{"id":17849,"date":"2007-08-27T05:48:29","date_gmt":"2007-08-27T05:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xv\/"},"modified":"2022-06-05T23:33:40","modified_gmt":"2022-06-05T21:33:40","slug":"kapitel-xv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/kapitel-xv\/","title":{"rendered":"Kapitel XV"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Wickius sitzt voll in der Schei\u00dfe! N\u00e4mlich in einem Kerker! Wo? Auf IDIOT, der k\u00fcnstlichen S\u00fcdseeinsel! Was passiert dort? S\u00e4mtliche deutsche KrimiAutorInnen befinden sich auf IDIOT, um eine Weiterbildungsma\u00dfnahme zu absolvieren! Sagt der komische Alte! Aber er l\u00fcgt! Und Wickius deliriert said Stunden! Wow! Spannend! Klar, dass diese Folge mit einem sauguten Cliffhanger endet!<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wasser. Ich sehnte mich nach Wasser. Nur Wasser. Ein Fiebertraum. Ich sah mich mit gierig ge\u00f6ffnetem Mund inmitten SINTFLUTARTIGER REGENF\u00c4LLE, den Kopf ins Genick gedr\u00fcckt, das erfrischende Nass wie ein Gebirgsbach in mein Maul st\u00fcrzend. Wasser!!!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fiebertraum ging weiter. Ich w\u00e4hnte mich im Jahre 2107. Ein Flugzeug landete auf dem Pieke Biermann Airport Berlin, die Tour de France endete im Frankfurter Jan-Seghers-Radstadion, ich spazierte auf dem Anne-Chaplet-Wanderweg durch den herrlichen Taunus, begab mich nach Wiesbaden und bummelte \u00fcber die Hauptgesch\u00e4ftsstra\u00dfe, die Anobella-Allee. Der deutsche Krimi hatte es geschafft. Weltgeltung. Irgendwo in merry old England hatte wer eine bescheidene Seite ins Netz gesetzt. \u201eEarly british Crime Fiction\u201c, von allen verlacht. Gabs doch gar nicht! Wusste doch jeder! Der Krimi? Eine deutsche Erfindung! Ziemlich spleenig, der Mann!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fiebertraum steigert sich. Dpr hat den Literaturnobelpreis gewonnen. Dreimal hintereinander. Dpr? Ach ja, da war doch was. Vor vielen Stunden (ich wusste nicht, ob vor 5 oder 50 oder 500) war die T\u00fcr meines dunklen, engen und feuchten Verlieses aufgegangen, eine m\u00e4chtige Gestalt mit Affenmaske hatte den Kerker betreten, h\u00f6hnisch \u201eNa, durstig?\u201c gefragt, schallend gelacht, mir dann ein Konvolut beschriebenen Papiers vor die F\u00fc\u00dfe geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLesen Sie das hier wenigstens! Ich mach auch Licht. Damit Sie, bevor es mit Ihnen zu Ende geht, sagen k\u00f6nnen: Ich habe die Zukunft der deutschen Kriminalliteratur erblickt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft der deutschen Kriminalliteratur? Ich versuchte zu lachen, es gelang mir nicht, der Mann mit der Affenmaske drehte sich um, lachte seinerseits schallend, verschloss die T\u00fcr, absolute Stille, eine tr\u00fcbe Gl\u00fchbirne spendete pl\u00f6tzlich fahles Licht. Ich delirierte. Mein Gehirn baute Verse mit Endreimen.<\/p>\n\n\n\n<p>Juli Zeh,<br \/>wei\u00df wie Schnee.<br \/>Setz dich, holde Krimifee,<br \/>neben mich aufs Kanapee.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Henrike Heiland<br \/>Auf\u2019nem hei\u00dfen Eiland.<br \/>Mann, das k\u00f6nnte spa\u00dfig sein.<br \/>Aber will ichs? Antwort: nein.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich erinnerte ich mich an das Konvolut, griff danach. Ein Krimi von dpr? Seit wann schrieb der Krimis? Ich begann zu lesen. Misstrauisch zuerst, dann gebannt, schlie\u00dflich ersch\u00fcttert. Der Affenmensch hatte nicht gelogen. Das WAR die Zukunft des deutschen Kriminalromans, eindeutig! Und sofort wurde mir bewusst, dass ich die Drucklegung dieses epochalen Werkes nicht mehr miterleben w\u00fcrde. Kein HANDSIGNIERTES EXEMPLAR \u2192<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de\">VORBESTELLEN!<\/a> konnte. Ich begann bitterlich zu weinen. DPR mochte ein schlechter Mensch sein, aber er konnte schreiben wie der Teufel pers\u00f6nlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Leben rauschte in einem wild geschnittenen Film an mir vorbei, so wie es in der Stunde des Todes passieren soll, sagt man. Ich sah mich als kleinen Jungen in der Bibliothek meiner Eltern, auf der Suche nach \u201eschmutzigen B\u00fcchern\u201c, was ich fand war eine Agatha-Christie-Gesamtausgabe. Ich las sie mit klopfendem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnitt. Als pickliger J\u00fcngling beim ersten Rendezvous. Kurz vor der Erf\u00fcllung meiner geheimsten W\u00fcnsche. Mein Blick fiel auf meine Armbanduhr. Halb neun. Gleich w\u00fcrde im Fernsehen der dritte Miss-Marple-Film laufen. Ich lie\u00df meine Angebetete auf der Parkbank liegen und eilte nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Beller. Ja, auch sie geh\u00f6rte zu meinem Leben, auch wenn ich das bisher immer geleugnet hatte. Sie nervte. Sie war ordin\u00e4r. Man sah ihr an, dass sie exzessiv MARS-Riegel verzehrte. Aber ich liebte sie. Irgendwie.<\/p>\n\n\n\n<p>Menke. Ich musste verr\u00fcckt sein, jetzt an Menke zu denken. Der sicher irgendwo, bis zur Halskrause mit Drogen abgef\u00fcllt, in einer Ecke lag und schwer schnarchte. Hilfe, HERR!, erl\u00f6se mich aus diesem Albtraum!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sah ich sie. Zuerst erkannte ich sie nicht. Die bezaubernde junge Dame aus dem Flugzeug, das mich in diese vermaledeite S\u00fcdsee gebracht hatte. Wie hie\u00df sie noch gleich? Schrunz? Claudine Schrunz? \u2013 Es war mir, als trete sie durch die T\u00fcr meines letzten Kerkers, nein, als schl\u00fcpfte sie geschmeidig wie eine Schlange hinein, als kniee sie vor mir. Dann hob sie meinen fiebernassen Kopf vom kalten Steinboden, bettete ihn in ihren wunderbaren Scho\u00df. Ich \u00f6ffnete die Lippen, versuchte zu sprechen, sie hielt mir den Mund zu. Sagte dann:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRuhig! Keiner darf uns h\u00f6ren! Hier, trinken Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas ber\u00fchrte meine Lippen, ich \u00f6ffnete sie abermals, gierig jetzt, denn Wasser benetzte pl\u00f6tzlich mein Gesicht, schoss wie SINTFLUTARTIGE REGENF\u00c4LLE \u00fcber die Poren, dann endlich, endlich in mich selbst. Ich hustete, die Fee machte \u201epssst!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, eine Fee musste sie sein. Zwar nicht Juli Zeh, aber Fr\u00e4ulein Schrunz, auf das sich nichts zu reimen schien. Sie nahm mir die Flasche von den Lippen, ich verlangte nach mehr, doch sie strich mir sanft die Haare aus den Augen und benetzte sie mit K\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eArmer, armer Wickius! Was hat man Ihnen angetan! Aber jetzt bin ich ja da! Es gibt noch Hoffnung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffnung? Ja, sollte dies am Ende doch kein beschissener Fiebertraum sein? Die Schrunzen real, ihre K\u00fcsse echt, ihr weicher Scho\u00df true crime? Ich hatte keinen Durst mehr, das Wasser war tats\u00e4chlich Wasser gewesen. Und folglich musste die Schrunz auch die Schrunz sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSind Sie ein Irrlicht meiner Phantasie \u2013 oder sind Sie es wirklich?\u201c fragte ich m\u00fchsam und leise. Sie l\u00e4chelte mich an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin es wirklich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie kommen Sie hierher? Was suchen Sie auf dieser verfluchten Insel?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas was auch Sie gesucht haben. Die Wahrheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Wahrheit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Lassen Sie mich in kurzen Worten berichten. Wir haben noch Zeit. Wir k\u00f6nnen die Flucht erst wagen, wenn es vollst\u00e4ndig dunkel geworden ist. Also \u2013 ich habe Ihnen damals, als wir uns kennenlernten, nicht die Wahrheit gesagt. Ich bin nicht hier, um Verwandte zu besuchen, sondern im Auftrag der CWS, der Crime Watch Society.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNie geh\u00f6rt\u201c, murmelte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas glaube ich gern. Wir sind n\u00e4mlich geheimer als geheim. So eine Art CIA f\u00fcr Krimiangelegenheiten. Es obliegt uns, die Vorherrschaft amerikanischer Kriminalliteratur auf dem internationalen Markt zu sichern. Was haben denn die USA sonst, was sie exportieren k\u00f6nnten? Autos? Ha, ha! Popmusik? Ja, sicher. Aber auf einem Bein kann man nicht stehen. Deshalb die CWS. Ihre Aufgabe ist es, den internationalen Krimimarkt zu beobachten und jede Tendenz nationaler Krimikulturen, die US-amerikanische Hegemonie zu st\u00f6ren, im Keim zu ersticken. Vor Monaten schon erreichten uns beunruhigende Nachrichten aus Deutschland. Offensichtlich plante man dort genau das: die Weltherrschaft in Sachen Krimiproduktion. Immer neue talentierte Autoren erschienen auf dem Markt. Bottini. Elke Schwab. Die unvermeidliche Juli Zeh. Bei uns l\u00e4uteten s\u00e4mtliche Alarmglocken. Rasch erfuhren wir von IDIOT, dieser k\u00fcnstlichen Insel. Man hat mich ausersehen, hier zu landen \u2013 der Chinese und sein Kumpel haben mich hierher gebracht \u2013 und den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich habe auf einer Palme am Strand gesessen, als man Sie verhaftete und hierher brachte. Ich habe einen g\u00fcnstigen Moment abgewartet, in die N\u00e4he des Kerkers zu kommen, der gottlob nur durch einen schweren Eisenriegel verschlossen war. Aber jetzt sollten wir versuchen, von hier zu entkommen. In drei Stunden nimmt uns der Chinese wieder auf und bringt uns in Sicherheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00e4hnte mich noch immer im Fieber, doch war wieder soweit hergestellt, dass ich wusste, es war kein Fieber, es war Wirklichkeit. M\u00fchsam erhob ich mich aus der Schrunzen Scho\u00df. Meine Beine waren noch etwas schwach, doch wir gelangten gl\u00fccklich aus dem Verlies.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo sind wir hier eigentlich?\u201c fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schrunz antwortete: \u201eHinter dem Ankerwindenraum. Den m\u00fcssen wir durchqueren, dann gelangen wir in den Maschinenraum. Von dort aus ins Freie. Keine Angst. Die beiden Wachen habe ich ausgeschaltet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wagte nicht zu fragen, wie. Wir durchquerten den Ankerwindenraum gl\u00fccklich, kamen in den Maschinenraum. Es brannte auch hier nur eine tr\u00fcbe Gl\u00fchbirne und tauchte die m\u00e4chtige Maschine in d\u00e4monisches Licht. Nur noch wenige Schritte&#8230; da pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte wieder dieses h\u00e4ssliche Lachen hinter uns \u2013 der Alte in seinem Bratenrock.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieh an, sieh an, eine neue, bisher noch unbekannte Besucherin! Und unser Freund Wickius! Sollten Sie nicht eigentlich im Kerker schmoren? Na so was!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden schwerbewaffneten M\u00e4nner an seiner Seite grinsten. Einen glaubte ich zu erkennen, er glich dem Kriminalassistenten Giorgio, in seinem Gesicht die Spuren schweren Drogenmissbrauchs, wahrscheinlich Apostrophin, die Partydroge Karlsruher Germanisten. Man hatte ihn offenbar einer Gehirnw\u00e4sche unterzogen, was in Anbetracht der Gr\u00f6\u00dfe des zu reinigenden Objekts nicht sehr lange gedauert haben d\u00fcrfte. Jetzt hielt er eine abges\u00e4gte Schrotflinte in H\u00e4nden und richtete sie auf uns.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann wollen wir gn\u00e4dige Frau doch mal einem peinlichen Verh\u00f6r unterziehen. Mal schauen, was sie uns zu erz\u00e4hlen hat. Und Wickius? Brauchen wir den noch? Ich w\u00fcrde sagen: nein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er wandte sich an Giorgio.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLeg an, mein Sohn und verpass ihm eine Ladung! Und Sie, gn\u00e4dige Frau, verlassen bitte die Schusslinie, eine Schrotflinte streut ziemlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich trat die Schrunz ein paar Schritte zur Seite, stand jetzt an der Maschine. Giorgio hob die Waffe, grinste dreckig und legte an. Im n\u00e4chsten Moment durchfuhr es mich wie ein Erdbeben, etwas detonierte in meinen Geh\u00f6rg\u00e4ngen, ich verlor die Herrschaft \u00fcber meinen K\u00f6rper, ich fiel. War ich jetzt tot? Merkw\u00fcrdig, den Einschlag der Kugeln hatte ich \u00fcberhaupt nicht gesp\u00fcrt. Aber das war normal. Ja, ich musste tot sein.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Anna Beller schluchzte. Sie war in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st. Wickius hatte sie geliebt! Und jetzt war er tot! Wenn er sich ihr doch wenigstens EINMAL hingegeben h\u00e4tte! Sie war doch bereit gewesen! &#8212; Moment mal&#8230;.tot? Wie konnte er dann die Flaschenpost ins Meer werfen? Und was wollte diese bl\u00f6de Kuh von Schrunzin pl\u00f6tzlich in der Geschichte? &#8212; Die geht ja noch weiter! Anna Beller wischte sich die salzigen Tr\u00e4nen aus dem Gesicht, a\u00df zwei MARS-Riegel und setzte die Lekt\u00fcre fort. Die nahe Kirchturmuhr schlug halb drei und wie immer um diese Zeit fiel Wickiussens Portr\u00e4t von der Wand \u00fcber Anna Bellers Bett und landete auf dem Kopfkissen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Wickius sitzt voll in der Schei\u00dfe! N\u00e4mlich in einem Kerker! Wo? Auf IDIOT, der k\u00fcnstlichen S\u00fcdseeinsel! Was passiert dort? S\u00e4mtliche deutsche KrimiAutorInnen befinden sich auf IDIOT, um eine Weiterbildungsma\u00dfnahme zu absolvieren! Sagt der komische Alte! Aber er l\u00fcgt! Und Wickius deliriert said Stunden! Wow! Spannend! 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