{"id":17914,"date":"2012-02-27T09:22:12","date_gmt":"2012-02-27T09:22:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/michael-molsner-dich-sah-ich\/"},"modified":"2022-06-08T05:20:12","modified_gmt":"2022-06-08T03:20:12","slug":"michael-molsner-dich-sah-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/02\/michael-molsner-dich-sah-ich\/","title":{"rendered":"Michael Molsner: Dich sah ich"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"285\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/dich_sah_ich.jpg\" alt=\"dich_sah_ich.jpg\"\/> Der Krimi l\u00e4sst vieles mit sich machen, mehr oder weniger klaglos, wenn man das \u00c4chzen im Geb\u00e4lk der Story, der Sprache, der Intention gn\u00e4dig \u00fcberh\u00f6rt. Eine Prise Krimi als geschmackliche Verfeinerung, der Spannungskick als Einschlafverhinderungshilfe und, versteht sich, schlagendes Verkaufsargument. Die entscheidende Frage lautet dann zuverl\u00e4ssig: W\u00fcrde der Text auch ohne das Krimikorsett eine gute Figur machen und, falls ja, warum braucht er dann \u00fcberhaupt diese St\u00fctze? Bei Michael Molsners &#8222;Dich sah ich&#8220; f\u00e4llt die Antwort leicht: Ja, macht eine gute Figur, doch, Krimi kann nichts schaden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Michael Molsner? Wir erinnern uns. Als Krimiland noch nicht Boomland hie\u00df, in den schaurigen 70ern und 80er also, geh\u00f6rte Molsner zum deutschen Genreadel. Mit Preisen \u00fcberh\u00e4uft, ein \u2013 jetzt wirklich im weitesten Sinne \u2013 Vertreter des &#8222;Soziokrimis&#8220;, des Versuchs also, dem Genre etwas politisch-soziale Wirklichkeit einzuschreiben. Auch als Drehbuchautor ein Mann mit Meriten, kann sich Molsner r\u00fchmen, f\u00fcr die einzige &#8222;Tatort&#8220;-Folge (&#8222;Tote brauchen keine Wohnung, 1974) verantwortlich zu sein, die nicht in den dritten Programmen auf Endlosschleifen-Wiederholungstournee ging. Zu offen, zu politisch, zu anst\u00f6\u00dfig, &#8222;linkslastig&#8220; nennt&#8217;s der Volksmund.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Schnee von gestern. Molsners neuer Roman, &#8222;Dich sah ich&#8220;, ist kein Krimi \u2013 keinesfalls, obwohl er wie einer beginnt und wie einer endet. Bei einem Bombenattentat wird Charmaine Kluth verletzt. Sie f\u00e4llt ins Koma, Zustand kritisch. Der Erz\u00e4hler, Charmaines beinahe lebenslanger Geliebter, erinnert sich nun an seine Zeit mit dieser Frau, die einst seine Englischlehrerin war und ihn, den damals 18j\u00e4hrigen, &#8222;verf\u00fchrte&#8220;. Dieser Erz\u00e4hler, Michael Ratys, arbeitet als Journalist, Krimiautor und Drehbuchschreiber, ist also erkennbar so etwas wie ein alter ego des Verfassers, autobiografischer Kitt f\u00fcr eine fiktive Geschichte. Die handelt von einer seltsamen Liebe. Ein Fest der K\u00f6rperlichkeit, man gibt den Geschlechtsorganen neckische Namen, trifft sich heimlich, verliert sich dann f\u00fcr Jahre aus den Augen, trifft sich wieder, landet zwangsl\u00e4ufig im Bett. Charmaine ist inzwischen mit dem Juristen Monty verheiratet und hat drei Kinder von ihm \u2013 na ja, bei der \u00e4ltesten Tochter hatte wohl eher Ratys seinen Genpool beigesteuert. Es sind die famosen achtundsechziger Jahre mit ihrer Politisierung auch des Privaten, man veranstaltet &#8222;Marx-Kr\u00e4nzchen&#8220; im mehr als gutb\u00fcrgerlichen Ambiente eines befreundeten Industriellen, man macht Karriere \u2013 und liebt sich weiter. Charmaines Mann toleriert das Verh\u00e4ltnis offensichtlich, auch Ratys hat eine offizielle Lebensgef\u00e4hrtin. Das alles wird von Molsner in leichtem, nicht seichtem Stil erz\u00e4hlt, selbst die politischen Passagen sind angenehm unaufdringlich, ein vom Schleier der vergangenen Zeiten abgemilderter Bericht ohne missionarische oder denunziatorische Absichten. Die Geschichte einer gro\u00dfen und dennoch fast fl\u00fcchtigen Liebe, eine k\u00f6rperliche Synthese, der die ausufernden Gesten fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man entwickelt sich und die gemeinsamen Sch\u00e4ferst\u00fcndchen bleiben die verl\u00e4ssliche Konstante, w\u00e4hrend die Zeit einen fortrei\u00dft. Bis ins h\u00f6here Alter, bis zu jenem Moment des Bombenattentats, bis zum &#8222;Krimi&#8220; also. Der nun erinnert mich an Wilhelm Raabes &#8222;Stopfkuchen&#8220;, einen Roman, der das Spannungselement, dieses notorische &#8222;Wer war&#8217;s denn nun?&#8220; virtuos einsetzt, um nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Leser bei der Stange zu halten. Spannung als Mehrwert, ich sagte es bereits. Auch Molsner operiert mit diesem roten Krimifaden, ohne den seine Geschichte dennoch funktionieren w\u00fcrde. Das kriminelle Element (eine Erpressung, ein Mord kommen hinzu) treibt die Handlung voran, strukturiert sie und das l\u00e4sst sie denn doch \u00fcber das rein Dekorative, Ornamentale wachsen. Man br\u00e4uchte dieses &#8222;Krimi&#8220; also nicht, doch sch\u00f6n, dass es vorhanden ist. Ein unaufgeregter Roman also. Und ganz am Ende ist es wie am Anfang: Unser Liebespaar landet im Bett.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Molsner: Dich sah ich. <br \/>Oktober Verlag 2011. 300 Seiten. 14 Euro<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krimi l\u00e4sst vieles mit sich machen, mehr oder weniger klaglos, wenn man das \u00c4chzen im Geb\u00e4lk der Story, der Sprache, der Intention gn\u00e4dig \u00fcberh\u00f6rt. Eine Prise Krimi als geschmackliche Verfeinerung, der Spannungskick als Einschlafverhinderungshilfe und, versteht sich, schlagendes Verkaufsargument. Die entscheidende Frage lautet dann zuverl\u00e4ssig: W\u00fcrde der Text auch ohne das Krimikorsett eine gute [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-17914","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17914\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}