{"id":17848,"date":"2012-02-10T07:52:06","date_gmt":"2012-02-10T07:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/guido-rohm-letzte-interviews\/"},"modified":"2022-06-08T05:22:48","modified_gmt":"2022-06-08T03:22:48","slug":"guido-rohm-letzte-interviews","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/guido-rohm-letzte-interviews\/","title":{"rendered":"Guido Rohm: Letzte Interviews"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/die-sorgen-der-killer.jpg\" alt=\"die-sorgen-der-killer.jpg\" width=\"170\" height=\"281\"\/><em>So ist das. Zwei Jungs haben eine Gesch\u00e4ftsidee, dann kommt ein Krimiautor und macht sie zunichte. Nicht irgendein Krimiautor, sondern Tom Torn. Sein Freund Guido Rohm berichtet wahrheitsgem\u00e4\u00df, was da geschah. Die Botschaften vorweg: Schriftsteller sind Idioten, es lebe der Neoliberalismus, die Presse ist sensationsgeil und Guido Rohm ver\u00f6ffentlicht bald einen neuen Erz\u00e4hlband, \u2192<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Sorgen-Killer-Crime-Stories\/dp\/3940274399\/ref=sr_1_4?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1328856232&amp;sr=1-4\">&#8222;Die Sorgen der Killer&#8220;<\/a>, den nicht zu erwerben ein krimiw\u00fcrdiges Verbrechen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen gute und anregende Unterhaltung, nein, falsch, wir garantieren daf\u00fcr&#8230;<br \/><em>(f\u00fcr Ludger Menke)<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\"><strong>Guido Rohm<\/strong><\/div>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\"><strong>Letzte Interviews<\/strong><\/div>\n\n\n\n<p>Immer wieder kamen Journalisten ins Gef\u00e4ngnis, um Frank und Ralph zu interviewen. Den beiden gefiel das ausgenommen gut. Sie spielten die Rolle der Schwerverbrecher perfekt. Wenn man sie fotografierte, machten sie grimmige Gesichter. Eigentlich lief alles prima. Man hatte sie in einer gemeinsamen Zelle untergebracht.<br \/>\u201eIst dir auch aufgefallen, dass es hier nie regnet?\u201c<br \/>\u201eDas liegt an der Gegend.\u201c<br \/>\u201eFr\u00fcher waren wir auch in solchen Gegenden, aber es hat meistens geregnet.\u201c<br \/>\u201eVielleicht haben wir unseren G\u00f6tterstatus verloren.\u201c<br \/>\u201eDaran k\u00f6nnte es liegen.\u201c<br \/>Sie lagen nachdenklich auf ihren Pritschen und tr\u00e4umten von der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auszug aus dem letzten Interview mit Ed Harlan:<br \/>Frank Fallon: In den 60er Jahren waren Sie eine Ber\u00fchmtheit. Sie haben mit ihren Romanen frischen Wind in die Science-Fiction gebracht.<br \/>Ed Harlan: Schon richtig. Aber heute kennt mich niemand mehr. Haben Sie Wodka besorgt?<br \/>Frank Fallon: Nat\u00fcrlich. Hier ist er. Sie haben Autoren wie Stanislav Lem und Philip K. Dick noch pers\u00f6nlich gekannt. Wie waren die so?<br \/>Ed Harlan: Lem hat immer nur gen\u00f6rgelt. Und Dick litt unter Verfolgungswahn. Zum Gl\u00fcck sind die beiden tot. Die konnten einem ganz sch\u00f6n auf die Eier gehen.<br \/>Frank Fallon: Stimmt es, dass Sie ihren letzten Roman \u201eDie Rache der Alten\u201c f\u00fcr nur noch einen Dollar an ihren damaligen Hausverlag loswerden konnten?<br \/>Ed Harlan: Ich denke, wir brechen diese Schei\u00dfe hier ab. Ihr seht mir aus wie ein paar schwule Arschl\u00f6cher. Verpisst euch. Die Flasche bleibt hier. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht nach dem Interview brachen sie in Harlans Wohnung ein. Alles war so, wie sie es zuvor gesehen hatten. Die Zimmer waren vollgestopft mit B\u00fcchern und allem m\u00f6glichen Kram. Es roch muffig. Danach waren sie froh, dass sie wieder drau\u00dfen waren. Auf ihren l\u00f6chrigen Socken schlichen sie die knarrende Treppe zu seiner Dachwohnung empor. Von dort hatte man einen herrlichen Blick auf das n\u00e4chtliche Paris. Der Eifelturm leuchtete wie eine Rakete vor dem Start. An einer der Dachluken hielten sie kurz inne und sogen die warme Nachtluft ein. Es roch nach Autoabgasen und einem Hauch von Pizzagew\u00fcrz. Sie grinsten sich an und schlichen dann weiter. Sie tasteten sich an der Wand entlang wie Blinde, damit sie nichts umwarfen, keinen L\u00e4rm machten. Wahrscheinlich lag er schon volltrunken im Bett. Aber man konnte nie wissen.<br \/>\u201eSieh dir das an\u201c, fl\u00fcsterte Frank und zeigte auf unz\u00e4hlige verschimmelte Teller, die sich in der K\u00fcche stapelten. Sie standen auf der Sp\u00fcle, auf dem Tisch, dem Boden. Dazwischen immer wieder B\u00fccher. Die meisten waren Ausgaben seiner fr\u00fcheren Erfolge.<br \/>\u201eUmso besser\u201c, zischte Ralph. \u201eDa wird wenigstens keiner nachfragen.\u201c<br \/>Frank hielt sein Feuerzeug hoch. Dann erlosch es pl\u00f6tzlich.<br \/>\u201eWas ist mit dem beschissenen Feuerzeug?\u201c<br \/>Frank sch\u00fcttelte das Feuerzeug. \u201eLeer\u201c, sagte er.<br \/>\u201eWas soll das hei\u00dfen?\u201c<br \/>\u201eLeer hei\u00dft leer. Nichts mehr drin. Ende. Aus. Jetzt kapiert?\u201c<br \/>\u201eDu Idiot!\u201c<br \/>\u201eHab dich nicht so. Ich habe noch Streichh\u00f6lzer.\u201c<br \/>Zum Gl\u00fcck hatten sich ihre Augen bereits an die Dunkelheit gew\u00f6hnt. Sie packten den mitgebrachten Benzinkanister aus und besprenkelten die B\u00fccher.<br \/>G\u00e4rtner des Schreckens, ja, das sind wir, dachte Ralph.<br \/>Frank kramte die Streichholzschachtel aus seiner Hosentasche. Mit zitternden H\u00e4nden nahm er eines heraus und versuchte, es zu entz\u00fcnden. Es erlosch sofort wieder. Er atmete zu heftig ein und aus.<br \/>\u201eGib her\u201c, fuhr Ralph ihn an.<br \/>\u201eLeise!\u201c, zischte Frank zur\u00fcck.<br \/>Ralph nahm ihm die Streichh\u00f6lzer ab.<br \/>\u201eNa also.\u201c Das Streichholz brannte. Die Flamme zuckte aufgeregt und in ihrem Schein sahen sie sich f\u00fcr einen kurzen Augenblick an.<br \/>Dann legten sie den Brand und verschwanden. Wie aufgeregte Kinder rannten sie auf ihren Socken die Treppe hinunter. Sie begegneten niemandem.<br \/>Niemand hat uns gesehen, dachten sie und kicherten den ganzen Weg bis zum Hotel.<br \/>Die Wohnung brannte komplett aus. Und mit ihr verbrannten Ed Harlans B\u00fccher und mit ihnen Ed Harlan selbst. Er war vollkommen verkohlt.<br \/>Einige Wochen sp\u00e4ter erschien das letzte Interview mit Ed Harlan in einem Wochenmagazin. Ein letztes Mal huldigte man einem der ganz gro\u00dfen Autoren der Phantastik.<br \/>Nat\u00fcrlich ermittelte die Polizei wegen Brandstiftung. Man verh\u00f6rte auch die Journalisten, die dieses letzte Interview gef\u00fchrt hatten. Aber die franz\u00f6sische Polizei sch\u00f6pfte keinen Verdacht. Sie grinsten die beiden nur an. Man hielt sie f\u00fcr ein Paar.<br \/>Frank und Ralph w\u00e4ren vielleicht nerv\u00f6s geworden, wenn sie gewusst h\u00e4tten, dass Detektive Carl Land aus New York die Verh\u00f6rprotokolle angefordert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Nachricht rausging, der ehemals ber\u00fchmte Autor Ed Harlan sei in seiner Wohnung verbrannt, sa\u00dfen Frank und Ralph bei einem Espresso. Sie hatten die ganze Nacht gefeiert und waren verkatert. Sie konnten sich nicht mehr an alles erinnern.<br \/>\u201eWie haben wir das wieder gemacht?\u201c Frank lehnte sich behaglich zur\u00fcck und z\u00fcndete sich eine Zigarette an. \u201eJetzt warten wir noch ein paar Stunden und dann verkaufen wir unser letztes Interview mit diesem Ed Harlan an den H\u00f6chstbietenden. Glaube mir, sie werden sich darum rei\u00dfen. Wie immer.\u201c<br \/>\u201eDas werden sie!\u201c Ralph nickte eifrig.<br \/>\u201eWenn man bedenkt, dass der fast nichts von unserem Geschreibsel wirklich gesagt hat. Aber wer will das schon wissen. Sie werden sich darum balgen. Sie sind doch wie die Hy\u00e4nen. Tote haben sich schon immer gut verkauft. Wer ein ber\u00fchmter K\u00fcnstler werden will, sollte so schnell wie m\u00f6glich sterben.\u201c Er \u00fcberlegt kurz. \u201eUnd dann machen wir Urlaub, einen langen Urlaub. Drei letzte Interviews reichen f\u00fcrs erste. Eigentlich sollten sie uns dankbar sein. Wir holen doch nur diese Wracks aus der Versenkung. Harlan war doch nur noch ein versoffenes St\u00fcck Dreck.\u201c<br \/>\u201eUnd wohin soll unsere Reise gehen?\u201c<br \/>\u201eIch dachte an eine sch\u00f6ne Insel. Vielleicht eine Schatzinsel.\u201c<br \/>\u201eWir k\u00f6nnten auch einfach hierbleiben. Unser Verschwinden k\u00f6nnte Aufsehen erregen.\u201c<br \/>\u201eQuatsch. So bekannt sind wir auch wieder nicht. Sie werden uns sowieso vernehmen. Aber, was k\u00f6nnen wir daf\u00fcr, wenn die alle abkratzen.\u201c<br \/>Sie schwiegen und nippten an ihren Espressos.<br \/>\u201eEinen h\u00e4tte ich noch \u2026\u201c, sagte Ralph.<br \/>\u201eSo?\u201c Frank grinste ihn breit an. \u201eMan kann sich an diese letzten Interviews gew\u00f6hnen, was?\u201c<br \/>\u201eSagen wir mal so, man gew\u00f6hnt sich schnell daran, den nat\u00fcrlichen Lauf der Dinge etwas zu beschleunigen.\u201c<br \/>Sie strahlten sich an.<br \/>\u201eAn wen hast du gedacht?\u201c<br \/>\u201eTom Torn. Ein amerikanischer Krimiautor. Seine gro\u00dfen Erfolge liegen schon eine Zeitlang zur\u00fcck. Er raucht zu viel, trinkt zu viel. Niemand w\u00fcrde sich wirklich wundern, wenn so einer pl\u00f6tzlich stirbt. Ein Raub\u00fcberfall mit Todesfolge w\u00fcrde sich gut machen.\u201c<br \/>Frank dachte dar\u00fcber nach.<br \/>\u201eVielleicht hast du recht\u201c, sagte Frank. \u201eSo ein allerletztes Interview w\u00fcrde uns endg\u00fcltig sanieren.\u201c<br \/>\u201eJa, das w\u00fcrde es.\u201c<br \/>Dann schwiegen sie wieder. Sie liebten ihr Schweigen. Es gab Abende, da sprachen sie \u00fcberhaupt nichts.<br \/>Frank winkte dem Kellner. Der winkte zur\u00fcck. Eigentlich hatte er nur bezahlen wollen.<br \/>Was f\u00fcr ein idiotisches Land, dachte er. Wir h\u00e4tten hier noch mehr letzte Interviews f\u00fchren sollen.<br \/>Drau\u00dfen mussten sie durch den Regen zu ihrem Hotel laufen. Das war nicht romantisch. Das war einfach nur Paris im Sp\u00e4tsommer.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem verregneten Morgen kamen sie mit dem Taxi in Brooklyn an. Der Taxifahrer fluchte die ganze Fahrt unaufh\u00f6rlich \u00fcber die Stadt und ihre Einwohner. Er kam urspr\u00fcnglich aus Pakistan. So wie er schimpfte, schien er wirklich alles sehr zu hassen: seinen Job, die Stadt und vor allem die Arschl\u00f6cher, die er st\u00e4ndig irgendwohin transportieren musste. \u201eIch bin K\u00fcnstler!\u201c, schrie er nach hinten. \u201eVerstehen Sie. Kein Taxifahrer.\u201c So fuhr er auch.<br \/>Sie mieteten sich in einer billigen Absteige ein. Der Typ an der Rezeption hockte in einem Gartenstuhl und sah sich ein Pornoheft an. Sie brachten ihre Sachen aufs Zimmer und erkundeten die Gegend.<br \/>\u201eDa dr\u00fcben wohnt er.\u201c Frank bog die \u00c4ste eines Baumes auseinander und zeigte auf ein heruntergekommenes Backsteinhaus. \u201eEr haust da mit seinen Katzen. Nach meinen Recherchen wohnt er allein. Keine Frau oder Freundin. Kaum Freunde. Nur einen schwulen Verleger, der hin und wieder vorbeikommt.\u201c<br \/>\u201eVielleicht l\u00e4uft da was\u201c, kicherte Ralph.<br \/>\u201eBei diesen Typen wei\u00df man doch nie\u201c, sagte Frank.<br \/>\u201eHat in dem Haus nicht John Lennon gewohnt?\u201c<br \/>\u201eNein!\u201c<br \/>\u201eSieht aber so aus.\u201c<br \/>\u201eIst aber nicht das Haus.\u201c<br \/>\u201eDu wei\u00dft, ich mag John Lennon. Ich w\u00fcrde ungern jemanden t\u00f6ten, der in dem Haus wohnt, in dem auch Lennon gelebt hat.\u201c<br \/>\u201eDer hat da nicht gewohnt. Nerv jetzt nicht.\u201c<br \/>\u201eBist du sicher?\u201c<br \/>\u201eGott \u2026\u201c<br \/>Sie schlenderten zur Pension zur\u00fcck und schliefen einige Stunden. Sie besorgten sich eine Waffe. Das war gar nicht so einfach, klappte aber schlie\u00dflich doch. Sie bekamen die Waffe \u00fcber den Freund eines Freundes, der wiederum jemanden kannte, der einen Freund hatte, der gewisse Dinge anbot. Sie mussten mit dem Zug nach White Plains rausfahren, um sich mit dem \u201eFreund\u201c zu treffen.<br \/>\u201eKein Mensch verkauft in einer solchen Gegend illegale Waffen\u201c, sagte Frank zu dem \u201eFreund\u201c.<br \/>\u201eIch schon\u201c, sagte der \u201eFreund\u201c.<br \/>\u201eUnd warum?\u201c, fragte Frank.<br \/>\u201eVielleicht wohne ich hier, du Genie\u201c, schnauzte ihn der \u201eFreund\u201c an.<br \/>Sp\u00e4ter diskutierten sie lange auf dem Zimmer miteinander. Jetzt mussten sie noch an das Interview kommen. Sie legten sich hin, um sich auszuruhen. Als sie aufwachten, war es Abend geworden. Es regnete.<br \/>\u201eWarum regnet es eigentlich \u00fcberall, wo wir sind?\u201c, fragte Ralph.<br \/>\u201eVielleicht sind wir verdammte Regeng\u00f6tter.\u201c<br \/>\u201eIch hasse Regen.\u201c<br \/>\u201eIch auch.\u201c<br \/>Sie nickten einander zu.<br \/>\u201eDie verfluchte Zeitumstellung bringt mich irgendwann noch um\u201c, sagte Frank. Er sah Ralph beim Anziehen zu.<br \/>\u201eStarr mich nicht so an, du Schwuchtel\u201c, sagte Ralph.<br \/>\u201eSelber Schwuchtel.\u201c Frank warf ein Kissen nach Ralph. Der fing es lachend auf und warf es mit aller Wucht zur\u00fcck. Ein paar Sekunden sp\u00e4ter lieferten sie sich die wildeste Kissenschlacht. Sie waren ein prima Team. Niemand konnte sie stoppen. Sie w\u00fcrden die Welt mit letzten Interviews \u00fcberziehen.<br \/>\u201eIm Grunde \u2026\u201c, sagte Frank.<br \/>\u201eIm Grunde?\u201c<br \/>\u201eNa ja, wir machen diese ganzen Bastarde erst ber\u00fchmt. Sie m\u00fcssten uns eigentlich dankbar sein.\u201c<br \/>\u201eFrank?\u201c<br \/>\u201eJa?\u201c<br \/>\u201eWie sollten sie uns dankbar sein? Sie sind tot. Und wir haben sie umgebracht.\u201c<br \/>\u201eDu solltest dich nicht immer in solchen Details verlieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr seht aus wie zwei Tunten.\u201c<br \/>Tom Torn stand breitbeinig und nur mit Unterhose und Unterhemd bekleidet in der T\u00fcr.<br \/>Fehlt nur noch, dass er sich im Schritt kratzt, dachte Ralph.<br \/>Torn kratzte sich im Schritt. Ralph und Frank starrten ihn erstaunt an.<br \/>\u201eIhr wollt also ein Interview? Also rein mit euch\u201c, grunzte Torn.<br \/>Sie schlichen an ihm vorbei und warteten. Es roch seltsam.<br \/>\u201eDorthin. In die K\u00fcche.\u201c Torn z\u00fcndete sich eine Zigarette an. Er wirkte angetrunken.<br \/>\u201eEs freut uns, dass Sie bereit sind, uns ein Interview zu geben.\u201c<br \/>Torn zuckte mit den Schultern.<br \/>Sie gingen voran in die K\u00fcche. Mit diesem Torn im R\u00fccken f\u00fchlten sie sich unwohl. Der Kerl erschien ihnen nicht geheuer. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Nat\u00fcrlich hatten sie von seinen Wutausbr\u00fcchen gelesen, aber diesen Berg von einem Mann tats\u00e4chlich vor sich zu haben, war etwas ganz anderes. Was, wenn er durchdrehte. Diese ehemaligen Ber\u00fchmtheiten hatten meistens psychische Probleme. Torn w\u00fcrde da keine Ausnahme bilden.<br \/>In der K\u00fcche deutete Torn auf zwei Barhocker. Sie schwangen sich darauf und warteten.<br \/>\u201eD\u00fcrfen wir Fotos von Ihnen machen\u201c, fragte Frank schlie\u00dflich.<br \/>\u201eKeine Fotos\u201c, knurrte Torn. \u201eWill euch doch nicht umlegen m\u00fcssen.\u201c Er grinste sie an. Dann lachte er laut auf.<br \/>Frank und Ralph sahen sich kurz an. Das hier lief \u00fcberhaupt nicht nach ihren Vorstellungen. Sie w\u00fcrden die Fotos brauchen. Sonst w\u00fcrde dieses letzte Interview kaum etwas Wert sein.<br \/>\u201eAlso, die Fragen \u2026\u201c Torn schnippte Asche auf einen Teller mit angetrockneten Nudelresten.<br \/>Was sie beruhigte, war der Umstand, dass es hier genauso aussah wie bei all den anderen. Ralph kramte sein Diktierger\u00e4t heraus.<br \/>\u201ePack das wieder weg, Kleiner\u201c, sagte Torn. \u201eDu kannst dir Notizen machen. Mehr nicht.\u201c<br \/>Sie sahen sich erneut an.<br \/>\u201eL\u00e4uft da was zwischen euch?\u201c, fragte Torn pl\u00f6tzlich. Er dr\u00fcckte die Zigarette im Teller aus und z\u00fcndete sich sofort die n\u00e4chste an.<br \/>\u201eH\u00f6ren Sie mal \u2026\u201c<br \/>Torn lachte glucksend. \u201eWartet hier. Ich komme gleich wieder.\u201c Er wankte aus der K\u00fcche.<br \/>\u201eDer Typ ist betrunken\u201c, fl\u00fcsterte Frank.<br \/>\u201eNa und? Das waren sie doch alle. Abgewrackte Typen, die ihr Leben nicht mehr im Griff haben. Deshalb haben wir sie doch ausgesucht.\u201c<br \/>\u201eSchon. Aber der hier ist irgendwie \u2026\u201c<br \/>Torn tauchte wieder auf. In seiner rechten Hand hielt er einen Revolver, ein m\u00e4chtiges Ding, das irgendwie antik aussah.<br \/>\u201eAch ja, Sie sammeln Waffen. Das habe ich gelesen.\u201c Frank versuchte, so ruhig wie m\u00f6glich zu wirken. Trotzdem zitterte seine Stimme leicht.<br \/>\u201eHast du gelesen?\u201c Torn lachte sie an. \u201eSo, ihr zwei Tunten werdet euch jetzt ausziehen.\u201c<br \/>Frank und Ralph starrten ihn an.<br \/>\u201eLassen Sie die Sp\u00e4\u00dfe.\u201c<br \/>\u201eKein Spa\u00df\u201c, sagte Torn. Er dr\u00fcckte die halbgerauchte Zigarette im Teller aus.<br \/>Ralph und Frank konnten es nicht glauben. Sie waren tats\u00e4chlich an einen Irren geraten.<br \/>\u201eSie werden \u00c4rger bekommen.\u201c Ralphs Stimme klang leise.<br \/>\u201ePasst mal auf. Ihr zieht euch jetzt aus. Dann schiebt ihr euch eure Zungen in die H\u00e4lse und ich fotografiere diese kleine Liebelei. Dann verschwindet ihr und bringt ein schmeichelhaftes Interview \u00fcber den gro\u00dfen und einzigartigen Tom Torn. Und wenn mir das Interview gef\u00e4llt, dann braucht ihr keine Angst zu haben, dass diese Bilder in die falschen H\u00e4nde geraten. Hab ich euch eigentlich schon erz\u00e4hlt, dass John Lennon in diesem Haus gewohnt hat?\u201c<br \/>\u201eNein, haben Sie nicht!\u201c schrie Frank.<br \/>\u201eGut\u201c, sagte Torn selbstzufrieden. \u201eErst ausziehen, dann erz\u00e4hle ich euch die Geschichte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frank und Ralph sa\u00dfen in der Pension auf ihren Betten und starrten stumm vor sich hin. Sie beobachteten die abbl\u00e4tternde Tapete. Seit Stunden hatten sie nicht mehr geredet. Hin und wieder rannten sie ins Bad und kotzten.<br \/>\u201eUnd? Was machen wir jetzt?\u201c Frank b\u00fcrstete sich mit dem Zeigefinger die Z\u00e4hne.<br \/>\u201eKeine Ahnung. Besser wir lassen den in Ruhe. Der ist vollkommen irre.\u201c<br \/>\u201eUnd das Interview?\u201c<br \/>\u201eWir sollten es schreiben und verkaufen. Der wird die Bilder tats\u00e4chlich ver\u00f6ffentlichen.\u201c<br \/>\u201eWir k\u00f6nnten bei ihm einbrechen und versuchen, an die Fotos zu kommen.\u201c<br \/>\u201eWer wei\u00df, wo er die hat.\u201c<br \/>\u201eHm!\u201c<br \/>\u201eHm!\u201c<br \/>Sie schwiegen wieder und starrten vor sich hin. Dann sprang Frank auf und rannte r\u00fcber zur Klosch\u00fcssel.<br \/>Ralph h\u00f6rte eine Weile zu, dann st\u00fcrmte er hinterher. Da knieten sie eintr\u00e4chtig neben der Sch\u00fcssel und \u00fcbergaben sich.<br \/>Dieses verfluchte Interview hat alles ver\u00e4ndert, dachte Frank. Er f\u00fchlte sich schon lange zu Ralph hingezogen. Er verscheuchte den Gedanken und \u00fcbergab sich erneut. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte er Ralphs Hand in seinem Nacken. Ralph hielt ihm den Kopf.<br \/>\u201eDanke\u201c, sagte Frank.<br \/>\u201eWir sind doch Freunde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Blatt wollte das Interview drucken. Niemand hatte Interesse an Tom Torn. Sie versuchten es \u00fcberall. Keine Chance.<br \/>\u201eMit wem?\u201c<br \/>\u201eTom Torn. Der amerikanische Krimiautor. Hat fr\u00fcher mal mit Norman Mailer gesoffen.\u201c<br \/>\u201eSie haben ein Interview mit Norman Mailer?\u201c<br \/>Es war zum Verzweifeln.<br \/>\u201eSchei\u00dfegal\u201c, sagte Frank schlie\u00dflich.<br \/>\u201eGenau\u201c, sagte Ralph.<br \/>Frank nahm Ralph in den Arm. \u201eWir sollten ihm dankbar sein.\u201c<br \/>\u201eDas sollten wir.\u201c Ralph beugte sein Gesicht zu Frank hinunter und gab ihm einen Kuss.<br \/>\u201eWir sollten ihm eine Karte schreiben.\u201c<br \/>\u201eEine Karte?\u201c<br \/>\u201eJa. Soll er doch die Fotos ver\u00f6ffentlichen. Die k\u00f6nnen uns inzwischen mehr nutzen als schaden.\u201c<br \/>\u201eJa. Schreiben wir ihm eine Karte.\u201c<br \/>\u201eWie l\u00e4uft es mit Carter?\u201c<br \/>\u201eSehr gut. Er hat sich richtig in mich verknallt.\u201c<br \/>\u201eHast du schon gefragt?\u201c<br \/>\u201eJa.\u201c Ralph griff nach den Zigaretten. \u201eEr wird uns das Interview geben.\u201c<br \/>Frank kicherte. \u201eSein letztes Interview meinst du \u2026\u201c<br \/>\u201eDas wird es wohl sein.\u201c<br \/>\u201eDu sollst doch nicht im Bett rauchen.\u201c<br \/>\u201eTut mir leid.\u201c Ralph dr\u00fcckte die Zigarette aus und beugte sich \u00fcber Frank. Sie lachten beide und dann verschwand Ralphs Kopf unter der Bettdecke. Frank streckte sich nach der Nachttischlampe und schaltete das Licht aus. Er l\u00e4chelte sanft. Vor ihnen lag eine herrliche Zukunft. Sie w\u00fcrden vielleicht heiraten. Es gab L\u00e4nder, wo das ging.<br \/>\u201eSchon verr\u00fcckt \u2026\u201c<br \/>\u201eWenn dieser Torn nicht gewesen w\u00e4re \u2026\u201c<br \/>\u201eGott segne Tom Torn.\u201c<br \/>\u201eOh ja.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach Weihnachten erhielt Tom Torn eine Postkarte. Er arbeitete gerade an einem Band mit Kurzgeschichten.<br \/>Wieder ein Buch mehr, das niemand lesen wird, dachte er.<br \/>Die Postkarte kam aus Sankt Moritz. Er sa\u00df in Unterhose und Unterhemd vor seinem Computer, kratzte sich versonnen im Schritt, und las die Karte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lieber Tom,<\/em><br \/><em>vielen Dank f\u00fcr den sch\u00f6nen Aufenthalt bei Ihnen. Sollten Sie die Fotos noch ver\u00f6ffentlichen wollen, dann tun Sie das. Sie haben uns Gl\u00fcck gebracht.<br \/>Winterliche Gr\u00fc\u00dfe von Frank und Ralph.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Torn musste eine Zeitlang \u00fcberlegen. Er kratzte sich eine Weile, dann fiel es ihm wieder ein. Er war damals ziemlich betrunken gewesen. In der Kamera hatte sich nicht mal ein Film befunden und im Grunde sch\u00e4mte er sich f\u00fcr die Sache. Aber sie schienen es ihm nicht nachzutragen. Umso besser. Trotzdem tat es ihm leid. Er sollte sich bei den beiden entschuldigen. Hatte er ihnen nicht auch noch einen Haufen L\u00fcgen \u00fcber John Lennon aufgetischt?<br \/>Schei\u00df drauf, dachte er schlie\u00dflich. Sie h\u00e4tten wenigstens ein Interview bringen k\u00f6nnen.<br \/>Nichts.<br \/>Er war schon lange nicht mehr interviewt worden. Sein letztes lag Jahre zur\u00fcck.<br \/>Interviews bringen einen voran, dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gleiche dachten Ralph und Frank in Sankt Moritz. Immerhin hatten sie gerade f\u00fcr teures Geld das letzte Interview mit dem ehemals ber\u00fchmten Modedesigner Carter Williamson verkauft. Die Magazine rissen sich darum.<br \/>\u201eUnd wen kn\u00f6pfen wir uns als n\u00e4chstes vor?\u201c<br \/>\u201eNiemanden!\u201c<br \/>\u201eNiemanden?\u201c<br \/>\u201eJetzt wird erst mal geheiratet. Au\u00dferdem will ich nicht nur andere ber\u00fchmt machen, ich will selber ber\u00fchmt sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stie\u00dfen gerade mit Champagner darauf an, als es an die T\u00fcr klopfte.<br \/>\u201eErwartest du jemanden?\u201c<br \/>\u201eNein.\u201c<br \/>Ralph stellte das Glas ab und ging nachsehen. Es dauerte eine Weile, bis er zur\u00fcckkam. Als er schlie\u00dflich wieder auftauchte, grinste er \u00fcber das ganze Gesicht, dessen R\u00f6te dem Sonnenuntergang drau\u00dfen Konkurrenz machen konnte.<br \/>\u201eFrank, mein Schatz. Darf ich vorstellen.\u201c Ralph stellte sich seitlich. \u201eDas ist Detektive Carl Land. Er h\u00e4tte einige Fragen an uns.\u201c<br \/>\u201eEndlich!\u201c, rief Frank. \u201eEndlich werden wir mal interviewt.\u201c<br \/>Er rieb seine feuchten H\u00e4nde aneinander und setzte sich erwartungsvoll auf. Seine W\u00fcnsche waren schneller in Erf\u00fcllung gegangen, als er erwartet hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ist das. Zwei Jungs haben eine Gesch\u00e4ftsidee, dann kommt ein Krimiautor und macht sie zunichte. Nicht irgendein Krimiautor, sondern Tom Torn. Sein Freund Guido Rohm berichtet wahrheitsgem\u00e4\u00df, was da geschah. Die Botschaften vorweg: Schriftsteller sind Idioten, es lebe der Neoliberalismus, die Presse ist sensationsgeil und Guido Rohm ver\u00f6ffentlicht bald einen neuen Erz\u00e4hlband, \u2192&#8222;Die Sorgen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17848","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17848"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17848\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}