{"id":17895,"date":"2007-09-17T05:38:49","date_gmt":"2007-09-17T05:38:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xviii\/"},"modified":"2022-06-09T17:48:31","modified_gmt":"2022-06-09T15:48:31","slug":"kapitel-xviii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xviii\/","title":{"rendered":"Kapitel XVIII"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: Wickius und Claudine Schrunz sind zur\u00fcck in Deutschland, nachdem sie auf der k\u00fcnstlichen Insel IDIOT in der S\u00fcdsee aufger\u00e4umt und s\u00e4mtliche Krimischaffenden dort quasi vernichten haben. Sie retten dpr aus Seenot und verh\u00f6ren ihn streng. Hier nun die von ihm selbst schriftlich fixierte Aussage&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eIch wurde als siebter Sohn der Eheleute Hermine und&#8230;. nein, bitte nicht schlagen! Okay, ich fasse mich kurz! \u2013 Also denn: Nachdem ich die Strafe, welche ich ungerechterweise wegen Heiratsschwindels in 23 F\u00e4llen erhalten hatte, abgesessen&#8230;aua! Noch k\u00fcrzer? \u2013 Bittsch\u00f6n. Darf ich noch einmal einen Satz mit \u201eNachdem&#8230;\u201c beginnen? Danke.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem mein Vorschlag, alle k\u00fcnftigen Opel Corsa mit Feinstaubz\u00e4hlern auszur\u00fcsten, abgelehnt worden war, k\u00fcndigte ich meinen Job als Projektleiter der Marketingabteilung, kassierte eine sechsstellige Abfindung und begann mich als Privatier einzurichten. Es ging mir gut. Nur die an drei Exgattinnen zu leistenden Unterhaltszahlungen bereiteten mir Kopfzerbrechen, da sie mein Verm\u00f6gen \u00fcber Geb\u00fchr beanspruchten und es folglich wie Butter in der Sonne&#8230;.DOCH! Das geh\u00f6rt dazu! Das ist wichtig! Wenn ich jetzt vielleicht weitermachen&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>Also. Ich schaute mich nach einer neuen Besch\u00e4ftigung um, indes ohne Erfolg, was der Wirtschaftslage geschuldet ist. In meiner reichlichen Freizeit widmete ich mich meinem gro\u00dfen Hobby, dem Lesen von Kriminalromanen. Seit ich denken kann \u2013 das wird jetzt auch schon wieder ein paar J\u00e4hrchen her sein \u2013 liebe ich die Romane von Karin Slaughter und Petra Hammesfahr, Andreas Franz und Dan Brown. Auch Edgar Wallace vermag mich immer wieder aufs Neue zu packen, die Christie indes ist mir zu intellektuell und Chandler oder wie der hei\u00dft hat doch eigentlich \u00fcberhaupt keine Krimis geschrieben, jedenfalls wei\u00df man meistens sofort, wer der M\u00f6rder ist, bei der Highsmith auch, das ist was f\u00fcr pubertierende Linksintellektuelle.<\/p>\n\n\n\n<p>So oft es mir meine Zeit erlaubte \u2013 und sie erlaubte es aus den vorgenannten Gr\u00fcnden beinahe t\u00e4glich -, besuchte ich die einschl\u00e4gigen Buchhandlungen unserer Stadt und las mich durch die Krimineuerscheinungen. Besonders die kleine Buchhandlung von Herbert Schl\u00f6ns hatte es mir angetan, obwohl sein Angebot an Kriminalliteratur \u00fcberschaubar war. Doch arbeitete bei Schl\u00f6ns eine bezaubernde junge Dame, deren Anblick meinen tristen Alltag zu erhellen vermochte, wenngleich ich nicht auf den Gedanken verfallen w\u00e4re, dieses \u00e4therische und hochgebildete Wesen (schlie\u00dflich war sie Buchh\u00e4ndlerin, was knapp unter Nobelpreistr\u00e4gerin rangiert, rein bildungsm\u00e4\u00dfig) anzusprechen. Ich interessiere mich kaum f\u00fcr Triebabfuhr. Meine allesamt gescheiterten Ehen entsprangen einem meinerseitigen Akt des Mitleids mit den Frauen, die sich \u2013 ich wei\u00df nicht warum, ahne es jedoch \u2013 zu mir hingezogen f\u00fchlten. So war das schon immer, es liegt wohl an meiner \u00e4u\u00dferen Erscheinung und nicht von ungef\u00e4hr nennt man mich den saarl\u00e4ndischen Beckham.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: Eines Tages \u2013 oh, wie k\u00f6nnte ich ihn jemals vergessen! \u2013 weilte ich wieder einmal bei Schl\u00f6nsen und las mich durch die Anfangskapitel des neuen Donna Leon. Wie immer langweilte mich die Dame sehr. Das ist einfach Bildungsb\u00fcrgergeschw\u00e4tz, wenn sie mich fragen, und ich war dreimal in Venedig \u2013 jedesmal auf Hochzeitsreise -, das ist eine supertriste Stadt, noch trister als Triest, st\u00e4ndig unter Wasser gewisserma\u00dfen, aber so sind nun mal die Italiener, man wartet jahrhundertelang auf einen Klempner. Jedenfalls war ich also bei Schl\u00f6ns, bl\u00e4tterte mich etcpp &#8212;- da h\u00f6re ich ihre Stimme direkt an meinem Ohr. IHRE STIMME! Sie ist zart und doch bestimmt, bet\u00f6rend wie der Duft von Hagebutten, also wenn W\u00f6rter riechen k\u00f6nnten, meine ich jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und diese W\u00f6rter lauteten: \u201eSie scheinen ja ein Fachmann f\u00fcr Kriminalliteratur zu sein, mein Lieber. Wollen wir uns nicht mal dar\u00fcber unterhalten? Ich h\u00e4tte heute abend Zeit. Laden Sie mich zum Essen ein? Beim Italiener um die Ecke?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wagte kaum zu atmen, geschweige zu antworten. Ein verwirrtes Nicken brachte ich zustande, verlie\u00df ohne Einkauf die Buchhandlung \u2013 es war dreizehn Uhr -, irrte wie in Trance und von Sinnen durch die Stadt \u2013 f\u00fcnfzehn Uhr -, genehmigte mir einige Biere und Schn\u00e4pse \u2013 sechzehn Uhr -, irrte abermals durch die Stadt \u2013 siebzehn Uhr drei\u00dfig \u2013 trank nochmal ein paar Schn\u00e4pse \u2013 achtzehn Uhr \u2013 und stand, leicht wankend schon, vor Schl\u00f6nsens Etablissment \u2013 achtzehn Uhr vierunddrei\u00dfig -, dessen T\u00fcr sich sogleich \u00f6ffnete und jenes himmlische Wesen auf die Stra\u00dfe und gewisserma\u00dfen in meine Arme entlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufenthalt bei \u201eDa Luigi \u2013 hier wird nicht geschossen\u201c entwickelte sich zun\u00e4chst vielversprechend. Wir a\u00dfen Antipasti und Pasta, tranken Lambrusco und Grappa, erz\u00e4hlten uns unsere Leben \u2013 das hei\u00dft: Ich erz\u00e4hlte ihr meines, sie schwieg zumeist und h\u00f6rte anteilnehmend zu -, verdr\u00fcckten ein Dessert \u2013 ich wei\u00df nicht mehr was \u2013 und r\u00fcsteten uns f\u00fcr das After Eating Event, wie ich es als Marketingexperte immer nenne, also entweder zu ihr oder zu mir und dann ab in die Kiste.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es kam anders. Nachdem der Nachtisch \u2013 es war, jetzt erinnere ich mich wieder, Mozarrellacreme an frischen Johannisbeeren \u2013 verzehrt, meine Lebensgeschichte erz\u00e4hlt war, sah mir Anobella \u2013 denn um keine andere handelte es sich \u2013 tief in die Augen, so tief in die Augen&#8230;meine Herrn, das k\u00f6nnen Sie sich gar nicht vorstellen!, mir wurde gleich ganz anders und, nein, ich habs nicht so mit der Triebabfuhr, das klingt doch wie M\u00fcllabfuhr, oder?, aber dieser tiefe Blick, der hat mich&#8230;nun gut. Sie blickte mir also tief in die Augen und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch h\u00e4tte da einen Job f\u00fcr Sie. Krimistrohmann, das w\u00e4rs doch. Kann jeder Depp, aber Sie k\u00f6nnen das besonders gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erotik war mit einem Schlag dahin. Es ging jetzt ums Gesch\u00e4ft. Anobella bot mir an, einen sogenannten \u201eKrimiblog\u201c zu er\u00f6ffnen und unter meinem Namen Beitr\u00e4ge zu ver\u00f6ffentlichen, welche man mir \u2013 anonym! \u2013 zuspielen w\u00fcrde. Tausend Affen, also Euro im Monat seien da schon drin, genug, die Anspr\u00fcche meiner dritten Ehefrau zu befriedigen, dieser stinkfaulen Schlampe, die&#8230;.okay, okay, das tut jetzt nichts zur Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich willigte ein. Wir trennten uns als Gesch\u00e4ftspartner, was mich einerseits betr\u00fcbte, andererseits aber beruhigte, denn wiegesagt habe ich es nicht so mit dem Sexuellen und Anobella machte nicht den Eindruck, als l\u00e4gen ihre Erwartungen an M\u00e4nner auf Normalniveau, also die \u00fcbliche Gymnastik und so, da hat sie einfach h\u00f6here Anspr\u00fcche, wie ich jetzt wei\u00df, aber dazu komme ich gleich noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits am n\u00e4chsten Tag erhielt ich eine erste Mail mit Anweisungen. Bei einem gewissen Mitty sollte ich mich melden, dem Chef einer Internetillustrierten namens Hinternet. Ihm anbieten, einen Krimiblog zu betreiben, er wisse schon Bescheid. Ich tat wie gehei\u00dfen. Und so wurde ich \u201edpr\u201c, der legend\u00e4re dpr, ganze Generationen von Krimibloggern opfern mir auf dem Alter ihrer Hausg\u00f6tter, v\u00f6llig zu Unrecht, denn dieses Zeug, das da unter meinem Namen erscheint (ich erhalte jeweils Sonntags die Beitr\u00e4ge f\u00fcr die folgende Woche, immer per Mail, immer anonym), ist absoluter Schwachsinn, wenn Sie meine Meinung h\u00f6ren wollen. Wollen Sie nicht? Auch gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geld kam stets p\u00fcnktlich. Zun\u00e4chst tausend Affen, sp\u00e4ter f\u00fcnfzehnhundert, schlie\u00dflich zweitausend. Ich musste daf\u00fcr meinen Namen auch f\u00fcr obskure Druckerzeugnisse hergeben, Krimijahrb\u00fccher und so ein Zeugs, alte Krimis auch. Interessiert mich alles herzlich wenig, aber solange die Kasse stimmt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nahm das Ungl\u00fcck seinen Lauf. Ich besuchte Schl\u00f6nsens Gesch\u00e4ft nur noch sporadisch, vermied auch jeden Blickkontakt mit Anobella, merkte jedoch zu meiner vollst\u00e4ndigen Betroffenheit, dass, je mehr ich die Bezaubernde ignorierte, desto schlimmer die Kraft der Liebe in mir rumorte. Das Schlimmste aber: Anobella ging es ebenso, wie sie mir sp\u00e4ter offenbarte! Und es kam deshalb, wie es logischerdings kommen musste: Wir gaben uns einander hin. Rein platonisch, nat\u00fcrlich. Bitte zwingen Sie mich jetzt nicht, ins Detail zu gehen. Es war und ist sch\u00f6n \u2013 das muss gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach erz\u00e4hlte mir Anobella alles. Von den prominenten KrimischreiberInnen aus Politik, Wirtschaft und Showgesch\u00e4ft, die ihre Erzeugnisse unter Pseudonym ver\u00f6ffentlichen m\u00fcssten und dass man diesen Pseudonymen quasi ein Gesicht, eine Biografie gibt, also Strohm\u00e4nner und Strohfrauen einsetzen w\u00fcrde. Sie nannte auch Namen \u2013 Sie kennen sie von der Liste. Mein Krimiblog wird vollst\u00e4ndig von Herrn Oskar Lafontaine gef\u00fcllt, manchmal schreibt auch seine Frau Christa M\u00fcller als \u201eAnobella\u201c, doch sei sie, Anobella, eigentlich die Strohfrau f\u00fcr Frau Claudia Roth, die Politikerin, die gleichzeitig und ungl\u00fccklicherweise ihre Schwester ist. Nein, sie wisse nicht, wer hinter dem Ganzen stehe. Eine Organisation, sicherlich. Sie nennt sich \u201eH\u00e4ndler des Todes\u201c. Mehr wisse sie nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Je ausf\u00fchrlicher sie mir das erz\u00e4hlte, desto mehr muss sich ihr schlechtes Gewissen geregt haben. Ich beging nun den schlimmen Fehler, meinem Mitblogger, dem \u201eUnvergleichlichen\u201c, in einer schwachen, von Alkohol bestimmten Stunde, alles auszuplaudern. Der Unvergleichliche schrieb es auf \u2013 und musste sterben. Wahrscheinlich hatte er eine Idee, wer hinter den \u201eH\u00e4ndlern\u201c steht, versuchte sie zu erpressen \u2013 das traurige Ende kennen Sie ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Anobella wollte aussteigen. Auch sie traf die harte Hand der \u201eH\u00e4ndler\u201c, Sie entsinnen sich des Anschlags im Friseursalon. Danach tauchte sie unter, zog nach Wiesbaden. Ich habe ihre Adresse und Sie k\u00f6nnen sie gerne besuchen und selbst befragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ich nicht vielleicht doch eine Idee h\u00e4tte, wer die \u201eH\u00e4ndler\u201c sein k\u00f6nnten, wollen Sie wissen? Also&#8230;ich habe einen vagen Verdacht. Vielleicht irre ich mich, aber k\u00f6nnte es nicht sein, dass&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hier endete das Gest\u00e4ndnis dprs. Anna Beller schnaufte und sah zur Schrunzen, die die ganze Zeit erwartungsvoll am Tisch gesessen und gesch\u00e4tzte zehn Tassen starken Kaffees konsumiert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Wickius ist jetzt bei dieser Schl&#8230;dieser Anobella in Wiesbaden? Verh\u00f6rt sie? Hoffentlich so, wie man fr\u00fcher Hexen verh\u00f6rt hat. Gibt es schon neue Ergebnisse? So antworten Sie doch! Ich bin schlie\u00dflich die Ordnungsmcht von uns beiden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Claudine Schrunz l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWickius hatte selbst einen Verdacht, und die Aussage dprs und die der Anobella scheinen ihn zu best\u00e4tigen. Jetzt, in diesem Moment, ist er auf dem Weg nach Saarbr\u00fccken, zum gro\u00dfen Showdown gewisserma\u00dfen. Er wird die \u201eH\u00e4ndler des Todes\u201c entlarven und ihrer gerechten Strafe zuf\u00fchren. Sind Sie bereit? Ziehen Sie sich endlich was an, dann k\u00f6nnen wir gehen. Wickius wird uns brauchen&#8230;\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: Wickius und Claudine Schrunz sind zur\u00fcck in Deutschland, nachdem sie auf der k\u00fcnstlichen Insel IDIOT in der S\u00fcdsee aufger\u00e4umt und s\u00e4mtliche Krimischaffenden dort quasi vernichten haben. 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