{"id":17853,"date":"2007-08-31T05:36:03","date_gmt":"2007-08-31T05:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/neues-fuer-die-wortschatztruhe\/"},"modified":"2022-06-06T22:46:56","modified_gmt":"2022-06-06T20:46:56","slug":"neues-fuer-die-wortschatztruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/08\/neues-fuer-die-wortschatztruhe\/","title":{"rendered":"Neues f\u00fcr die Wortschatztruhe"},"content":{"rendered":"\n<p>Auch Kriminalromane leben vom Wortschatz ihrer Macherinnen und Macher. Nun ja, wird man sagen, die deutsche Sprache ist reichhaltig genug, da findet ein jeder was er braucht. Das ist richtig. Dennoch kann es nie schaden, von Zeit zu Zeit neue krimispezifische W\u00f6rter zu kreieren. Wir beginnen mit vier davon, denen gemeinsam ist, dass sie garantiert bei jeder Google-Suche zu 0 Treffern f\u00fchren. Bis jetzt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In der einschl\u00e4gigen Literatur ist der Massenm\u00f6rder nat\u00fcrlich massenweise vertreten. Was aber ist mit dem Masselm\u00f6rder? Fehlanzeige! Abgeleitet vom j\u00fcdischen Massel = Gl\u00fcck steht der Masselm\u00f6rder f\u00fcr einen T\u00e4ter, der beim Vollbringen seines Werks Schwein gehabt hat. Man stelle sich etwa vor, der M\u00f6rder erdolcht sein Opfer in einer vollbesetzten Stra\u00dfenbahn, mit der gerade die 3. Mordkommission G\u00fctersloh einen Betriebsausflug unternimmt. Und von der Tat nichts bemerkt, ja, vielleicht dem Killer noch beim Abwischen der Tatwaffe (\u201eGebm Se ma her \u2013 hassn Papiertaschentuch, Horst?\u201c) behilflich ist. Dann reden wir mit Fug und Recht von einem Masselm\u00f6rder, der mehr Gl\u00fcck als Verstand gehabt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Massenm\u00f6rder verwandt ist der Serienm\u00f6rder. W\u00e4hrend jedoch ersterer sich mit dem Werfen einer Handgranate ins vollbesetzte Lehrerzimmer begn\u00fcgen mag, sucht sich letzterer seine Opfer gezielt aus, z.B. nur br\u00fcnette 34j\u00e4hrige medizinisch-technische Angestellte aus Wolfratshausen im sch\u00f6nen Bayernland. Man kennt ihn also, den Serienm\u00f6rder, doch was ist mit dem phonetisch verwandten Sirenenm\u00f6rder? Er wird immer dann aktiv, wenn irgendwo eine Sirene heult \u2013 bevorzugt in der Nacht und meistens ist es falscher Alarm. Das bringt den Sirenenm\u00f6rder v\u00f6llig an den Rand der Verzweiflung, der blanken Wut \u2013 und er sucht sich das n\u00e4chstbeste Opfer (meistens die neben ihm ruhende Ehefrau).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesen beiden Wortneusch\u00f6pfungen aus dem Bereich der T\u00e4tertypologie dr\u00e4ngt sich eine weitere auf, diesmal eher polizeibezogen. \u00dcber den Ermittler braucht hier kein weiteres Wort verloren zu werden, er schlappt praktisch durch jedes Werk der Kriminalliteratur, ob man ihn nun braucht oder nicht. Was aber ist mit dem Eremitler? Er arbeitet als lonely wolf, ist 100 % teamunf\u00e4hig und auch privat eher mit one-night-stands zufrieden, Hauptsache, keine Frau knallt ihre Zahnb\u00fcrste auf die Ablage unter den Badezimmerspiegel. Man muss zugeben, dass diese auch sprachlich vorgenommene Differenzierung die deutsche Kriminalliteratur nur bereichern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein letztes Neuwort sei f\u00fcr das weite Feld der Kriminalpsychologie beigesteuert. Dort tummeln sich seit geraumer Zeit sogenannte Profiler (sprich: Profeiler), die sich an Vorab-Charakterisierungen des M\u00f6rders versuchen. Ein Contrafiler hingegen ist bis dato in der Kriminalliteratur weitgehend umbekannt. Sehr zu Unrecht. W\u00e4hrend sich der Profiler ein Bild von der Tatperson macht, entwirft der Contrafiler Bilder all der Personen, die garantiert NICHT f\u00fcr die Tat in Frage kommen. S\u00e4uglinge beispielsweise. Oder 97j\u00e4hrige Greise, wenn bekannt ist, dass der T\u00e4ter sein Opfer mit einem 100 Kilo schweren Hammer nach drei hintereinander vollzogenen Geschlechtsakten ins Jenseits bef\u00f6rdert hat. Eine delikate Konstallation, konfliktgeladen by nature, k\u00f6nnte man sagen, denn Pro- und Contrafiler stehen nat\u00fcrlich schon rein namenstechnisch in Konkurrenz zueinander und k\u00f6nnen sich nicht riechen (Variante: Profiler weiblich, Contrafiler m\u00e4nnlich, am Ende kriegen sie sich).<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass sich die deutschen Krimischaffenden der neuen W\u00f6rter flei\u00dfig bedienen und so ihren Werken jenen dringend notwendigen Pepp verleihen, den es braucht, wenn der Plot etwas d\u00fcnn, die allgemeine Sprachbeherrschung miserabel und die F\u00e4higkeit zur Personenzeichnung kaum vorhanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<br \/>Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Neologie und Nekrophilie der Universit\u00e4t des Saarlandes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch Kriminalromane leben vom Wortschatz ihrer Macherinnen und Macher. 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