{"id":17901,"date":"2007-09-24T05:28:52","date_gmt":"2007-09-24T05:28:52","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xix\/"},"modified":"2022-06-05T23:37:24","modified_gmt":"2022-06-05T21:37:24","slug":"kapitel-xix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/09\/kapitel-xix\/","title":{"rendered":"Kapitel XIX"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/wickius_forts_cover_2.jpg\" alt=\"wickius_forts_cover_2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Was bisher geschah: V\u00f6llig wurscht! Jetzt gehts ans Eingemachte! Der \u00dcbelt\u00e4ter bekommt ein Gesicht und einen Namen! Der Showdown naht! N\u00e4chste Woche ist die Geschichte aus! Freut euch!<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Er stand am Fenster und blickte hinunter auf die Stra\u00dfe. Bald w\u00fcrde alles ihm geh\u00f6ren: die Stra\u00dfe, die Stadt, das Land, die Welt. Es war alles eine Frage der Zeit, er hatte es nicht eilig. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch und lauschte der Gesch\u00e4ftigkeit in den B\u00fcros der Angestellten. Seine Gesch\u00f6pfe! Sie hingen an seinen Lippen, sie zitterten vor seinem Wort, sie gaben ihm alles, was er von ihnen verlangte, besonders die ukrainischen Zwangspraktikantinnen waren mehr als gebefreudig. Er h\u00f6rte einfach zu und l\u00e4chelte dabei. Na sch\u00f6n, in letzter Zeit war einiges schiefgegangen, doch das spornte ihn nur an, zwang ihn dazu, seine theoretische Genialit\u00e4t praktisch zu nutzen. IDIOT, die teure Insel in der S\u00fcdsee, war verloren, um die Krimischaffenden, die dabei den Haien zum Festmahl gedient hatten, kaum schade. Sie lie\u00dfen sich ersetzen, blo\u00dfe Pappfiguren. Hatte er nicht damals, als alles begann, auch zun\u00e4chst mittellos dagestanden? Nur mit einer Idee im Hinterkopf?<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wie hatte nur alles angefangen, damals? Er war zum Studium nach Bayern gezogen, ein naiver Junge vom Land, nun in der Wei\u00dfwurstmetropole, unter Menschen, deren merkw\u00fcrdige Sprache er nicht verstand. An den Wochenenden lange Spazierg\u00e4nge durch die reizvolle Landschaft. Ziellos. Einmal war Hochwasser, die Isar spr\u00fchte \u00fcber ihre Ufer, warf sich auf die \u00c4cker. Pl\u00f6tzlich ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei \u2013 ein Mensch in Lebensgefahr! Er blickte \u00fcber die Fluten, erkannte nichts, h\u00f6rte noch einmal diesen Schrei, sah dann den Arm, der aus den Wassern ragte, mitgerissen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war nie ein Held gewesen. Jetzt jedoch, da er das Leben eines Menschen in Gefahr w\u00e4hnte, warf er sich bedenkenlos ins kalte Wasser \u2013 es war M\u00e4rz -, schwamm zu jenem Arm, der sich nur mit M\u00fche in der Luft hielt, ergriff ihn, zog Arm und alles, was an ihm hing, zum Ufer, unbegreiflich, wie er das schaffte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4lterer Mann war das, die Haare schon wei\u00df. Flache Atmung. Wiederbelebungsbesuche, Druck auf den Brustkorb. Endlich: Der Mann schlug die Augen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stellte sich heraus, dass er einem leibhaftigen Bischof den unerwarteten Rapport vor seinem Chef erspart hatte. Sie sa\u00dfen in einem Gasthof, der Gerettete in Decken geh\u00fcllt, welche die mitleidige Wirtin herbeigebracht hatte, w\u00e4hrend die nassen Kleider des Bischofs am Kachelofen trockneten. Sie tranken warmes Bier und a\u00dfen Brezeln mit Wei\u00dfwurstf\u00fcllung. Zwei einheimische Mitg\u00e4ste furzten in abgetragene Lederhosen und nannten es Folklore.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde Ihnen ewig dankbar sein\u201c, versprach der Bischof und l\u00e4chelte. Er konnte sehr sch\u00f6n l\u00e4cheln. \u201eEs ist eine Strafe Gottes, ich wei\u00df es wohl. Gott kann es nicht gefallen, dass ich in meiner Freizeit nicht den Rosenkranz bete, sondern Kriminalromane schreibe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dem konnte nicht widersprochen werden. Vor lauter Mitleid lie\u00df sich der Retter auf dieses Thema ein, heuchelte Interesse, bat sogar darum, einen dieser bisch\u00f6flichen Krimis lesen zu d\u00fcrfen, der Gefragte str\u00e4ubte sich zun\u00e4chst \u2013 auch dies nichts anderes als Heuchelei -, versprach dann aber, seinem Retter ein Manuskript zukommen zu lassen. In den n\u00e4chsten Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Bischof hielt Wort. Ein Packen beschriebenes Papier wurde abgegeben, war zu lesen, zu beurteilen. Gar nicht mal schlecht. Gut, der junge Student und Lebensretter hatte keine Ahnung von Literatur. Sein Fach war die Betriebswirtschaft, denn er wollte es zu etwas bringen in seinem zuk\u00fcnftigen Dasein. Und er kannte die Menschen. Wusste, dass sie diesen wohlformulierten Krempel dem Verleger aus den H\u00e4nden rei\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch am gleichen Tag schrieb er einen euphorischen Brief, dr\u00e4ngte den Bischof zur Ver\u00f6ffentlichung seines Werkes. \u201eGeht nicht\u201c, schrieb der Bischof bedauernd zur\u00fcck, \u201ewenn ich das unter meinem Namen publizieren lasse, bin ich meinen Job los. Von meiner weiteren Karriereplanung gar nicht zu reden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Welcher Teufel ritt unseren jungen Studenten? Was ging in seinem Kopf vor, als er abends in der Wirtschaft hockte, zwei Ma\u00df trank, wieder diese scheu\u00dflichen Brezeln a\u00df, wieder Einheimische gr\u00f6hlend in Lederhosen furzen h\u00f6rte, des Mitstudenten an seinem Tisch gewahr wurde, der gegen\u00fcber dem Kellner bedauerte, die Zeche nicht zahlen zu k\u00f6nnen? Warum wurde unser Lebensretter nun auch noch zum Philantropen und steckte dem Zechpreller einen Zehner zu?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil sich in ihm ein Plan zu verfestigen begonnen hatte. Ich brauche einen Strohmann, dachte er. Irgendeinen Dummen, der wenigstens intellektuell aussieht, sch\u00f6ne schwarze Haare und einen linksliberalen Bart hat. Der abgebrannt ist und zu allem bereit. Unter seinem Namen will ich den Krimi des Bischofs ver\u00f6ffentlichen \u2013 und die Kohle teilen wir uns dann wie Jesus die Fische und Brote oder diesen Wein bei der Hochzeit, wei\u00df der Teufel was und wie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann, dem er den Zehner zugesteckt hatte, strotzte nur so vor Dankbarkeit. Vor allem als er h\u00f6rte, da sei noch ein Hunderter drin, gar zwei, drei, vier. Alles ganz legal. \u201eDu gibst einfach deinen Namen her \u2013 und hast sonst nichts zu tun. Wie hei\u00dft du eigentlich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFriedrich Ani\u201c, antwortete der Gefragte. Das passte. Sch\u00f6ner Name.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Als \u201eFriedrich Ani\u201c ver\u00f6ffentlichte unser Bischof fortan einen Krimi nach dem anderen, ein jeder gut katholisch und gut verk\u00e4uflich. Aus dem Bischof wurde ein Kardinal, dem Bayern eines Tages zu eng wurde. Er ging nach Rom. Und wurde zum Papst gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aber war viele Jahre sp\u00e4ter und l\u00e4ngst hatte sich der ehemalige Student ein Imperium aufgebaut, Krimiautoren, die keine Krimiautoren sein durften, Strohm\u00e4nner und Strohfrauen, die f\u00fcr gutes Geld ihre Namen hergaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hatte lange gedauert, bis den nunmehrige Unternehmer erkannt hatte, was f\u00fcr ein weltpolitisch brisantes Geheimwissen da in seinem Tresor ruhte. Nat\u00fcrlich war jedes Gesch\u00e4ft schriftlich fixiert, mit Unterschriften versehen worden. Wundervolles Erpressermaterial. Dokumente zudem, die, einmal an die \u00d6ffentlichkeit gekommen, die Welt aus den Angeln heben konnten. Man brauchte nur eine Andeutung zu machen, schon sprang das politische Deutschland panisch durcheinander. Und nicht nur das. Einzig ER wusste, dass Ian Rankin eigentlich Tony Blair war.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lachte. Hatte er nicht vor kurzem erst bei einem Telefonat mit der Bundeskanzlerin beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, die Erbschaftssteuer mache ihm zu schaffen? Viel zu hoch sei die? Er musste nichts weiter sagen. Wenige Wochen darauf wurde ein Gesetzentwurf, der die Erbschaftssteuer f\u00fcr Unternehmen radikal senkte, im Parlament durchgewunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute abend w\u00fcrde er mit dem Vizekanzler telefonieren. M\u00fcnte, nat\u00fcrlich auch ein Krimischreiber, wie alle diese Politiker. \u201eM\u00fcnte\u201c, w\u00fcrde er sagen, \u201emir passt es nicht, wie ihr mit Sch\u00e4uble umspringt. Der Mann hat doch recht! Von deutschem Boden darf sich nie wieder ein Minarett in den Himmel erheben! Da sitzen dann die Extremisten drin und schreiben konspirative Emails! Abrei\u00dfen das Zeug!\u201c Und M\u00fcnte w\u00fcrde wissen, was er zu tun h\u00e4tte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00fcberlegte sich manchmal, warum gerade Politiker, Wirtschaftskapit\u00e4ne und Showgr\u00f6\u00dfen zum Krimischreiben tendierten und kam stets zu dem Schluss, es sei krankheitsbedingt. Ein Psychotumor gewisserma\u00dfen, so wie ja schon \u201ePolitikmachen\u201c, \u201eHumankapital freisetzen\u201c oder \u201eDie Fresse in jede Kamera halten\u201c als Krankheiten von den Kassen anerkannt wurden. Da findet sich, was zusammengeh\u00f6rt, dachte er. Kein normaler Schriftsteller k\u00e4me auf die Idee, einen Krimi zu schreiben, war ja keine Literatur. Und der Normalmensch? Du und ich? Der las Krimis, weil sie ihm Einblick in die kranken Hirne ihrer VerfasserInnen gew\u00e4hrten. Ganz simpel.<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00f6gerliches Klopfen an der T\u00fcr. \u201eHerein!\u201c schrie er w\u00fctend. War doch gerade so sch\u00f6n in seinen Allmachtsphantasien. Walter Mitty, der Strohmann, der f\u00fcr ihn den Chef gab, streckte den Kopf ins B\u00fcro.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntschuldige bitte, Raphael, aber da ist ein Herr Wickius, der dich ganz dringend sprechen m\u00f6chte. Es ginge um Leben und Tod!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Raphael W\u00fcnsch grinste. Wickius! In der H\u00f6hle des L\u00f6wen! Der Mann, der seine Pl\u00e4ne zu durchkreuzen drohte! Es war Zeit f\u00fcr den Showdown.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLass ihn rein, Walter. Und guck mal auf dem Chefredakteursklo, da ist wieder verstopft. Bring das in Ordnung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Walter Mitty nickte ergeben und gab die T\u00fcr frei. Horatio Wickius betrat das B\u00fcro. Seine Mimik dr\u00fcckte Entschlossenheit aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah: V\u00f6llig wurscht! Jetzt gehts ans Eingemachte! Der \u00dcbelt\u00e4ter bekommt ein Gesicht und einen Namen! Der Showdown naht! N\u00e4chste Woche ist die Geschichte aus! 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