{"id":17841,"date":"2007-08-22T07:53:48","date_gmt":"2007-08-22T07:53:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/karin-slaughter-gottlos\/"},"modified":"2022-06-06T22:26:51","modified_gmt":"2022-06-06T20:26:51","slug":"karin-slaughter-gottlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/karin-slaughter-gottlos\/","title":{"rendered":"Karin Slaughter: Gottlos"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Vorbemerkung der Redaktion: Krimikritik ist eine Sache f\u00fcr gereifte Menschen. Mindestens 40 sollte man schon sein, erfahren in allen Dingen des Lebens, auch in den Abgr\u00fcnden der menschlichen Seele zu Hause. Keineswegs also ist Krimikritik eine Besch\u00e4ftigung f\u00fcr Menschen auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Pubert\u00e4t, wenn die Hormone verr\u00fccktspielen und man &#8211; wie unser Azubi Jochen &#8211; das Fr\u00e4uleinchen Anobella immer so komisch anguckt. Zum Beweis ver\u00f6ffentlichen wir im Folgenden eine Rezension dieses Jochen, welche sich mit der bekannten und beliebten Kriminalschriftstellerin Slaughter in einer Art und Weise auseinandersetzt, die wir nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig ablehnen. Immerhin stand &#8222;Gottlos&#8220; auf der KrimiWelt-Bestenliste, wurde also von den kl\u00fcgsten Krimik\u00f6pfen der Republik geadelt. Jochen, der in seiner Freizeit auch Death Metal &#8211; Musik rezensiert &#8211; &#8222;Nur totes Metall ist gutes Metall&#8220; -, k\u00fcmmert dies nicht. Er ist jung. Er ist verwirrt. Er ist rebellisch. Kurzum: Er ist Azubi bei wtd. Haben Sie bitte Nachsicht!)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eGottlos\u201c hat einen sch\u00f6nen Einband. Vor einer schieferartigen Textur steht eine engelsgleiche M\u00e4dchenstatue mit gefalteten H\u00e4nden. Warum betet das M\u00e4dchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Bittet es um eine erz\u00e4hlenswerte Geschichte? Vergebens.<br \/>Bittet es um glaubw\u00fcrdige Figuren? Vergebens.<br \/>Bittet es um Qualit\u00e4t? Vergebens.<br \/>Bittet es um Sinn und Verstand? Vergebens.<br \/>Bittet es um exorbitante Verkaufszahlen? Genehmigt.<br \/>Gott ist ein Buchhalter mit einem grausamen Humor. Warum sonst sollte ein Buch, in dem Dummheit Dreh- und Angelpunkt ist, derart erfolgreich sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch beginnen wir ziemlich am Anfang\u2026 Da stolpert ein \u00e4u\u00dferst unliebensw\u00fcrdiges Liebespaar (so wird behauptet) w\u00e4hrend einer an den Haaren herbeigezogenen Beziehungsdiskussion buchst\u00e4blich \u00fcber eine Leiche. Zuf\u00e4llig sind das Paar Polizeichef und Gerichtsmedizinerin des Handlungsortes.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht dass es wichtig w\u00e4re, denn erst einmal werden die h\u00e4uslichen Probleme einer weiteren Polizistin er\u00f6rtert, die trotz weitschweifiger Erl\u00e4uterungen WARUM sie sich von ihrem ranzigen Freund schlagen l\u00e4sst und zu einem Schwangerschaftsabbruch gen\u00f6tigt f\u00fchlt, im Vagen bleiben und bis zur mageren Schlusspointe auch keine gro\u00dfartige Rolle mehr spielen. Nat\u00fcrlich trifft die kleine Polizistin eine Mitpatientin in der Abtreibungsklinik, die im Laufe des Romans noch eine gewichtige Rolle spielen soll. Wir nehmen es gelassen zur Kenntnis und kehren zur\u00fcck zum Kriminalfall \u2013 der mit knapp 100 Seiten mehr als ausreichend geschildert w\u00e4re (Fundamentalistische Sippe hat Sch\u00e4fchen in ihren Reihen, die zwischen religi\u00f6sem Wahnsinn und Machtbesessenheit ein Zelt aufgeschlagen haben, in dem sich T\u00e4ter und Opfer zum Stelldichein einfinden. Kann nicht gut gehen. Durchaus interessantes Thema, das auf den Punkt erz\u00e4hlt durchaus einen spannenden Krimi h\u00e4tte ergeben k\u00f6nnen. Doch genau dazu ist Frau Slaughter nicht in der Lage.), aber in einem Buch von \u00fcber 500 Seiten kaum Aufmerksamkeit findet. H\u00f6chstens dort, wo k\u00f6rperliche Deformationen eine Rolle spielen. Stattdessen: die ewig gleiche Geschichte vom Paar, das nicht zueinander finden kann weil der Teich so tief ist. Nat\u00fcrlich haben sie ihn selbst gebuddelt, wie alle Paare und Verbindungen im Roman selbst schuld sind an ihren zwanghaften Verstrickungen. Das kann man in ein paar Halbs\u00e4tzen durchaus zur Kenntnis nehmen, nur, muss man daraus ein vielseitiges Nichts extrahieren? Slaughter tut es. Mit Behagen. Erkl\u00e4rt ihre Leser gleich f\u00fcr d\u00e4mlich, weil kaum eine Handlung geschieht, ohne dass sie als Autorin selbst oder durch eine ihrer erfundenen Figuren erkl\u00e4ren l\u00e4sst, dass das Geschehene gerade passiert ist, und warum es passiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich mir diesen Roman nicht zwecks Rezension gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ich h\u00e4tte ihn nach rund 50 Seiten in die Ecke geschmissen. Denn ich hasse es, von AutorInnen zum Idioten erkl\u00e4rt zu werden. Wenn irgendwelche grundunsympathischen und kaum nachvollziehbar handelnden Personen von einer m\u00e4\u00dfig begabten Autorin gezwungen werden, Dinge zu tun, die ein Lebewesen mit einem IQ knapp \u00fcber Zimmertemperatur nur unter vermehrtem Drogeneinfluss tun w\u00fcrde, explodiert ein Mindestma\u00df an Verstand oder schaltet sich ab. Die Verkaufszahlen sprechen B\u00e4nde, gehecheltes Jauchzen inklusive: es scheint ein LesreInnenklientel zu geben, dass sich im Bett der permanenten Unterforderung behaglich eingerichtet hat. Dort f\u00fchlt sich auch Frau Slaughter wohl: zwischen Nichts und nirgendwo und dem traurigen Gef\u00fchl, das man ein Buch nicht in den Arsch treten kann, um ihm wenigstens eine lesenswerte Novelle zu entlocken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGottlos\u201c ist so schlecht, weil es nichts mitzuteilen hat. Dort, wo die Geschichte interessant wird, bricht sie ab oder folgt Spuren, die klischeehafter sind als Mutters verzweifelter Versuch einen Toilettenpapierhalter f\u00fcr den Wagenfond zu h\u00e4keln. Am Ende l\u00f6st sich alles halbwegs in Wohlgefallen auf, das zerstrittene P\u00e4rchen wird sich einig, der pr\u00fcgelnde Freund wird vermutlich zum Teufel gejagt. Ach ja, der Fall findet auch seinen Abschluss, und das ein oder andere Opfer ist zu beklagen. Wenn man denn will. Ich will nicht, sondern bin heilfroh, dass das Debakel endlich zugeklappt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Jochen K\u00f6nig im gottlosen Jahr 2007<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Karin Slaughter: Gottlos. <br \/>Wunderlich 2007 <br \/>(Original: \u201eFaithless\u201c, 2005, deutsch von Sophie Zeitz). <br \/>510 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Vorbemerkung der Redaktion: Krimikritik ist eine Sache f\u00fcr gereifte Menschen. Mindestens 40 sollte man schon sein, erfahren in allen Dingen des Lebens, auch in den Abgr\u00fcnden der menschlichen Seele zu Hause. 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