{"id":17835,"date":"2007-08-16T08:31:41","date_gmt":"2007-08-16T08:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/pentti-kirstilae-klirrender-frost\/"},"modified":"2022-06-15T21:43:28","modified_gmt":"2022-06-15T19:43:28","slug":"pentti-kirstilae-klirrender-frost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/pentti-kirstilae-klirrender-frost\/","title":{"rendered":"Pentti Kirstil\u00e4: Klirrender Frost"},"content":{"rendered":"\n<p>So allm\u00e4hlich geht es einem mit Pentti Kirstil\u00e4 wie mit Reginald Hill. Man liest ihre B\u00fccher und ist sauer, sie wieder nicht bei einer Schw\u00e4che erwischt zu haben. Dabei segeln sie ja manchmal durchaus in vorgeblichen Untiefen, aber anstatt ihre Schifflein auf Grund laufen zu lassen, man\u00f6vrieren sie sie auch noch aus der gr\u00f6\u00dften Banalit\u00e4t, dem vorhersehbarsten Plot. Sehr souver\u00e4n und \u00fcberlegt, was die Sache noch \u00e4rgerlicher macht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sakari Kaarto will verr\u00fcckt werden. Der verm\u00f6gende Druckereibesitzer f\u00fchlt sich betrogen, er muss sich r\u00e4chen, was f\u00fcr den Normalmenschen riskant ist, f\u00fcr den Verr\u00fcckten aber nicht. Also beginnt Kaarto zu trinken. Er trifft merkw\u00fcrdige Entscheidungen, inszeniert einen st\u00fcmperhaften Einbruch in sein B\u00fcro. Seine Umwelt und auch die Polizei registrieren den allm\u00e4hlichen geistigen Zerfall und die schlie\u00dfliche Unzurechnungsf\u00e4higkeit Kaartos. Und dann r\u00e4cht er sich. Ein Mord, ein Prozess, ein paar Monate in der Klapsm\u00fchle, dann wieder frei, alles so wie fr\u00fcher. Und jetzt beginnt die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles furchtbar simpel, vorhersehbar, und auch wenn Kommissar Hanhivaara inzwischen mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt hat, also geistig und k\u00f6rperlich ein wenig indisponiert scheint und sich dann auch noch verliebt \u2013 den Kaarto durchschaut er rasch. Kann ihm aber nichts nachweisen. Und dann geschieht ein zweiter Mord, den Hanhivaara und seine Kollegen nat\u00fcrlich mit Glanz und Gloria aufkl\u00e4ren und nebenbei noch beweisen k\u00f6nnen, dass Kaarto sein Verr\u00fccktsein nur gespielt hat. Klingt irgendwie langweilig, nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst wenn es so w\u00e4re: Das Beste, was man \u00fcber einen Roman sagen kann, muss \u00fcber \u201eKlirrender Frost\u201c gesagt werden. Dass hier n\u00e4mlich kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig drinsteht. Hanhivaara, der \u201emelancholische Zyniker\u201c ist wieder in Hochform, seine Kollegen, allesamt pr\u00e4gnant gezeichnet, desgleichen. Gelacht werden darf nat\u00fcrlich auch, es ist kein Gekicher \u00fcber Witzchen, es ist eher Anerkennung f\u00fcr die Absurdit\u00e4ten, die sich zwangsl\u00e4ufig aus der Geschichte ergeben. Also selbst wenn \u201eKlirrender Frost\u201c so langweilig w\u00e4re, wie wir es \u00fcber lange Strecken bef\u00fcrchten, k\u00f6nnte man den Roman doch jedem Freund gelungener Kriminalliteratur ans Herz legen. Und sowieso all jenen, die wie ich Figuren m\u00f6gen, die Hannu Pulli hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese Freunde ahnen es ja: \u201eKlirrender Frost\u201c ist alles andere als langweilig. Wenn einer seine Leserschaft d\u00fcpieren kann, dann Kirstil\u00e4. Und eigentlich macht er das schon gleich am Anfang, auf der ersten Seite. Dort erfahren wir etwas, das uns sp\u00e4ter wieder einf\u00e4llt und v\u00f6llig verwirrt. Wir wissen mehr als die Ermittler, und am Ende des Romans \u2013 der Gerechtigkeit ist Gen\u00fcge getan &#8211; , wissen wir zun\u00e4chst, dass sich die Ermittler geirrt haben. Hanhivaara ahnt das auch, aber selbst wenn er sich nicht geirrt h\u00e4tte, h\u00e4tte er sich dennoch geirrt&#8230; das wissen aber jetzt nur wir, weil wir die erste Seite noch mal lesen und feststellen, dass diese herk\u00f6mmliche Kriminalgeschichte in Wirklichkeit eine ganz schlimme menschliche Trag\u00f6die ist \u2013 und dass Kaarto, der durch Verr\u00fccktwerden jedes Risiko einer Bestrafung ausschalten wollte, auch ohne eigenes Zutun ziemlich verr\u00fcckt gewesen sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt jetzt verwirrend. Soll es auch. Genau das ist die Strategie Kirstil\u00e4s, der ein gewiefter Hund ist, der sich entschlossen hat, als Langweiler aufzutreten. Um dann sehr nachdr\u00fccklich das Gegenteil zu belegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zum Abschluss das inzwischen \u00fcbliche Credo des Rezensenten: Die beste nordische Kriminalliteratur kommt aus Finnland. Dort ist es furchtbar kalt, so kalt, dass selbst dieser Roman aus dem Jahr 1981 die Zeit wohlkonserviert und unbeschadet \u00fcberstanden hat. Der Grafit Verlag hat ihn f\u00fcr uns aufgetaut und hoffentlich noch mehr davon im Gefrierfach.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Pentti Kirstil\u00e4: Klirrender Frost. <br \/>Grafit 2007 (Original: \u201eJ\u00e4\u00e4hyv\u00e4iset lasihevosele\u201c, 1981, deutsch von Gabriele Schrey-Vasara). <br \/>252 Seiten. 17,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So allm\u00e4hlich geht es einem mit Pentti Kirstil\u00e4 wie mit Reginald Hill. Man liest ihre B\u00fccher und ist sauer, sie wieder nicht bei einer Schw\u00e4che erwischt zu haben. 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