben Sie bereits gesehen, nehme ich an, wir haben ihn mit Hilfe einer bet\u00f6renden jungen Blondine auf die Insel gelockt, was nicht ganz fair war, da wir an die niederen Instinkte dieses Genies appellieren mussten, aber inzwischen m\u00f6chte er die Atmosph\u00e4re auf der IDIOT nicht mehr missen \u2013 und nat\u00fcrlich auch nicht die Blondine. Zudem: Gl\u00e4nzend ausgestattete Arbeitsr\u00e4ume! Gem\u00fctliche Bungalows mit Blick auf den herrlichen Ozean! Bibliotheken! Nun ja, sie werden kaum genutzt, denn bevor ein Krimiautor liest, schreibt er lieber. Aber auch hier machen wir Fortschritte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnerte mich an Frau Paprotta und ihre Perry-Rhodan-Lekt\u00fcre und l\u00e4chelte still in mich hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn es Ihnen recht ist, mein lieber Wickius, dann verlasse ich Sie nun, damit Sie sich in aller Ruhe Ihren morgendlichen Verrichtungen widmen k\u00f6nnen. Thalia steht Ihnen zur Verf\u00fcgung \u2013 in ALLEN BELANGEN, wenn Sie verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Grinsen erschien mir in diesem Augenblick eine Spur zu ordin\u00e4r, doch ich schwieg, schockiert von der Vorstellung, was mit diesen \u201eallen Belangen\u201c gemeint sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn zwei Stunden hole ich Sie hier an Ihrer H\u00fctte ab und zeige Ihnen die IDIOT. Sind Sie einverstanden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nickte. Was sonst blieb mir \u00fcbrig? Gr\u00fcbelnd sah ich dem Alten nach, der meine H\u00fctte verlie\u00df und zwischen den B\u00e4umen verschwand. Thalia erschien mit mehreren Handt\u00fcchern \u00fcber dem Arm und l\u00e4chelte mich an. Auch sie eine Spur zu ordin\u00e4r. \u201eKommen Sie mit duschen?\u201c fragte sie, \u201eIch schrubbe Ihnen gerne den R\u00fccken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seufzend erhob ich mich. Gewisse Opfer mussten gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGewisse Opfer!\u201c zischte Anna Beller und warf den Papierbogen w\u00fctend auf den Tisch. Bei ihr war Wickius niemals bereit, auch nur das kleinste Opfer zu bringen, nicht einmal heiraten wollte er sie. Sie schloss die Augen. Lebte Wickius \u00fcberhaupt noch? Was war geschehen? Warum musste er eine Flaschenpost zu Wasser lassen, um der Welt von seinen Abenteuern zu berichten? Wo hielt er sich jetzt auf? In Thalias Armen? Im Bauch eines wei\u00dfen Hais? In einem feuchten Verlie\u00df? Anna Beller nahm das n\u00e4chste Blatt und las weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Ein toter Krimiblogger, eine kryptische Liste, Mordversuche und schwerstget\u00f6tete schwule Friseure, KrimiAutorinnen, die pl\u00f6tzlich verschwinden und auf einer k\u00fcnstlichen Insel in der S\u00fcdsee wieder auftauchen. Mittendrin: Wickius. 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