{"id":17857,"date":"2007-09-03T05:33:00","date_gmt":"2007-09-03T05:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xvi\/"},"modified":"2022-06-13T15:33:36","modified_gmt":"2022-06-13T13:33:36","slug":"kapitel-xvi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xvi\/","title":{"rendered":"Kapitel XVI"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Wickius hat die k\u00fcnstliche S\u00fcdseeinsel IDIOT erreicht, auf der die deutschen Krimischaffenden Fortbildungskurse in Plotten, Surfen und Deutsch besuchen. Er wird inhaftiert. Die bezaubernde US-amerikanische Geheimagentin Claudine Schrunz befreit ihn. Doch der b\u00f6se Alte macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der zugedr\u00f6hnte Giorgio zielt mit einer Schrotflinte auf Wickius. Er dr\u00fcckt ab. &#8212; Das Kapitel endet mit orgiastischen Kopulationsszenen und ist daher f\u00fcr zartbesaitete Gem\u00fcter kaum geeignet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich hatte mir das Totsein anders, irgendwie endg\u00fcltiger vorgestellt. Jedenfalls nicht als ein von schmerzendem Stei\u00df negativ \u00fcberlagerter Zustand, den die Ber\u00fchrung durch eine ebenso weiche wie weibliche Hand paradiesisch beendete. Ich wei\u00df nicht, warum mir Fr\u00e4ulein Schrunz gerade DORTHIN griff \u2013 vielleicht sagte ihr der Instinkt, es sei der einzige Punkt, dessen Stimulierung M\u00e4nner sogar von den Toten aufzuerwecken mochte. Sie tat es also. Sie ber\u00fchrte meine Nasenspitze und fragte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSind Sie okay, Wickius? K\u00f6nnen Sie aufstehen? Dann w\u00fcrde ich sagen: Hauen wir von hier ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erst langsam begriff ich, was geschehen war, und Claudine erz\u00e4hlte mir sp\u00e4ter das, was ich mir innerhalb der wenigen Augenblicke, die mir zur Verf\u00fcgung standen, nicht selbst zusammenreimen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht eine Schrotgarbe hatte mich niedergestreckt, sondern die pl\u00f6tzliche Aktivit\u00e4t des gewaltigen Motors von IDIOT. Claudine war, als der irre Giorgio seine Waffe auf mich gerichtet hatte, unbemerkt zur Seite getreten, hatte jenen roten Knopf an der Umh\u00fcllung des Motors gewahrt und \u2013 gedr\u00fcckt. Ohne Vorwarnung hatte die Maschine ihre Kraft entwickelt, bereit, IDIOT von der Stelle zu bewegen, was jedoch durch die Tatsache vereitelt wurde, dass vier schwere Anker die k\u00fcnstliche Insel an ihrem Platz festhielten. So k\u00e4mpften hier also die Kr\u00e4fte gegeneinander. Ergebnis: eine Art Erdbeben. IDIOT erzitterte, es fiel mir schwer, mich zu erheben, ich hielt mich an Claudine fest \u2013 und zwar genau dort, wo man auch Frauen von den Toten auferwecken kann, aber auch nur dann, wenn sie nicht ganz ohne Gef\u00fchle sind. Claudine war dies gottlob nicht. Sie warf mir einen tiefen Blick zu und streifte meine Hand mit der ihren beinahe bedauernd von der linken der beiden W\u00f6lbungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen jetzt einen klaren Kopf behalten\u201c, sagte sie und wies mit dem ihren auf die drei am Boden liegenden und offensichtlich bewusstlosen M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich begriff sofort. Giorgio will auf mich schie\u00dfen \u2013 Claudine dr\u00fcckt den roten Knopf \u2013 der Motor beginnt zu arbeiten \u2013 IDIOT beginnt zu erzittern \u2013 Giorgio verliert das Gleichgewicht \u2013 er rei\u00dft die Waffe hoch, dr\u00fcckt ab \u2013 schie\u00dft die Schrotladung in die Decke \u2013 diese verliert s\u00e4mtliche Contenance und st\u00fcrzt in schweren Einzelteilen herunter \u2013 trifft den Alten und seine beiden Bewaffneten \u2013 und zwar genau an ihren schw\u00e4chsten Stellen: den K\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beugte mich zum Alten; er schien tot zu sein. Auch einer der Bewaffneten atmete nicht mehr. Nur Giorgio gab Ger\u00e4usche von sich, die auf sein Verweilen unter den Lebenden schlie\u00dfen lie\u00dfen. Immer noch mit einer \u00dcberdosis Apostrophin abgef\u00fcllt, dazu, wie ich annahm, mit einem geh\u00f6rigen Quantum Antiritzeltropin in der Blutbahn, stierte er mich mit seinen irren Augen an und kr\u00e4chzte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSagen Sie Anobella, dass&#8230;.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann verlor er das Bewusstsein. Armer Kerl. Claudine Schrunz legte mir ihren Arm auf die Schulter, sagte: \u201eWir m\u00fcssen weg!\u201c und sie hatte Recht. Es war keine Zeit f\u00fcr Mitmenschlichkeit, Giorgio w\u00fcrde selber sehen m\u00fcssen, wie er sich aus dieser Schei\u00dfe befreien konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir ins Freie traten, erkannten wir, welche fatalen Folgen das m\u00e4chtige und dauerhafte Erzittern von IDIOT gezeitigt hatte. Viele der B\u00e4ume waren umgest\u00fcrzt und hatten Menschen unter sich begraben. Hier lag wenigstens die H\u00e4lfte der deutschen Krimischaffenden in ihrem Blut, die andere rannte panisch und schreiend umher. Dann gab es einen Ruck, der selbst Claudine und mich von den Beinen fegte. Ich nahm an, eine der Ankerketten habe der Gegenkraft nicht mehr standgehalten, sei gerissen \u2013 da, ein zweiter Ruck \u2013 da, ein dritter \u2013 IDIOT wurde nur noch von einem Anker gehalten, die Insel begann sich um ihre L\u00e4ngsachse zu drehen, immer schneller, immer schneller. Keine Frage: Wir mussten schleunigst von hier verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie erreichten wir den Strand. Dort wurden Rettungsboote zu Wasser gelassen. Ich erkannte den Mann mit der Pferdemaske, der mit einigen seiner Schergen ein Motorboot bestieg. Zwei weitere Mitglieder der Besatzung m\u00fchten sich mit einem Schlauchboot ab, h\u00f6chstens zwanzig Meter von uns entfernt. Ich sah Claudine an, Claudine sah mich an. Wir hatten einen gemeinsamen Gedanken und l\u00e4chelten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem wir die beiden M\u00e4nner mit gezielten Schl\u00e4gen au\u00dfer Gefecht gesetzt und das Boot vom Strand abgesto\u00dfen hatten, entfernten wir uns allm\u00e4hlich von IDIOT. Noch h\u00f6rte man Schreie, h\u00f6rte auch, wie Geb\u00e4ude in sich zusammenfielen, B\u00e4ume umkippten. Dort wo noch vor wenigen Augenblicken der Strand gewesen war, erblickten wir nun eine Klippe, doch auch dies war nur von kurzer Dauer, denn IDIOT drehte sich immer schneller. Menschen schleppten sich zum Strand und st\u00fcrzten in die Fluten. Ein Rudel Haie tauchte auf und probierte vom Fleisch deutscher KrimiautorInnen. Es schien ihnen besser zu munden als manchem Leser die Werke dieser Ungl\u00fccksseligen. Wir sahen Oliver Bottini, der einen riesigen wei\u00dfen Hai mit Handkantenschl\u00e4gen zur R\u00e4son zu bringen versuchte. Vergeblich. Finis Bottini.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren vielleicht hundert Meter von IDIOT entfernt, als ganz in der N\u00e4he unseres Bootes ein Kopf aus dem Wasser tauchte, ein Arm in die Luft gereckt wurde. Der Kopf verschwand wieder, tauchte erneut auf, endlich eine Stimme, die verzweifelt rief:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWickius! Ich bin\u2019s! Ludger! Ihre Kollege Menke! Retten Sie mich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er beendete seine Worte mit einem gr\u00e4sslichen Schrei. Vier oder f\u00fcnf Haie hatten begonnen, den zappelnden K\u00f6rper des Hamburger Krimibloggers zu umkreisen, um die beste Stelle f\u00fcr den ersten Biss zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00fcberlegte. W\u00fcrden wir Ludger retten, w\u00e4ren wir zu dritt in diesem Boot. Es lagen gl\u00fccklicherweise volle Wasserkanister und Lunchpakete darin, sie k\u00f6nnten f\u00fcr drei reichen. Aber die Vorstellung, dass Ludger meine Zweisamkeit mit Claudine st\u00f6ren w\u00fcrde \u2013 vielleicht waren wir wochenlang unterwegs, wir beiden, in einem klitzekleinen Boot unter hei\u00dfer Sonne \u2013 diese Vorstellung behagte mich keinesfalls. Also rief ich dem noch immer zappelnden Menke mit fester Stimme zu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLudger! Herr Menke! Machen Sie sich keine Sorgen! Sobald wir auf Hilfe treffen, schicken wir eine Rettungsexpedition zu Ihnen. Halten Sie also durch! Versuchen Sie in den n\u00e4chsten Wochen m\u00f6glichst kr\u00e4fteschonend zu schwimmen! Lenken Sie die Haie ab! Erz\u00e4hlen Sie Ihnen aus Ihrem Leben! Nur Mut! Es wird alles gut werden! Wir sehen uns dann bei der diesj\u00e4hrigen Frankfurter Buchmesse wieder, ich geb auch einen aus!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke!\u201c schallte es zur\u00fcck. \u201eSie sind ein wahrer Freund, Wickius! Und sagen Sie bitte dpr, wenn Sie ihm zuf\u00e4llig begegnen sollen, dass ich ihn nach wie vor f\u00fcr den Gr\u00f6\u00dften halte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dpr? Auch er war auf der Insel gewesen und wahrscheinlich mit dieser untergegangen. In diesem Augenblick raste ein luxuri\u00f6ses Motorboot mit gro\u00dfer Geschwindigkeit an uns vorbei. Ich erkannte dpr am Steuer, zwei atemberaubende Blondinen an seiner Seite. Ich glaubte dpr grinsen zu sehen. Hatte es der Bursche also doch geschafft, ungestraft der Katastrophe zu entgehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Stille. Nach einer Stunde h\u00f6rten wir nur noch die sanften Wellen, die gegen unser Boot schlugen. Wir paddelten ruhig und schweigsam. Dann kam etwas Wind auf und trieb uns nach Westen, wir stellten das Paddeln ein und legten uns nebeneinander auf den Boden, teilten uns einen Becher Wasser und ein Schinken-K\u00e4se-Sandwich. Es war f\u00fcrchterlich hei\u00df. Wir waren nass bis auf die Knochen. Wir legten unsere Kleider ab. Wir waren nackt. \u00dcber uns der immer dunkler werdende Himmel. Die ersten Sterne am Firmament. Ich streckte meinen Arm aus, erreichte zuf\u00e4lligerweise wieder eine der beiden W\u00f6lbungen usw. Auch Claudine streckte einen Arm aus, um meine Nasenspitze zu ber\u00fchren. Es war nicht meine Nasenspitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir zwei Stunden sp\u00e4ter ersch\u00f6pft von einander ab lie\u00dfen, uns abermals einen Becher Wasser teilten, sagte Claudine:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir treiben noch immer nach Westen. Wenn das so weitergeht, landen wir auf JAVA. In etwa vier bis f\u00fcnf Wochen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nickte zufrieden. Java. Dort gab es guten Kaffee, dort war ein Objekt die Instanz einer Klasse. Ich l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beller l\u00e4chelte keineswegs. Sie sch\u00e4umte vor Wut. Las schnell noch den Nachsatz auf der letzten Seite des Flaschenpostdokuments:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeschrieben am 14. Tag unserer Odyssee. M\u00f6ge es eine Menschenseele finden und uns zu Hilfe eilen. Aber nicht sofort. Drei Wochen halte ich das potenzm\u00e4\u00dfig noch durch! Gezeichnet: Wickius.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieses Schwein!\u201c fluchte Anna Beller und stand auf. Lief nerv\u00f6s in der Wohnung umher, der wickiuslosen, und so sehr sie ihn auch verfluchte, so sehr sehnte sie sich doch nach seiner Anwesenheit. Es ist nicht gut, wenn eine Frau alleine ist, und selbst die Beller war eine Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Was er jetzt wohl gerade tat? \u2013 Die Beller dachte daran und ihr Verstand verd\u00fcsterte sich. Sie AHNTE, was er gerade tat. Sie hasste ihn. Sie hasste die Schrunz. Sie hasste die Haie, die es nicht vermochten, das Schlauchboot zu entern. Sie rief Ludger Menkes Krimiblog auf, doch kein neuer Eintrag zeugte von der wunderbaren Rettung des Bloggers. Auch Giorgio war wohl verloren. Und Wickius &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment klingelte es an der T\u00fcr. Kurz, kurz, lang, lang. Das war Wickiussens Zeichen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Wickius hat die k\u00fcnstliche S\u00fcdseeinsel IDIOT erreicht, auf der die deutschen Krimischaffenden Fortbildungskurse in Plotten, Surfen und Deutsch besuchen. Er wird inhaftiert. Die bezaubernde US-amerikanische Geheimagentin Claudine Schrunz befreit ihn. Doch der b\u00f6se Alte macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der zugedr\u00f6hnte Giorgio zielt mit einer Schrotflinte auf Wickius. 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