{"id":17883,"date":"2007-09-12T05:32:11","date_gmt":"2007-09-12T05:32:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/autopsie-der-duennen-krimis-1\/"},"modified":"2022-06-06T21:10:42","modified_gmt":"2022-06-06T19:10:42","slug":"autopsie-der-duennen-krimis-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/autopsie-der-duennen-krimis-1\/","title":{"rendered":"Autopsie der d\u00fcnnen Krimis -1-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es mag Zufall sein, dass meine Krimilekt\u00fcre der letzten Wochen vorwiegend aus sogenannten \u201ed\u00fcnnen Romanen\u201c bestand, zwischen 149 und knappen 220 Seiten stark. Dass mir die vier Werke ausnahmslos zusagten, ist wohl ebenfalls Zufall, denn die Aussage, ein d\u00fcnner Krimi sei zugleich ein gelungener Krimi, taugt nat\u00fcrlich ebenso wenig zur ernsthaften These wie die Mutma\u00dfung, mit der Zunahme der Seitenzahl nehme die Qualit\u00e4t eines Werkes ab. Aber betrachten wir uns die \u201eD\u00fcnnen\u201c etwas genauer.<br \/>Es sind die folgenden: Hannelore Cayre, \u201eDer Lumpenadvokat\u201c (149 Seiten, Besprechung folgt), James Sallis, \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/09\/james-sallis-driver.php\">\u201eDriver\u201c<\/a> (159), Mechtild Borrmann, \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/08\/mechtild-borrmann-morgen-ist-der-tag-nach-gestern.php\">\u201eMorgen ist der Tag nach gestern\u201c<\/a> (222) sowie Joe R. Lansdale \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/08\/joe-r-lansdale-rumble-tumble.php\">Rumble Tumble\u201c<\/a> (218).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Von einer Renaissance der d\u00fcnnen Krimis kann dennoch nicht die Rede sein. Nach wie vor erfreut sich das Dickleibige gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit, was \u2013 man glaubt es kaum, aber es ist wohl wirklich so \u2013 auch eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung ist. Wenn ich 400 Seiten f\u00fcr 7,95 bekommen kann \u2013 warum soll ich dann 8,95 oder mehr f\u00fcr 200-Seiter bezahlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das war nicht immer so. Bis in die achtziger Jahre hinein galt zumindestens in Deutschland die Regel, ein Krimi sei nur als Taschenbuch sowie bei einem Umfang von 160-200 Seiten genie\u00dfbar. Dies traf u.a. f\u00fcr die ber\u00fchmte Schwarze Rowohlt-Reihe zu, aber auch f\u00fcr Bastei- und Ullsteinkrimis. In seiner editorischen Notiz zum neuaufgelegten \u201eUmweg zur H\u00f6lle\u201c (\u00fcber 400 Seiten und trotzdem hervorragend!) von Ross Thomas schreibt Erstherausgeber (1984) Martin Compart:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEines Tages entdeckte ich, da\u00df mein Vorg\u00e4nger als Herausgeber der Ullstein-Krimis einen Titel von Ross Thomas ausgelassen hatte: Chinaman\u2019s Chance. Der Grund war simpel: Das Buch war zu umfangreich. Das war eine Zeit, in der ein Reihentitel nicht mehr als 5,80 DM kosten durfte. Zuvor hatte man sich sich von 2,80 DM darauf hochgearbeitet. Aus diesem Grunde gab es in den 70er Jahren auch eine Periode, in der jeder Ullstein-Krimi (&#8230;) nur acht Druckbogen haben durfte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Krimi als billige, nur bis zu einer gewissen finanziellen Schmerzgrenze vom Publikum tolerierte Lekt\u00fcre \u2013 diese Zeiten sind vorbei. Dass, um in diese Schablone zu passen, so manches Werk von harter und mehr oder weniger unbeholfener Hand zurechtgeschnitten werden musste, hoffentlich auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat sich also etwas getan, was das Ansehen, den Wert von Kriminalliteratur anbetrifft. Und das wiederum ist mit eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das immer volumin\u00f6ser werdende Format des Krimis. Positiv: Er brauchte sich nicht mehr auf die Verarbeitung der \u00fcblichen Versatzst\u00fccke zur Spannungserzeugung zu beschr\u00e4nken. Negativ: Er driftete immer weiter auf das Gebiet des \u201eNichtnurkrimis\u201c und bediente sich des Kriminellen lediglich als Vehikel f\u00fcr etwas anderes, literarisch scheinbar H\u00f6herwertiges.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bevor wir dies n\u00e4her untersuchen wollen, seien zun\u00e4chst die Parameter benannt, die das Volumen eines literarischen Werkes bestimmen. Ganz simpel: WAS WIE WOZU WARUM geschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zun\u00e4chst zum WAS. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass komplexe Inhalte und verwickelte Plots nur in Langtexten jenseits der 300-Seiten-Marke zu b\u00e4ndigen sind. Als Referenzwerk sei meine aktuelle Lekt\u00fcre herangezogen, Bernadette Calonegos \u201eUnter dunklen Wassern\u201c. Eine Schweizer Historikerin reist nach Kanada, um eine Ausstellung zum Werk der Dichterin Elsa Seel vorzubereiten, die 1927 Berlin verlie\u00df, um einen ihr bis dato v\u00f6llig unbekannten Trapper zu heiraten und ihm in die Wildnis zu folgen. DIe Reise der Historikerin hat jedoch noch einen zweiten Grund. Vor drei Jahren starb just in der N\u00e4he von Seels Wohnort der Mann unserer Protagonistin bei einem mysteri\u00f6sen Flugzeugabsturz.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier greifen also zwei Plots ineinander: die Suche nach Lebenszeugnissen der Dichterin und dem \u201eGeheimnis\u201c ihres Ausstiegs aus der Zivilisation sowie die eigentliche Krimihandlung, die rasch zu einem Geflecht von Intrigen und \u201eh\u00f6heren Interessen\u201c anschwillt. Kein Wunder, dass hier locker 380 Seiten zusammenkommen, man hat dergleichen schon in wesentlich dickeren Schaden zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere vier D\u00fcnnen jedoch stehen dieser Komplexit\u00e4t kaum nach. In Sallis\u2019 \u201eDriver\u201c geht es um ein komplettes Welt-Bild; Cayre beschreibt die Mechanismen eines korrupten und zynischen Rechtssystems; Lansdale l\u00e4sst seine Helden \u00e4hnlich unstet und verwicklungsreich durch den US-amerikanischen S\u00fcden und Mexiko reisen wie Calonego ihre Historikerin durch den kanadischen Norden. Und Mechthild Borrmann beleuchtet die Hintergr\u00fcnde eines Brandanschlags gleich aus drei verschiedenen Perspektiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo also liegt der Unterschied? An Calonegos Text f\u00e4llt auf, dass st\u00e4ndig gefragt wird. Es geschehen mysteri\u00f6se Dinge, es kommen R\u00e4tsel ans Tageslicht, alles, aber auch wirklich alles wird \u201ehinterfragt\u201c. Das ist nicht durchg\u00e4ngig \u00fcberfl\u00fcssig, sondern entspricht der tradierten Vorstellung von Detektion als Erkenntnisprozess.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnter dunklen Wassern\u201c als FILM w\u00e4re eine Mischung aus traditioneller Bilderslideshow und st\u00e4ndigen R\u00fcckblenden sowie entweder \u201einneren Monologen\u201c oder eingeschobenen Dialogen, in denen s\u00e4mtliche Fragen gestellt und beantwortet werden. Die Bilder selbst w\u00e4ren dabei nur Abbildungen, keine Container f\u00fcr Symbolisches und Atmosph\u00e4risches, wie sie es etwa bei Sallis sind. Als Filme \u00fcberzeugen auch Lansdales und Cayres Krimis. \u201eRumble Tumble\u201c wegen seinem schn\u00f6rkellosen Drive, \u201eDer Lumpenadvokat\u201c wegen der Plastizit\u00e4t der Bilder, der Dramaturgie und dem Zusammenschnitt. Borrmanns Buch, eigentlich Musterbeispiel f\u00fcr polizeiliches Ermitteln, stellt nur die notwendigsten Fragen \u2013 und packt die Geschichte ganz einfach in \u00f6konomische Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese kleine Filmanalogie vermag kein Urteil dar\u00fcber zu f\u00e4llen, ob ein Werk als ge- oder misslungen gelten kann. Sie kann allenfalls andeuten, wie das &#8222;Informationsdesign&#8220; angelegt ist (und Bilder geh\u00f6ren beim Lesen unbedingt dazu). Bei Calonego sind die aufbereiteten Informationen verzehrfertig; bei den vier d\u00fcnnen Krimis hat der Leserkoch letzte Hand vor der Mahlzeit anzulegen (Man kann das auch drastischer ausdr\u00fccken: Bei Calonego ist vieles schon vorgekaut und muss nur noch geschluckt werden).<\/p>\n\n\n\n<p>Gezeigt werden sollte vor allem, dass dieses WAS \u00fcber den Umfang eines Textes nichts, aber auch gar nichts auszusagen vermag, sondern untrennbar mit dem WIE verbunden bleibt. Dazu mehr in der n\u00e4chsten Stunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag Zufall sein, dass meine Krimilekt\u00fcre der letzten Wochen vorwiegend aus sogenannten \u201ed\u00fcnnen Romanen\u201c bestand, zwischen 149 und knappen 220 Seiten stark. 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