{"id":17864,"date":"2007-09-06T05:31:40","date_gmt":"2007-09-06T05:31:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/james-sallis-driver\/"},"modified":"2022-06-15T21:32:46","modified_gmt":"2022-06-15T19:32:46","slug":"james-sallis-driver","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/james-sallis-driver\/","title":{"rendered":"James Sallis: Driver"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Mann macht seinen Job. Etwas geht dabei schief. Der Mann ger\u00e4t in Schwierigkeiten. Er r\u00e4umt sie aus dem Weg. Ende der Geschichte. Nun ja, denkt man, einhundertsechzig Seiten, was will uns der Autor da schon gro\u00dfartig erz\u00e4hlen. Hei\u00dft der Autor der Geschichte allerdings James Sallis, werden selbst einhundertsechzig Seiten Roman zur komplexen Weltabbildung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Driver hei\u00dft so wie das, was er tut. Er f\u00e4hrt Autostunts in Actionfilmen, manchmal auch den Fluchtwagen bei Raub\u00fcberf\u00e4llen. Sein Credo: Ich kutschiere \u2013 alles andere interessiert mich nicht. Eines Tages muss es das aber, denn ein \u00dcberfall geht schief, Driver und eine Komplizin gelingt mit einer Viertelmillion Dollar, die eigentlich der Mafia geh\u00f6rt, die Flucht. Es kommt zu einer Reihe vorhersehbarer Zwischenf\u00e4lle mit Toten, sehr schnell \u00fcbernimmt Driver dabei die Initiative, fordert seine Gegner heraus und bringt sie nacheinander um die Ecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was ist das f\u00fcr ein Typ, dieser Driver? Zu sozialen und kommunikativen Handlungen ist er durchaus f\u00e4hig. Mit seiner Nachbarin und ihrem kleinen Sohn etwa hat er sich angefreundet, der Ehemann sitzt im Gef\u00e4ngnis. Man sieht gemeinsam fern, Driver k\u00fcmmert sich um das Kind. Das alles klingt nach einem angenehmen Zeitgenossen, der in jedem Bewerbungsgespr\u00e4ch von sich behaupten k\u00f6nnte, \u201eteamf\u00e4hig\u201c zu sein. Doch als die Frau eines Tages im Beisein Drivers erschossen wird, trauert er nicht etwa. Es ist halt passiert und wird als eine Lebenstatsache abgehakt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Driver agiert also ohne tiefere Empfindungen, ohne irgendein Gef\u00fchl f\u00fcr Liebe oder Hass. Diese Regel durchbricht er nur ein einziges Mal, bezeichnenderweise als er einen Mann t\u00f6tet, der genauso ist wie Driver selbst. Man trifft sich, isst zusammen, unterh\u00e4lt sich, mag sich \u2013 und im n\u00e4chsten Moment versucht der andere Driver zu t\u00f6ten, Driver kommt ihm zuvor und t\u00f6tet den Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind gemeinhin Indizien f\u00fcr Abweichungen vom Normativen. Sallis erz\u00e4hlt die Geschichte seines Protagonisten mit R\u00fcckblenden, die allerdings nicht begr\u00fcnden sollen, warum hier einer \u201eaus der Bahn geworfen\u201c wurde. Soziales und kommunikatives Handeln sind in Drivers Vita nie etwas anderes gewesen als au\u00dferhalb der Gef\u00fchlswelt auszu\u00fcbende \u201eJobs\u201c. Statt so etwas wie Moral besitzt er die ber\u00fcchtigten Sekund\u00e4rtugenden. Seine Arbeit erledigt er professionell, auch die Viertelmillion etwa, die ihm ja nicht geh\u00f6rt, gibt es sofort an die Mafia zur\u00fcck<\/p>\n\n\n\n<p>Sallis\u2019 Roman erf\u00fcllt eine Noir-Anforderung exakt und eindrucksvoll: Was f\u00fcr die normale Welt zutrifft, das gilt auch f\u00fcr das Verbrechen. Und umgekehrt. Was nat\u00fcrlich den Begriff des \u201eNormalen\u201c ebenso wie den des \u201eVerbrechens\u201c relativiert und, ganz nebenbei, das Philosophische und das Triviale austauschbar macht. Also genau das, was man von einem Autor erwarten kann, der u.a. Raymond Queneau ins Englische \u00fcbersetzt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende wird das Individuum Driver auch konsequent zur quasimythologischen Figur.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDriver war noch weit vom Ende entfernt. Es dauerte Jahre, bevor er um drei Uhr an einem klaren, kalten Morgen in einer Bar in Tijuana zu Boden ging. Jahre, bevor Manny Gilden sein Leben verfilmte. Bis dahin w\u00fcrde es noch weitere Morde geben, andere Leichen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens mit der Verfilmung seines Lebens lost sich Driver aus dem Erz\u00e4hlkontext und wird zum Platzhalter f\u00fcr einen allgemeinen Typus Mensch in der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Einhundertsechzig Seiten, keine Zeile vergeudet. So soll es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Es versteht sich von selbst, dass diese 160 Seiten f\u00fcr 16,90 \u20ac preiswerter sind als 99% der Neunf\u00fcnfundneunzig-Schn\u00e4ppchen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">James Sallis: Driver. <br \/>Liebeskind 2007 <br \/>(Original: \u201eDrive\u201c, 2005, deutsch von J\u00fcrgen B\u00fcrger). <br \/>160 Seiten. 16,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann macht seinen Job. Etwas geht dabei schief. Der Mann ger\u00e4t in Schwierigkeiten. Er r\u00e4umt sie aus dem Weg. Ende der Geschichte. Nun ja, denkt man, einhundertsechzig Seiten, was will uns der Autor da schon gro\u00dfartig erz\u00e4hlen. 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