{"id":17858,"date":"2007-09-05T05:27:23","date_gmt":"2007-09-05T05:27:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/sabine-thiesler-der-kindersammler\/"},"modified":"2022-06-06T22:51:05","modified_gmt":"2022-06-06T20:51:05","slug":"sabine-thiesler-der-kindersammler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/sabine-thiesler-der-kindersammler\/","title":{"rendered":"Sabine Thiesler: Der Kindersammler"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(In der Berufsschule nimmt Azubi Jochen gerade &#8222;die euphorische Rezension&#8220; durch. Und weil er auch in der Praxis ausprobieren soll, wie das ist, wenn man ein Buch mal so richtig lobt, haben wir ihm Sabine Thieslers &#8222;Kindersammler&#8220; zur Besprechung zugeteilt. Genau das Richtige f\u00fcr Splatterfan Jochen! Kindermorde, wow! Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, he! Das ist so richtig sch\u00f6n blutig und grauslig, bruah! Und was passiert: Jochen ist ir-gend-wie restlos begeistert. So begeistert, dass er am Ende sogar noch Kommas herschenkt. Oder Kommata, wie wir Abiturbesitzer von WTD sagen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich sitze da und denke: <em>Was<\/em> will dieses Buch von mir? Will es mir weismachen, dass psychopathische Kindersch\u00e4nder und \u2013m\u00f6rder bemitleidenswerte Figuren sind? Will es mir erz\u00e4hlen, dass lesbische Paare Kinder adoptieren k\u00f6nnen? Oder m\u00f6chte es mir die Toskana als Zufluchtsort mit gutem Essen und wild-romantischer Landschaft vorstellen?<\/p>\n\n\n\n<p>All das und nichts davon. Ich wei\u00df nicht, ob Sabine Thiesler glaubt, sie h\u00e4tte einen Kriminalroman geschrieben, einen Hochspannungsthriller mit realistischen Ans\u00e4tzen und einer d\u00fcsteren Grundlage. Wenn sie es denn tut \u2013 sie irrt. Und zwar gewaltig.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u201eDer Kindersammler\u201c ist die w\u00fcsteste Kolportage, die man sich nur vorstellen kann. Ein Vorzeige-Exemplar f\u00fcr den Fortsetzungsroman des Jahres im \u201eGoldenen Blatt\u201c, dabei beide Augen auf eine SAT 1 Verfilmung zur besten Sendezeit gerichtet. Mit der \u00fcblichen Besetzung: Alexandra Neldel als verzweifelte Mutter, die ein Trauma bew\u00e4ltigen m\u00f6chte und dabei dem Sch\u00f6pfer des Traumas nahezu willig in die Arme l\u00e4uft. Ulrike Folkerts als lesbische Polizistin bietet sich geradezu an. Die hat das drauf: von tough bis trauernd; den alternden Kommissar gibt Heinz Hoenig; der holt auch aus einer unscheinbaren Rolle was raus. Den scharfen Immobilienmakler spielt eines dieser Nullgesichter, die immer irgendwie solide ihre Nummern abziehen, deren Namen man aber schon nach dem Abspann vergessen hat. Der Rest an mittleren- und Kleindarstellern findet sich im Vorabendprogramm.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt noch die zentrale Figur \u201eDer Kindersammler\u201c. Wie besetzen? Mit Marc Dutroux? Passt vom Typ nicht. J\u00fcrgen Bartsch? Ist tot. Frederick West? Ebenfalls. Um es kurz zu machen: das literarische Topos des Kindersammlers ist nicht zu besetzen. All die erb\u00e4rmlichen, realen p\u00e4dophilen Killer haben nichts gemein mit dem fiktionalen Konstrukt \u201eKindersammler\u201c. Nicht, dass so etwas nicht existiert, nur in der dargebotenen Form ist es unglaubw\u00fcrdig und \u00fcberfl\u00fcssig. WAS soll es da zu verstehen geben? B\u00f6se Mutter, totes Bruder-Idol, klar, da kann der kleine zuk\u00fcnftige P\u00e4derast nicht mit umgehen, qu\u00e4lt also Tiere, t\u00f6tet Tiere, und irgendwann ist das erste Menschlein f\u00e4llig. Wie aus dem Lehrbuch. Genauso liest es sich auch. Blo\u00df ist das Lehrbuch veraltet, und hat vor allem nichts mitzuteilen, was sich nicht auf den ersten Blick erschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Also wird der monstr\u00f6se M\u00f6rder ausstaffiert: mit Tatort-Arrangements, mit an den Haaren herbeigezogenen Zuf\u00e4llen, die seine Unantastbarkeit glauben machen wollen. Doch nichts als verzweifelte Versuche sind, der unglaubw\u00fcrdigen Geschichte einen Hauch von Spannung mit auf den Weg zu geben. Genau wie die mysteri\u00f6se Nebenfigur \u201eAllora\u201c, diese grenzdebile Sch\u00f6ne(?) aus der toskanischen Gemeinde, in die sich unser b\u00f6sartiger \u201eHeld\u201c samt Alibigattin zur\u00fcckgezogen hat. Sie wird Zeugin mindestens eines Mordes, eine unbedeutende kleine Episode am Rande. Die scheinbar alterslose Frau hat sowieso au\u00dfer dem Wort \u201eAllora\u201c, nymphomanischen Sehns\u00fcchten und der zauberhaften F\u00e4higkeit einen Motorroller fahren zu k\u00f6nnen, nichts drauf, was f\u00fcr den Verlauf des Romans auch nur ansatzweise sinnf\u00e4llig ist. Aber das peppt die Geschichte so sch\u00f6n auf: eine mysteri\u00f6se Nebenfigur, die die Wahrheit offenbaren k\u00f6nnte, wenn\u2026 ja, wenn es denn irgendeine Wahrheit g\u00e4be. Stattdessen: verlogene Ansichten aus einer erfundenen M\u00e4rchenwelt, die so tut, als w\u00e4re sie eine Parabel. Die leider nichts mitzuteilen hat. Au\u00dfer gnadenlosem Desinteresse an den Opfern. Und einer zweifelhaften Obsession f\u00fcr dunkle Leidenschaften, die viele Menschen nach 21 Uhr literarisch oder visuell so gerne bestaunen. Ein ausgekotztes Nichts. Blind der eigenen Idiotie gegen\u00fcber, blind vor allem dem Leiden gegen\u00fcber. Dem Leiden der Kinder UND dem Leiden (an) der Welt. Aufgesetzte Entr\u00fcstung alleweil und billigende Selbstbefriedigung zum Schluss. Ein grottenschlechtes Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jochen K\u00f6nig, der dachte mit Karin Slaughter und Anne McLean Matthews schon Tiefpunkte erreicht zu haben \u2013 und irrte. Tiefer runter geht immer.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Jeden noch so kleinen Einwand, den ich gegen\u00fcber Stefano Massarons \u201eDie toten Kinder\u201c ge\u00e4u\u00dfert habe, nehme ich umgehend zur\u00fcck und verneige mich in Ehrfurcht. Manchmal muss man erst das Dunkel der Dummheit ertragen, um den Wert eines intelligenten Lichtblickes wirklich sch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>PPS.: , , , , , spendiere ich Georg gerne.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sabine Thiesler: Der Kindersammler. <br \/>Heyne 2006. 528 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(In der Berufsschule nimmt Azubi Jochen gerade &#8222;die euphorische Rezension&#8220; durch. Und weil er auch in der Praxis ausprobieren soll, wie das ist, wenn man ein Buch mal so richtig lobt, haben wir ihm Sabine Thieslers &#8222;Kindersammler&#8220; zur Besprechung zugeteilt. Genau das Richtige f\u00fcr Splatterfan Jochen! Kindermorde, wow! 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