{"id":17900,"date":"2012-02-13T09:44:33","date_gmt":"2012-02-13T09:44:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-14\/"},"modified":"2022-06-08T05:22:22","modified_gmt":"2022-06-08T03:22:22","slug":"was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/was-ist-krimi-neues-aus-der-zettelwirtschaft-14\/","title":{"rendered":"Was ist Krimi? Neues aus der Zettelwirtschaft 14"},"content":{"rendered":"\n<p>Hei\u00dfe Themen diesmal. \u00dcber Moral und Kommunikation, das Triviale an sich und, ganz klar, die \u00fcblichen Regungen der Einzeller.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Zettel 131:<\/strong> Wer mit GUT und B\u00d6SE hantiert, ist per se moralisch. Wer das Gute nicht vom B\u00f6sen unterscheidet, ist es auch. Selbst wer nur zeigt ohne zu werten, f\u00e4llt ein moralisches Urteil in Auswahl und Darstellung des Gezeigten. Wer dies im Rahmen von &#8222;Was ist Krimi?&#8220; zu ventilieren gedenkt, muss sich mit der Frage &#8222;Was ist Moral?&#8220; befassen. Moral ist eine ethische Wertung, die als Botschaft daherkommt. Das Spektrum reicht von Kitsch bis Kunst, vom reflexartigen Einsatz moralischer Parameter bis zu ihrer mutwilligen Zertr\u00fcmmerung. Sp\u00e4testens hier k\u00f6nnen wir &#8222;Moral&#8220; durch &#8222;Krimi&#8220; ersetzen. Moral und Krimi als Richtschnur, als Stabilisatoren von Recht und Ordnung. F\u00fcr viele Leser ist &#8222;Moral&#8220; eine unverzichtbare Krimiingredienz, ebenso wie &#8222;Unmoral&#8220;, was nat\u00fcrlich auch eine moralische Kategorie ist&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 132:<\/strong> Stichworte. Moral bei D\u00fcrrenmatt: Die b\u00f6se Tat wird zur guten Tat. Moral bei Glauser: Das Moralische ist das Unmoralische. Moral bei Chandler: Moral macht das Unmoralische ertr\u00e4glich. Moral bei Simenon: Moral gibt es nicht, aber daf\u00fcr \u00fcberall. Moral bei Ani: Kitsch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 133:<\/strong> Der Krimi als Gesellschaftsroman? Ein weiterer sch\u00fcchterner Legitimationsversuch, das verp\u00f6nte Textkind am Katzentisch in den Dienst einer h\u00f6heren Sache zu stellen? Nat\u00fcrlich handelt ein Krimi von Gesellschaft. Von was sonst? Auch ein &#8222;Handbuch Windows f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220; l\u00e4sst sich als Zustandsbeschreibung von &#8222;Gesellschaft&#8220; lesen. Systematisch vorgehen: Krimis handeln von Verbrechen. Krimis als Gesellschaftsromane handeln demnach von Verbrechen in der Gesellschaft oder an der Gesellschaft oder der Gesellschaft selbst Am Ende jedoch wird die Gesellschaft entkriminalisiert (wir reden gerade vom Gros der Spannungsproduktion), die Verh\u00e4ltnisse, die Ma\u00dfst\u00e4be werden zur\u00fcckger\u00fcckt. Warum wird aber die Gesellschaft nicht also solche kriminalisiert? Die versteckten Strukturen von Verbrechen im Alltag, ihre konstitutive Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von &#8222;Gesellschaft&#8220;. Weil es keinen Grund daf\u00fcr gibt? Weil Verbrechen Metastasen am urspr\u00fcnglich gesunden K\u00f6rper sind? Glaubt kein Mensch. Ein Kriminalroman, der die Gesellschaft als solche nicht kriminalisiert, ist wie ein kitschiger Liebesroman, der von Liebe handelt, ohne das Triebhafte des Zeugungsaktes wiederzugeben. Frau und Mann (die Hetenvariante) treffen sich, P\u00fcnktchenp\u00fcnktchenp\u00fcnktchen, neun Monate sp\u00e4ter kr\u00e4ht der Spross in der Wiege.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 134:<\/strong> Wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren, verabreden sie sich automatisch zu einem Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 135:<\/strong> Die Geschichte des Krimis als Geschichte kommunikativer Absichten erz\u00e4hlt. Sherlock Holmes kommuniziert mit Watson, um ihn zu belehren, die Dialoge vermitteln die Fr\u00fcchte von Erkenntnissen dank deduktiver Logik. Der Hardboiled verf\u00e4hrt soziolektisch, seine Dialoge errichten dadurch (und mit ihrem lakonischen Gestus) eine Welt aus Sprachschichten. Im Noir ist jeder Austausch von Sprache destruktiv. Bei George V. Higgins sind Dialoge ALLES, vor allem aber eines: Das R\u00f6hrenwerk, das Normalit\u00e4t und Verbrechen miteinander verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Resonanzzettel:<\/strong> Es ist schon beruhigend zu wissen, dass wenigstens die Meinungsmultiplikatoren aufmerksam in diesem kleinen Zettelkasten bl\u00e4ttern&#8230;&#8220;Nur engstirnige Kleingeister mit betoniertem Weltbild k\u00f6nnen Kitsch bei Ani vermuten, wo er den human factor in seiner ganzen vertrackten Vielschichtigkeit beschreibt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 136:<\/strong> Man fragt sich, warum Menschen Krimis lesen, wo sie doch selbst in Krimis mitspielen. Man fragt sich, warum sie die Inszenierungen anderer den eigenen vorziehen. F\u00fchlen Sie sich zu unbegabt? \u00dcberlassen sie es lieber den Profis, so wie sie ein verstopftes Rohr auch lieber von Profis freipumpen lassen? Wir wandern durch eine Welt, in der die Bruchst\u00fccke krimineller Plots wie Glasscherben unter unseren nackten Fu\u00dfsohlen knirschen. Eine Welt voller Thriller, f\u00fcr die sich niemand interessiert, die man nur zusammensetzen m\u00fcsste, ein Puzzle eben. Das Dumme: Wenn das Puzzle dann fertig w\u00e4re, w\u00fcrden wir uns selbst darauf erkennen. Irgendwelche Randfiguren im vagen Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 137:<\/strong> Vergessen Sie Zettel 136. Es ist ganz anders. Verbrechen gibt es \u00fcberhaupt nicht, sie sind eine Erfindung phantasieunbegabter AutorInnen. Alles ist normal, das Grauen ist normal, das Morden ist normal, es gibt f\u00fcr alles eine Ratio, die jede Ungeheuerlichkeit dorthin zur\u00fcckbringt, wo sie begonnen hat: in die Trivialit\u00e4t des Daseins.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 138: <\/strong>Was ist Krimi? Wenn man gelebt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 139:<\/strong> Passen Sie mal auf, mein Herr! Weil Sie sich \u00fcber &#8222;Trivial&#8220;-Literatur mokieren: JEDE auch nur im Ansatz ernstzunehmende Literatur ist trivial! Was Sie &#8222;literarisch&#8220; nennen, betrifft die Form, nicht den Inhalt. Es geht um Liebe und Nichtliebe, das B\u00f6se und das Gute, Sehnsucht und Resignation, Aufstieg und Fall, um ein paar Snapshots aus der verlorenen Jugend (lesen Sie &#8222;Lolita&#8220;!), um ein Horrorgem\u00e4lde aus der Zukunft \u2013 und das ist trivial! Trivial, Definition 1: naheliegend, altbekannt, banal. Und die Form ist Kunst, aber wenn man ihr das anmerkt, ist sie trivial, Trivial lt. Definition 2: verschwurbelt, blaupausig, aufsatzm\u00e4\u00dfig, geb\u00e4rdenprall. Das ist die Trivialit\u00e4t der gebildeten Banausen und, so, mehr gibt es zum Krimi eigentlich nicht zu sagen und jetzt gehen Sie und lesen Sie Trivialliteratur, bis Ihnen die Hochliteratur aus dem Arsch rauskommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zettel 140:<\/strong> Bescheidener Vorschlag zur Verbesserung der Krimikultur: Per Dekret (Bundesrat sollte zustimmen) muss jedem Krimi ein SPOILER vorangesetzt werden (noch besser: auf dem Backcover in gro\u00dfen Buchstaben). Etwa so; &#8222;Die in diesem Whodunit begangenen Morde gehen auf das Konto von Marius Preslau, dem unauff\u00e4lligen Nachbarn der Protagonistin. Er mordet, weil ihn seine Mutter entt\u00e4uscht hat, deshalb sind seine Opfer weiblich, \u00fcber 40 und dunkelblond.&#8220; Damit die ewige R\u00e4tselei endlich mal ein Ende hat. Damit wir uns den wesentlichen Dingen zuwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hei\u00dfe Themen diesmal. \u00dcber Moral und Kommunikation, das Triviale an sich und, ganz klar, die \u00fcblichen Regungen der Einzeller.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17900","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17900","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17900"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17900\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17900"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17900"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}