{"id":17923,"date":"2007-10-12T08:31:26","date_gmt":"2007-10-12T08:31:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/messebericht-2007\/"},"modified":"2022-06-05T02:23:36","modified_gmt":"2022-06-05T00:23:36","slug":"messebericht-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/messebericht-2007\/","title":{"rendered":"Messebericht 2007"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDen Kaffee bezahle diesmal ICH!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mein diesj\u00e4hriger Besuch der Frankfurter Buchmesse beginnt mit einer faustdicken \u00dcberraschung. Krimischaffende Astrid Paprotta, die mich zum traditionellen Hintergrundgespr\u00e4ch geladen hat, ist gewillt, den L\u00f6wenanteil ihrer Tantiemen f\u00fcr \u201eFeuertod\u201c in v\u00f6llig \u00fcberteuertes hei\u00dfes und schwarzes Wasser zu investieren. Wir zapfen die Getr\u00e4nke (\u201eSelbstbedienung\u201c) und ziehen uns zum Gedankenaustausch zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Minuten r\u00fchren wir versonnen im Gebr\u00e4u, bevor ap mit ausdrucksloser Stimme sagt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Geschirrsp\u00fclmaschine ist kaputt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es \u00fcberl\u00e4uft mich. Am Stand des Dortmunder Grafit Verlages droht ein Buch umzufallen. Wir r\u00fchren weiter im Kaffee. Noch einmal f\u00fcnf Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBei defekter Geschirrsp\u00fclmaschine kann ich nicht schreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. Ich nicke mitf\u00fchlend und sammle erste Eindr\u00fccke der heurigen Modetrends bei den Verlagsm\u00e4dels. Stiefel. Stiefel in allen Variationen. R\u00f6cke. Meist mittellang. Das Buch bei Grafit steht noch. Die Zeit (f\u00fcnf Minuten) vergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKein Mensch kann Krimis schreiben, wenn die Geschirrsp\u00fclmaschine defekt ist\u201c, kl\u00e4rt mich ap auf. Ich nicke auch diese Weisheit ab. Wir starren auf den von keinem L\u00fcftchen bewegten, starren schwarzen See in unseren Tassen. F\u00fcnf Minuten ziehen ins Land.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6chstens Oliver Bottini.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4h\u2026ich habe den Faden verloren. Bottini? Macht nichts. Es ist wieder an der Zeit, im Kaffee zu r\u00fchren. Vier Minuten? Nein. F\u00fcnf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, der auch nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wer? Was? Unwichtig. Der Kaffee ist kalt, das Buch am Grafitstand in bedenklicher Schieflage.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch muss jetzt zum n\u00e4chsten Termin. War sch\u00f6n, mal wieder mit dir zu sprechen\u201c, gibt ap das Zeichen zum Aufbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd gr\u00fc\u00dfe Anobella von mir. Ich mag sie sehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWerd ich ausrichten\u201c, l\u00fcge ich. Interessantes Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu meinem n\u00e4chsten Termin mit Krimiexperte Thomas W\u00f6rtche Vertiefung der bisherigen modischen Eindr\u00fccke. Ja, Stiefel. Ich mag keine Stiefel. Und R\u00f6cke. Ich mag R\u00f6cke. Dazu bisweilen recht nachl\u00e4ssig gekn\u00f6pfte Blusen. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Ex-metro-Herausgeber W\u00f6rtche wartet mit einer Sensation auf: Er hat sich das Rauchen angew\u00f6hnt. \u201e40 Jahre Nichtraucher \u2013 ich muss ein vollst\u00e4ndiger Idiot gewesen sein\u201c, bekennt er hustend. Wie er es geschafft habe, mit alten Gewohnheiten so radikal zu brechen? Stolz streckt sich W\u00f6rtche zu voller K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe und bekennt: \u201eEs war nicht leicht. Am Anfang hat es einfach schei\u00dfe geschmeckt. Heute auch noch. Aber seit ich rauche, habe ich viel mehr Erfolg bei Frauen.\u201c Er zieht ein schwarzes Feuerzeug aus der Jackentasche und \u00fcberreicht es mir. \u201eStatt Visitenkarte\u201c. Ich lese den Aufdruck. \u201eEven non-smokers get the Blues\u201c. \u201eVierzig Jahre! Ich fass es nicht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sprichts, entsorgt seine CAMEL LIGHT nonchalant auf dem Teppichboden und verabschiedet sich auf den Spuren einer viel zu jungen Verlagsmitarbeiterin. \u201eGr\u00fc\u00df Anobella von mir, ich liebe sie\u201c, sind seine letzten Worte. Ich vergesse sie sofort wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist es Nachmittag geworden, das B\u00fcchergemensch dr\u00fcckt sich durch die Flure, an Atmen ist nicht mehr zu denken. Meine n\u00e4chsten Gespr\u00e4chpartner, Christina Bacher und Ulrich Noller, erwarten mich in einem der zahlreichen \u2013 und nat\u00fcrlich \u00fcberf\u00fcllten \u2013 INDOOR COFFEE SHOPS. Thema: Krimijahrbuch. L\u00e4uft alles? Noller: \u201eJo.\u201c Bacher: \u201eAber immer\u201c. DPR: \u201eDann h\u00e4tten wir uns nichts mehr zu sagen.\u201c Noller: \u201eN\u00f6.\u201c Bacher: \u201eSo siehts aus.\u201c Wir trennen uns als Freunde. Sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe soll ich ausrichten. An wen? Die LeserInnen ahnen es.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zum H\u00f6hepunkt meines Messebesuchs passiere ich den Stand des Dortmunder Grafit Verlages, als dort just jenes schon mehrmals erw\u00e4hnte Buch umf\u00e4llt. Es handelt sich um Horst Eckerts \u201eK\u00f6nigsallee\u201c. Ein Mann springt sofort auf, b\u00fcckt sich und sorgt f\u00fcr die ordnungsgem\u00e4\u00dfe Platzierung des Werkes. Der Mann ist kein anderer als Horst Eckert selbst, wie ich vorbeieilend im linken Augenwinkel erkenne. Schade, h\u00e4tte gerne ein paar Takte mit ihm gesprochen. Aber Anobella, die im Cafe der Verlage auf mich wartet, gilt als P\u00fcnktlichkeitsfanatikerin, ich muss mich beeilen.<\/p>\n\n\n\n<p>14.30: Ich habe es p\u00fcnktlich geschafft. Keine Spur von Anobella. 14.31: Eine atemberaubende rothaarige Sch\u00f6nheit (also nicht Anobella) geht an mir vorbei. Ganz in Schwarz. High Heels. Schlagartig vergesse ich, warum ich hier bin.<\/p>\n\n\n\n<p>14.35: Anobella weckt mich aus meinen Tagtr\u00e4umen. \u201eHe! Da bin ich! P\u00fcnktlich wie immer!\u201c \u2013 Ich verkneife mir den Widerspruch und \u00fcberlasse mich der Sprachlosigkeit, welche mich beim Anblick der Wiesbadener Krimischaffenden gepackt hat. Sie tr\u00e4gt entgegen des skizzierten modischen Trends eine \u00fcber den Knien unsachgem\u00e4\u00df abgeschnittene Jeans, dazu gelbe Lackstiefel, die unter den Knien enden. Die dadurch unbedeckt bleibenden Kniescheiben wollen als erotisches Moment nicht so recht \u00fcberzeugen. Gleiches gilt f\u00fcr das pinkfarbene T-Shirt am Oberk\u00f6rper der bekennenden Hessin. \u201eWhat you read is what you eat\u201c steht dort in grellblauen Buchstaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Anobella zieht mich \u2013 mir stockt der Atem \u2013 zum Tisch der rothaarigen Sch\u00f6nen. \u201eDas ist Henrike Heiland!\u201c, stellt sie vor. Wir geben uns die Hand. F\u00fcnf Minuten lang.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eK\u00f6nnen wir jetzt was trinken?\u201c unterbricht Anobella, leicht gereizt, die H\u00f6flichkeitszeremonie. K\u00f6nnen wir. Theoretisch. Doch im Cafe der Verlage gibt es Kaffee nur f\u00fcr Verlage. Wir schauen uns an. Wir sind Krimischaffende, keine Verlage. Die Verlage leben von uns, aber sie verweigern uns die Getr\u00e4nke. Verbittert ziehen wir weiter. Nach odyseeischen Wanderungen erreichen wir ein Cafe, das auch an NormalautorInnen Getr\u00e4nke ausschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Mineralwasser\u201c, bestellt Henrike Heiland, \u201eaber bitte laktosefrei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anobella schaut mich an. Gereizt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu mit deinem Wasser!\u201c, zischt sie der vielversprechenden Nachwuchsautorin (euphorische Besprechungen ihrer Werke auf diesem Blog folgen!) zu und bestellt selbst \u201eKaffee! Und Kuchen! Ich zahl heute alles!\u201c Der Berichterstatter schlie\u00dft sich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Austausch erster Floskeln. Nat\u00fcrlich habe ich ALLES von Henrike Heiland gelesen (stimmt nicht), nat\u00fcrlich ist alles wunderbar (stimmt nat\u00fcrlich!), nat\u00fcrlich finde ich es toll, das mit dem laktosefreien Wasser, nat\u00fcrlich ist es auch toll Kaffee zu trinken (Anobella lockert den Griff um meinen Hals).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeh mal eine rauchen, wir m\u00fcssen jetzt \u00fcber Frauenthemen sprechen\u201c, fordert mich Anobella r\u00fcde auf, eine rauchen zu gehen. Ich gehe eine rauchen. Als ich zur\u00fcckkomme, ist Ano\u201cich zahle alles\u201cbella beim zweiten Kaffee und dem dritten St\u00fcck Kuchen. Der Blick, den sie mir entgegenwirft, kann nur als finster bezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu riechst nach Rauch\u201c, faltet sie mich zusammen, \u201ewir m\u00f6gen das nicht. M\u00fcsstest du nicht l\u00e4ngst am Bahnhof sein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wenn ich es mir recht \u00fcberlege\u2026 Ich verabschiede mich von Henrike Heiland, gebe ihr wieder die Hand (f\u00fcnf Minuten), verabschiede mich auch von Anobella (\u201eTsch\u00fcs. Man sieht sich.\u201c). Die dr\u00fcckt mir die Rechnung in die Hand. \u201eBezahl das mal da vorne an der Kasse. Ich glaub, ich hab meinen Geldbeutel vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seufzend opfere ich einen Zwanziger und qu\u00e4le mich durch die Massen. N\u00e4chstes Jahr werde ich wieder dabei sein. Es hat sich gelohnt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDen Kaffee bezahle diesmal ICH!\u201c Mein diesj\u00e4hriger Besuch der Frankfurter Buchmesse beginnt mit einer faustdicken \u00dcberraschung. Krimischaffende Astrid Paprotta, die mich zum traditionellen Hintergrundgespr\u00e4ch geladen hat, ist gewillt, den L\u00f6wenanteil ihrer Tantiemen f\u00fcr \u201eFeuertod\u201c in v\u00f6llig \u00fcberteuertes hei\u00dfes und schwarzes Wasser zu investieren. Wir zapfen die Getr\u00e4nke (\u201eSelbstbedienung\u201c) und ziehen uns zum Gedankenaustausch zur\u00fcck. 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