{"id":17842,"date":"2007-08-23T07:49:28","date_gmt":"2007-08-23T07:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/joe-r-lansdale-rumble-tumble\/"},"modified":"2022-06-15T21:36:20","modified_gmt":"2022-06-15T19:36:20","slug":"joe-r-lansdale-rumble-tumble","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/joe-r-lansdale-rumble-tumble\/","title":{"rendered":"Joe R. Lansdale: Rumble Tumble"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwischen den Konfektionst\u00fcmpeln und der literarischen Tiefsee (also etwa zwischen Karin Slaughter und Jan Costin Wagner) muss, wer die Krimiwelt umsegeln will, bisweilen eine Erfrischungsinsel ansteuern. James Cook hat es ja schlie\u00dflich auch getan. Festes Land mit frischen Lebensmitteln. Joe R. Lansdale.<br \/>Lansdale ist ein Genreautor; eine Berufsbezeichnung, die hiererorts sofort nach Heftchen riecht und entsprechend ger\u00fcmpfter Nase goutiert wird. Er schreibt Western, Horrorgeschichten und Krimis, manchmal weder noch, das famose \u201eSturmwarnung\u201c beispielsweise, das zwar als Krimi durchgeht, dem \u201eGenre\u201c aber eine Nase dreht. Einige dieser Arbeiten sind Standalones, was angesichts der Serienmanie nicht verkaufsf\u00f6rdernd ist, doch Lansdale hat auch seine Serie mit den Protagonisten Leonard Pine und Hap Collins.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und die k\u00f6nnten unterschiedlicher nicht sein. Leonard ist schwarz, schwul und Vietnam-Veteran, Hap ist wei\u00df, auf Frauen fixiert und eher heikel, was Gewalt betrifft. Gemeinsam haben sie aber ihr Schicksal. Arbeiter sind sie, typische Vertreter von Unterschichten-USA, dort wo es am rednackigsten ist, am dreckigsten auch, irgendwo in Texas. Gute Jungs, eigentlich. Die aber immer wieder in Situationen geraten, die sie zu K\u00e4mpfern f\u00fcr \u201eGerechtigkeit\u201c werden l\u00e4sst, eine Gerechtigkeit, die nur zynisch und mit Waffengewalt hergestellt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal geht es um Haps Freundin Brett, deren Tochter Tillie ihre Drogensucht mit Prostitution finanziert und ziemlich in der Schei\u00dfe sitzt. Von ihrem \u201eBesitzer\u201c an eine \u00fcble Motorradgang namens \u201eBandito Supremes\u201c verkauft, erduldet sie auf deren diskreter mexikanischer Ranch F\u00fcrchterliches. Und Brett ist gewillt, ihre Tochter zu befreien. Hap und Leonard helfen ihr dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Was jetzt beginnt, ist eine bizarre Reise durch den amerikanischen S\u00fcden, wo er am trostlosesten ist. Wir begegnen Lilliputanern, die auch schon mal kleine M\u00e4dchen an Ruderbl\u00e4tter nageln, gel\u00e4uterten Killern, die als Priester Bu\u00dfe tun, besoffenen Piloten und schn\u00fcffelnden Indianern, launischen Gangsterbossen, sadistischen Waffenh\u00e4ndlern und hirnlosen Schl\u00e4gern. \u00dcberall starrt es vor Dreck, ist eine Schrotflinte das beste Argument, brachialer Humor der einzige Weg durch die H\u00f6lle. Es wird also viel geschossen, verpr\u00fcgelt, beleidigt, Hap, der eigentlich das T\u00f6ten ablehnt, wei\u00df im entscheidenden Augenblick nat\u00fcrlich, dass dies keine Welt ist, die auf seine philosophischen Reflexionen R\u00fccksicht nimmt und killt munter mit. Muss sein, sorry.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Resultat ist ein wunderbarer kleiner Krimi, dessen \u201eFunnyness\u201c der Welt angepasst ist, in der er spielt. Dramaturgisch mit jener Raffinesse eines Genreautors gearbeitet, der sein Handwerk als Handwerk versteht und seine Geschichten erz\u00e4hlt, wie es ein Geschichtenerz\u00e4hler tun sollte. Rasant, geradeaus, lustig (wenn man nicht nur lacht, wenn es der Abiturbesitz erlaubt, also \u201ehintergr\u00fcndig\u201c oder \u201edass einem das Lachen im Halse stecken bleibt\u201c oder \u201epolitisch korrekt\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz bemerkenswert: Das Material, mit dem Lansdale hier hantiert, ist quasi handels\u00fcbliche Krimiware, in jedem Genrebaumarkt preisg\u00fcnstig zu erwerben. All das Zeugs, das angeblich von der \u201eBegrenzung des Genres\u201c Zeugnis ablegt, diese irren Typen und Aktionen, gerinnt unter Lansdales Meisterh\u00e4nden zu einem Unikat.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, das erfrischt. Es gibt einem, wenn man sich wieder einmal durch bedruckte Papierberge gearbeitet hat, aus denen einem der Flachsinn wahlweise analphabetischer oder tiefsinniger Formulierungen in all seiner Nichtigkeit entgegengrinst, neue Kraft f\u00fcrs Krimilesedasein und die Hoffnung, dass vielleicht die NormalleserInnen immer gen\u00fcgsamer werden, die AutorInnen aber nicht unbedingt mit ihnen. Jedenfalls einige. Wenige. Joe R. Lansdale ganz bestimmt. Immer.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Joe R. Lansdale: Rumble Tumble. <br \/>Funny Crimes \/ Shayol 2007 (<br \/>Original: \u201eRumble Tumble\u201c, 1998, deutsch von Richard Betzenbichler). <br \/>218 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den Konfektionst\u00fcmpeln und der literarischen Tiefsee (also etwa zwischen Karin Slaughter und Jan Costin Wagner) muss, wer die Krimiwelt umsegeln will, bisweilen eine Erfrischungsinsel ansteuern. James Cook hat es ja schlie\u00dflich auch getan. Festes Land mit frischen Lebensmitteln. Joe R. Lansdale.Lansdale ist ein Genreautor; eine Berufsbezeichnung, die hiererorts sofort nach Heftchen riecht und entsprechend [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17842","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17842","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17842"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17842\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17842"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17842"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17842"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}