{"id":17915,"date":"2007-10-04T05:32:33","date_gmt":"2007-10-04T05:32:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/rick-demarinis-kaputt-in-el-paso\/"},"modified":"2022-06-06T15:42:41","modified_gmt":"2022-06-06T13:42:41","slug":"rick-demarinis-kaputt-in-el-paso","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/rick-demarinis-kaputt-in-el-paso\/","title":{"rendered":"Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso"},"content":{"rendered":"\n<p>Auch der Krimikritiker strebt manchmal nach H\u00f6herem. Eine gute Story ist eine gute Story, aber sie wird besser, wenn sie sich ins Bedeutend-Allgemeine transponieren l\u00e4sst. Jedenfalls f\u00fcr den Kritiker, dem sich dann die Gelegenheit bietet, von <em>pars pro toto <\/em>oder gar der Welt <em>in nuce <\/em>zu raunen. Das ist Feuilleton. Die Kunst, im Kaffeesatz des Mediokren die Umrisse des eigenen Bildungsschrotts zu zeichnen. Rick DeMarinis\u2019 Roman \u201eKaputt in El Paso\u201c ist so ein Text, der die Ambition des Kritikers, mehr zu sein als nur Buchbesprecher, geradezu verschwenderisch f\u00fcttert. Gleichzeitig ist dieser Text aber so gelungen, dass ihm jeder Versuch, mehr aus ihm zu lesen als in ihm steht, nur schaden kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Uriah Walkinghorse ist ein in die Jahre gekommener Bodybuilder. Er hat als Mathematiklehrer gearbeitet, jetzt aber k\u00fcmmert er sich als Hausmeister eines heruntergekommenen Appartmenthauses vorzugsweise um verstopfte Klos. An Geld mangelt es nat\u00fcrlich immer, und so nimmt Uriah das Angebot an, als \u201eHenker\u201c in einem SM-Studio anzuheuern, um devoten Kunden durch das Schwingen des Hackebeilchens den sexuellen Abgang zu vers\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider geht gleich Uriahs erster Einsatz gr\u00fcndlich schief. Der Kunde, ein stadtbekannter und einflussreicher Banker, stirbt. Mit Hilfe der nicht sehr trauernden Witwe wird die Tat vertuscht, das Problem elegant gel\u00f6st. F\u00fcr Uriah beginnen nun aber erst die Probleme, denn dieser Banker war nichts weiter als ein Strohmann f\u00fcr Drogendealer, die Bank selbst eine gigantische Geldwaschanlage und unser Teilzeithenker findet sich mithin als l\u00e4stiger Zeuge wieder. Nachdem der Versuch, Uriah erpressbar zu machen, gescheitert ist, greifen die Drogenbosse zum ultimativen Mittel. Uriah muss sterben. Der hat sich inzwischen in die Witwe verliebt (glaubt er wenigstens) und damit ein Problem mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann scheint also ziemlich kaputt, aber noch nicht kaputt genug. Unser Protagonist ist ein Pflegekind, seine \u201eGeschwister\u201c eine repr\u00e4sentative Weltmischung aus Asiaten und Schwarzen, ehrbaren B\u00fcrgern und Junkies, Erfolgsmenschen und Versagern. Jetzt sitzt der Pflegevater delirierend mit Jesus Christus am K\u00fcchentisch und weigert sich, in \u00e4rztliche Behandlung zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das genau ist der Punkt, an dem der sich zu H\u00f6herem berufen f\u00fchlende Kritiker aufmerkt. Komische Familie, denkt er. K\u00f6nnte das nicht&#8230;repr\u00e4sentative Weltmischung&#8230;eine Familie vom Zerfall bedroht&#8230;aber klar doch! DeMarinis\u2019 Text ist eine PARABEL! Es geht nicht um El Paso, es geht um die ganze Welt, in der man kaputt sein kann, weil sie selbst kaputt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnte man den Text lesen. Die ganze Handlung quasi eine Ebene h\u00f6her im Bedeutend-Allgemeinen verankern \u2013 und gar nicht merken, was einem entgeht. Denn tats\u00e4chlich steht das, was uns DeMarini erz\u00e4hlt, weder zwischen den Zeilen noch im Nirvana der intellektuellen Transferleistungen. Es steht im Text, es wird offenbar durch des Autors gro\u00dfe Kunst, Personen zu zeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Personen haben es in sich. Sie sind niemals eindimensional oder von jener Unverwechselbarkeit, die herzustellen angeblich das K\u00f6nnen des Autors ausmacht. Vergessen Sie diesen Schwachsinn aus dem Lehrbuch \u201eWie schreibe ich einen Krimi\u201c. DeMarinis g\u00f6nnt uns zu fast jeder seiner Figuren zwei Blicke aus gegens\u00e4tzlichen Perspektiven, was einerseits der Genauigkeit dient, andererseits jedoch jedwede Hoffnung, man verstehe diese Person nun \u201ebesser\u201c, zunichte macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir das seltsame SM-Gesch\u00e4ftsp\u00e4rchen mit den bereits ziemlich versauten Kindern. Das ist irgendwo widerlich, aber zugleich idyllisch. Oder den Barbesitzer, der eigentlich Universit\u00e4tsdozent ist, aber wegen K\u00f6rperverletzung geschasst wurde. Jetzt h\u00e4ngt er gro\u00dfe Tafeln mit Beispielen f\u00fcr grammatische Schnitzer in seinem Gesch\u00e4ft auf (\u201eIn Buttter getunkt, kann man das k\u00f6stliche Aroma des Hummers so recht genie\u00dfen.\u201c). Das ist idealistisch und gleichzeitig vergeblich. Wir werden mit einem Ehepaar bekannt, dessen Klo st\u00e4ndig verstopft ist, weil es ihn mit der M\u00fclltonne verwechselt. Komisch; tragisch. Oder der Drogenboss, der uns erkl\u00e4rt, warum die USA an allem schuld sind. Das ist wahr \u2013 und verlogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zerrissenste Person ist nat\u00fcrlich Uriah Walkinghorse selbst. Er verliebt sich, weil er genau wei\u00df, dass er diese Person, in die er sich verliebt, gar nicht liebt und auch nicht geliebt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist, man sollte es nicht vergessen, wunderbar pulp. Es wird gemetzelt und gepr\u00fcgelt, Personal aus dem PULP-Geschichtsbuch gibt sich die Ehre, eine bisexuelle Bodyguardin etwa oder der eigentlich ganz nette Killer, dem irgendwann genregerecht die Ohren als Troph\u00e4e abgeschnitten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So entsteht eine dichte Story mit dem, was man \u201eglaubw\u00fcrdige Figuren\u201c nennt, aber sie sind glaubw\u00fcrdig, weil man sie nicht fassen kann. Wer nun das Ganze auf Weltniveau hochrechnen m\u00f6chte, kann es nat\u00fcrlich tun. Nur: wozu? Vielleicht ist El Paso wirklich nur der Teil, der f\u00fcr das Ganze steht. Der Roman indes ist so gut, dass es schwerf\u00e4llt, ihn zugunsten allgemeiner \u00dcberlegungen zu verlassen. Und ganz nebenbei ist er der Beweis daf\u00fcr, dass auch intelligente Menschen gute Krimis schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rick DeMarinis: Kaputt in El Paso. <br \/>Pulp Master 2007 (Original: \u201eSky Full of Sand\u201c, 2003)<br \/>deutsch von Frank Nowatzki und Angelika M\u00fcller). <br \/>342 Seiten (plus ein unpaginiertes und informatives Nachwort von Ekkehard Kn\u00f6rer). 13,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch der Krimikritiker strebt manchmal nach H\u00f6herem. Eine gute Story ist eine gute Story, aber sie wird besser, wenn sie sich ins Bedeutend-Allgemeine transponieren l\u00e4sst. Jedenfalls f\u00fcr den Kritiker, dem sich dann die Gelegenheit bietet, von pars pro toto oder gar der Welt in nuce zu raunen. Das ist Feuilleton. 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