{"id":17852,"date":"2007-08-29T05:36:16","date_gmt":"2007-08-29T05:36:16","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/lesenotiz-derek-raymond-er-starb-mit-offenen-augen\/"},"modified":"2022-06-13T16:17:23","modified_gmt":"2022-06-13T14:17:23","slug":"lesenotiz-derek-raymond-er-starb-mit-offenen-augen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/lesenotiz-derek-raymond-er-starb-mit-offenen-augen\/","title":{"rendered":"Lesenotiz Derek Raymond: Er starb mit offenen Augen"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit der Ermordung des gescheiterten Schriftstellers Charles Staniland steigt der namenlose Detective Sergeant aus den Albtr\u00e4umen des Autors in das literarische London der achtziger Jahre. Er arbeitet in der Abteilung f\u00fcr unaufgekl\u00e4rte Todesf\u00e4lle, A 4, die sich in einem \u201eFactory\u201c genannten Polizeigeb\u00e4ude befindet, <em>\u201edie mit Abstand unbeliebteste und unbequemste Truppe\u201c. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der DS, Anfang vierzig und an Bef\u00f6rderung nicht interessiert, macht sich keine Illusionen \u00fcber seinen Job.<em> \u201eWir arbeiten an unverst\u00e4ndlichen, unwichtigen, offenbar belanglosen Todesf\u00e4llen von Leuten, die nicht von Interesse sind und es niemals waren.\u201c <\/em>Er nimmt keine R\u00fccksichten. Er achtet keine Vorgesetzten, er provoziert sie. Er hat kein Privatleben, jedenfalls hat er es nicht mehr. Viel \u00fcber seine Vergangenheit erfahren wir in diesem ersten von f\u00fcnf \u201eFactory\u201c-Romanen nicht, von einer Tochter ist die Rede, aber in Vergangenheitsform, und erst im n\u00e4chsten Buch (\u201eDer Teufel hat Heimaturlaub\u201c) blicken wir auch in diesen Abgrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht die Absicht dieser ersten Notizen, den Inhalt der Romane gerafft wiederzugeben. Staniland wurde ermordet, \u201ebrutal\u201c, wie man so sagt, totgepr\u00fcgelt. Der DS ermittelt, sp\u00fcrt Exfrauen, Freundinnen, Kollegen, Zechkumpane und Feinde des Opfers auf, hat irgendwann eine Hypothese, begibt sich in Gefahr, kommt beinahe darin um, stellt Recht und Ordnung wieder her.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber T\u00e4tersuche interessiert Raymond nicht sonderlich. Sie treibt Kriminalromane voran, das ja, sie l\u00e4sst den Ermittler durch eine furchtbare Welt irren, nicht swinging London, hier tanzt etwas anderes, der Wahnsinn mit dem Grauen, vielleicht. Die T\u00e4ter sind abnorme Gesch\u00f6pfe, brutal inbezil, mit wuchernden Mutterkomplexen, impotent, selbstzerst\u00f6rerisch, Personal, aus der Wirklichkeit hochgerechnet, ihr ein Gesicht gebend, in dem sie sich nicht erkennen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Der DS interessiert sich f\u00fcr die Opfer und ihre Umst\u00e4nde, er kriecht in ihre K\u00f6pfe. Staniland hat Kassetten hinterlassen, auf die er sein Leben gesprochen hat, der DS h\u00f6rt sie sich alle an, und manchmal verschwimmt das, manchmal redet Staniland aus dem DS, braucht der die Kassetten nicht abzuspielen, sie spielen sich in einem Kopf selbst ab.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWerke von ungeheuerlicher Dichte und Wucht, thematisch wie literarisch\u201c <\/em>hat Pieke Biermann die f\u00fcnf Factory-Romane (den letzten hat sie selbst \u00fcbersetzt) genannt, 1994, in einem Nachruf f\u00fcr das \u201eDeutsche Allgemeine Sonntagsblatt\u201c. Mit \u201eEr starb mit offenen Augen\u201c beginnt dieses Grauen, es wird sich, man kann es kaum glauben, noch steigern und schlie\u00dflich in \u201eIch war Dora Suarez\u201c den Gipfel erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>All das kann man lesen, dazu braucht es keine Erkl\u00e4rungen. Wie es denn \u00fcberhaupt fragw\u00fcrdig ist, dass man Romane erst dann als gro\u00dfe Kunst durchgehen l\u00e4sst, wenn man die Leserschaft mit \u201e notwendigen Zusatzinformationen\u201c versorgt, s\u00e4mtliche \u201eBedeutungsebenen\u201c ausgebreitet hat. Aber Raymond ist einer der seltenen F\u00e4lle, wo dieses Extra an Wissen, das sich eben nicht bei der Lekt\u00fcre erschlie\u00dft, die Intensit\u00e4t der Texte noch steigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Staniland. Ein Opfer. Erfolgloser Schriftsteller, erfolgloser Liebhaber, totgepr\u00fcgelt. Auf den Kassetten erz\u00e4hlt er aus seinem Leben \u2013 und das was er erz\u00e4hlt, sind Fragmente der Autobiografie des Autors, wie dieser sie in \u201eHidden Files\u201c auf ganz merkw\u00fcrdige Weise niedergeschrieben hat. Merkw\u00fcrdig, weil die Autobiografie sich irgendwann in einer gro\u00dfen Definition des \u201eNoir-Romans\u201c verliert, aus dem Leben also im Wortsinn Literatur wird, ja, mehr noch: FORM.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat so gar nichts vom \u00fcblichen Muster des wohlfeilen \u201eFinde den Autor in seinen Werken\u201c. Raymond seziert sich selbst \u2013 nein, falsch, er erfindet eine Figur, den namenlosen Detective Sergeant, der mit seiner ganzen Routine, seinem ganzen traurigen Zynismus (was jetzt fast der legend\u00e4re wei\u00dfe Schimmel ist) diesem erb\u00e4rmlichen und geschundenen B\u00fcndel Mensch Gerechtigkeit widerfahren l\u00e4sst. Postmortem. Und doch nur herausfindet, dass dieser Staniland von v\u00f6llig verkorksten Psychopathen in einer ebenso verkorksten und psychopathischen Welt vernichtet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kein literarischer Kunstgriff, das ist existentiell. Das wird noch existentieller, wenn wir diesen DS im weiteren Verlauf der Factory-Reihe n\u00e4her kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Theorie des Kriminalromans, die von einer Dichotomie realistischer \u2013 psychologischer Krimi ausgeht. Will sagen: Entweder zeigt uns ein Krimi das Au\u00dfen oder er beschreibt uns das Innen. Man k\u00f6nnte dem einiges entgegenhalten, aber das ist nicht n\u00f6tig. Es gen\u00fcgt, auf Derek Raymond zu verweisen. Das Au\u00dfen ist das Innen und vice versa, aber es ist noch komplizierter als es sich anh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Ermordung des gescheiterten Schriftstellers Charles Staniland steigt der namenlose Detective Sergeant aus den Albtr\u00e4umen des Autors in das literarische London der achtziger Jahre. Er arbeitet in der Abteilung f\u00fcr unaufgekl\u00e4rte Todesf\u00e4lle, A 4, die sich in einem \u201eFactory\u201c genannten Polizeigeb\u00e4ude befindet, \u201edie mit Abstand unbeliebteste und unbequemste Truppe\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17852","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17852"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17852\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}