{"id":17892,"date":"2007-09-14T05:37:10","date_gmt":"2007-09-14T05:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/autopsie-der-duennen-krimis-2\/"},"modified":"2022-06-06T23:17:16","modified_gmt":"2022-06-06T21:17:16","slug":"autopsie-der-duennen-krimis-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/autopsie-der-duennen-krimis-2\/","title":{"rendered":"Autopsie der d\u00fcnnen Krimis -2-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/crime_school_new.jpg\" alt=\"crime_school_new.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was macht Krimis dick? Und warum k\u00f6nnen manche essen so viel sie wollen, ohne ihre schlanke Figur zu verlieren? Einen ber\u00fcchtigte literarische Kalorienbombe haben wir heute im Visier: den Serienkrimi. Doch siehe da: Auch hier schl\u00e4gts nicht bei jedem an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Das Gesetz der Serie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was ein literarischer Text zu erz\u00e4hlen hat, steht zwischen seinem ersten und seinem letzten Wort. Nichts anderes sollte die Leser in ihrem Urteil beeinflussen, weder die Reputation des Autors, noch sein Werdegang oder sein Aussehen, selbst die Meinungen anderer sind allenfalls Wegweiser durch die Lekt\u00fcre. Folgen muss man ihnen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Literarische Texte sind also autonome Gebilde, alleinstehende Bauwerke inmitten einer ziemlich gro\u00dfen Stadt. Das ist ein Problem, denn wo ein Haus neben dem anderen steht, beginnt man zu vergleichen; entdeckt \u00c4hnlichkeiten, Einfl\u00fcsse, Abweichungen. Aber all das ist letztlich nicht von Belang. Wenn der Krimiautor X ein Epigone von Y ist, aber ein gutes Buch geschrieben hat, kann er meinetwegen auch noch ein Epigone von Z sein. Ein gutes Buch bleibt ein gutes Buch. Und ein schlechtes ein schlechtes, selbst wenn es das ist, was man \u201eoriginell\u201c nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist es legitim und lehrreich, Literatur im historischen, \u00e4sthetischen Kontext zu betrachten. Ebenso kann es sinnvoll sein, die Biografie eines Autors zu kennen und Verbindungen zwischen ihr und der Literatur herzustellen. Und sei es nur, um Bauprinzipien zu beschreiben, bei Derek Raymond etwa oder Dashiel Hammett, auch Chandler w\u00e4re ein Kandidat, denn wenn ein shakespearegeschulter Engl\u00e4nder in Amerika hardboiled schreibt, k\u00f6nnte das wohl etwas zu bedeuten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch: ein Text bleibt letztlich autonom. Das \u00e4ndert sich. Das hat sich schon ge\u00e4ndert. Denn wir leben im Zeitalter des Serienkrimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein die Tatsache, dass man heutzutage schon betonen muss, dieser oder jener Krimi sei ein \u201eStandalone\u201c, sollte zu denken geben. Die Serie boomt. Mit grotesken Folgen. So wird etwa in Foren regelm\u00e4\u00dfig dringlich geraten, eine Krimiserie um Himmelswillen in ihrer chronologischen Folge zu lesen, andernfalls man das Entscheidende nicht verstehe. Negativkritiken werden konsequent mit dem Einwand abgeb\u00fcgelt, der Ver\u00e4chter habe ganz gewiss die Vorl\u00e4ufer des von ihm zerrissenen Romans nicht zur Kenntnis genommen und k\u00f6nne folglich nicht mitreden. Dass sich die Verlage bei der Herausgabe der Serienb\u00e4nde zumeist nicht um Chronologie scheren, wird lauthals beklagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein ziemlich junges Ph\u00e4nomen, doch die Serie, sprich: der Serienheld ist so alt wie die Kriminalliteratur. Poe Pioniererz\u00e4hlungen? Eine Serie mit Superhirn Auguste Dupin. Sherlock Holmes? Father Brown? Notorische Serient\u00e4ter. Auch an der Wiege des deutschen Krimis tauchten sie bald auf: Detektiv M\u00fcller von Auguste Groner, Balduin Grollers Dagobert Trostler \u2013 und mit dem Siegeszug des Serienheftromans \u00fcbernahmen sie sogar die Vorherrschaft im Krimilesest\u00fcbchen, die Percy Stuarts, die Nick Carters, Kommissar Xen und Jerry Cottons. Von anderen zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist der Ballast, den Serienkrimis mit sich herumschleppen. Und das wiederum ist nicht naturgegeben, es ist, wie so vieles beim Schreiben von Krimis und sonstiger Literatur, ein Problem des WIE.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir Jerome Charyns &#8222;Isaac Sidel&#8220;-Reihe. Ein gigantischer Entwicklungsroman, engste Verzahnung von Kriminalstory und Familiengeschichte. Dicke W\u00e4lzer? Meistens nicht. Auch zwei unserer vier ausgew\u00e4hlten d\u00fcnnen Krimis sind Teile von Serien, Lansdales &#8222;Rumble Tumble&#8220;, Hannelore Cayris&#8216; &#8222;Lumpenadvokat&#8220; gar Auftakt einer solchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann nehmen wir vielleicht Arnaldur Indridason, den Isl\u00e4nder. Kein Autor von Telefonb\u00fcchern, aber seine Serie um Kommissar Erlendur hat sich nach konzentriertem Auftakt (&#8222;Nordermoor&#8220;) l\u00e4ngst zur griechisch-nordischen Familientrag\u00f6die mit angehefteter Krimistory aufgeblasen. Oder anders: Das windschiefe H\u00fcttchen Crime findet ausreichend Platz im Badezimmer der Villa &#8222;gesellschaftskritischer Zeitroman&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In den aktuellen Serien wimmelt es nur so von drogens\u00fcchtigen Kindern, entf\u00fchrten Ehefrauen, sinnkriselnden Ermittlern, schwangeren Freundinnen, schwerkranken V\u00e4tern, d\u00fcsteren Geheimnissen im Privatleben der Serienprotagonisten&#8230; und all das wird getreulich vom ersten bis zum letzten Band transportiert, gelegentlich bis zum Erbrechen repetiert, manchmal nur angedeutet, um den Verkauf der Vorg\u00e4ngerb\u00e4nde zu beleben, h\u00e4ufig mit der eigentlichen Krimihandlung notd\u00fcrftig und sehr oberfl\u00e4chlich verkn\u00fcpft. Wenn irgendwo ein Kind ermordet wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Held als werdender Vater wiederfindet, erschreckend hoch. Dann wird in der Regel schwer philosophiert und noch schwerer assoziiert(&#8230;&#8220;K\u00f6nnte ja mein Kind sein, das da in seinem Blut liegt&#8220;&#8230;). Das autonome Gebilde Text als unter der Last des Seriellen \u00e4chzender Packesel.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dieser Strategie verbirgt sich Methode. Das Festhalten an vertrautem Personal st\u00e4rkt die absatzf\u00f6rdernde &#8222;Leserbindung&#8220;, indem eine Art emotionaler Beziehung aufgebaut wird und das krimiobligatorische Wissenwollen-wie&#8217;s-weitergeht nicht mit dem eigentlichen Text enden muss. Es hebt sich auf eine neue, h\u00f6here Ebene und klammert die Teile einer Serie mit einem weiteren Spannungsbogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hierzu zwei aktuelle Beispiele. Veit Heinichens &#8222;Totentanz&#8220; ist die f\u00fcnfte Folge der Reihe um den Triestiner Commissario Proteo Laurenti. Auf 320 Seiten wird ein Fall von Korruption und organisiertem Verbrechen (M\u00fcllverschiebung) ausgebreitet, doch das Buch beginnt mit einem pers\u00f6nlichen Schicksalsschlag f\u00fcr Laurenti: seine Geliebte gibt ihm den Laufpass. F\u00fcr die Handlung v\u00f6llig ohne Belang, mit diversen Verweisen auf die Vorg\u00e4ngerb\u00e4nde gespickt, immer wieder von Laurenti gedanklich ventiliert. Konsequenz: Man bleibt &#8222;auf dem Laufenden&#8220;, was Laurentis Privatleben betrifft. Mehr nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder Beverly Connors &#8222;Die vierte Schlinge&#8220;. Hier erwarten den Leser durchg\u00e4ngig kryptische Hinweise auf ein Trauma der Protagonistin. Kryptisch f\u00fcr all jene, die das Vorg\u00e4ngerbuch nicht kennen und sich ob so manchen Verweises verwirrt zeigen. Wohl k\u00f6nnte man einwenden, es sei derAutorin eben darum gegangen zu zeigen, dass ihre Heldin ein Trauma hat. Nur: wozu? Es ist nichts weiter als ein Detail in der Protagonistinnenbiografie, f\u00fcr den Fall ohne Bedeutung (Anmerkung: Diese Elemente des Seriellen sind bei Connos nicht die Hauptverantwortlichen f\u00fcr die respektable Textl\u00e4nge von fast 500 Seiten, sondern die sehr pr\u00e4zisen Schilderungen diverser Forensikmethoden).<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir uns nun die beiden Serienromane unter den vier D\u00fcnnen. Lansdale begn\u00fcgt sich bei der Konstruktion des \u00dcberbaus, also der Biografie seiner Protagonisten, mit recht knappen Angaben. Der eine ist schwarz und schwul, der andere wei\u00df und hetero, ersterer treibt Kampfsport und ist Vietnamveteran, letzterer eher ein undiszipliniertes Gro\u00dfmaul. Fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlilche \u00d6konomie scheint auch Cayris vorzuschweben. Ihr &#8222;Lumpenadvokat&#8220; ist bereits im ersten Buch hinreichend charakterisiert, seine Biografie eine Sammlung passender Anekdoten. Das ist gut f\u00fcr den Lesefluss und spart Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kleine, nat\u00fcrlich nicht vollst\u00e4ndige Typologie der Serienkrimis: Bei Heinichen, Indridason und Connor etabliert das Serielle eine zweite Handlungsebene, auf der Leserbindung intendiert und oder Entwicklungen der eigentlichen Krimihandlung verst\u00e4rkt und kommentiert werden. Dagegen l\u00e4sst sich im Prinzip nichts einwenden. Au\u00dfer der Kleinigkeit, dass wirklich f\u00e4higen Autoren dazu andere, weniger platz- und konzentrationsraubende M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Charyn (und u.a. auch Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6) sind serieller \u00dcberbau und Einzelstories nicht von einander zu trennen, letzterer k\u00f6nnen aber mit Gewinn auch ohne Kenntnis der verbindenden &#8222;Idee&#8220; gelesen werden. Bei Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 etwa ist die Entwicklung des Protagonisten Beck vom politisch-gesellschaftlich indifferenten Ermittler zum Zweifler, der sein Leben und seine Ansichten \u00e4ndert, tats\u00e4chlich eine aus den Einzelgeschichten gespeiste \u00dcber-Handlung. Sie entsteht quasi aus den Stories heraus und ben\u00f6tigt lediglich einen Rahmen, aber keinen eigenen Textkorpus.<\/p>\n\n\n\n<p>Lansdale und (wahrscheinlich) Cayris tradieren einen bereits im ersten Band festgelegten Typus durch die Folgeb\u00e4nde. Das Biografische beschr\u00e4nkt sich auf das Notwendigste, bleibt anekdotisch und Kern der einzelnen Plots, ohne selbst eine eigene Ebene, eigene Entwicklung zu beanspruchen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht Krimis dick? Und warum k\u00f6nnen manche essen so viel sie wollen, ohne ihre schlanke Figur zu verlieren? Einen ber\u00fcchtigte literarische Kalorienbombe haben wir heute im Visier: den Serienkrimi. 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