{"id":17925,"date":"2007-10-15T05:35:32","date_gmt":"2007-10-15T05:35:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/sybil-volks-cafe-groessenwahn\/"},"modified":"2022-06-14T19:38:00","modified_gmt":"2022-06-14T17:38:00","slug":"sybil-volks-cafe-groessenwahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/sybil-volks-cafe-groessenwahn\/","title":{"rendered":"Sybil Volks: Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Auch f\u00fcr die folgende Arbeit unseres Rezensenten-Azubis Jochen \u00fcbernehmen wir, wie immer, keinerlei Verantwortung. Erz\u00fcrnte und kommentarm\u00e4\u00dfig enthemmte LeserInnen m\u00f6gen bitte ber\u00fccksichtigen, dass hier ein noch junger und unreifer Mensch seine ersten Schritte auf das glatte Parkett der kritischen Analyse setzt. Dabei sind schon ganz andere auf die Schnauze gefallen, wir nennen jetzt aber keine Namen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das also ist der Roman, der einen kleinen \u2192<a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/sybil-volks-cafe-groessenwahn.html\">Rezensionsaufruhr<\/a> auf der \u201eKrimi-Couch\u201c verursachte. Einige LeserInnen f\u00fchlten sich bem\u00fc\u00dfigt, das kleine, unscheinbare Buch vor den b\u00f6sen Worten des Rezensenten in Schutz zu nehmen. Das sei ihnen unbenommen &#8211; ob mit der Autorin bekannt oder nicht, sei dahingestellt; aber es ist schon erstaunlich, mit welcher Vehemenz da verteidigt und nach Rezensionen verlangt wurde, die eher den Charakter von Schulaufs\u00e4tzen besitzen. Und damit haben wir einen sch\u00f6nen Bogen zur eigentlichen Besprechung geschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wie ein Schulaufsatz kommt \u201eCaf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn\u201c daher: Leistungsstand etwa 11. Klasse, die Verfasserin der klassische Strebertyp. Thema: Wie stelle ich mir das K\u00fcnstlerleben in Berlin zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts vor? Da wird lustig Namedropping betrieben \u2013 gipfelnd in einem Hilfspathologen namens Gottfried Benn \u2013 mit wenigen Ausnahmen (Else Lasker-Sch\u00fcler) ohne gro\u00dfartige Bedeutung f\u00fcr die zu erz\u00e4hlende Geschichte. Die ist bemerkenswert schlicht: junger Mann vom Land, voller hochfliegender k\u00fcnstlerischer Tr\u00e4ume, kommt aus Geldmangel auf die schiefe Bahn, verursacht versehentlich zwei Todesf\u00e4lle, begeht dann \u2013 mit plattem Verweis auf Friedrich Nietzsche \u2013 bewusst einen Mord, verarbeitet die Geschichte zu einem erfolgreichen Theaterst\u00fcck, nur um bei der Premiere\u2026 aber das verrate ich nicht. Obwohl es nicht viel zu verraten gibt: der viel zu eilig herbeigef\u00fchrte Schlussakt m\u00f6chte nur zu offensichtlich (endlich?) Krimistandards erf\u00fcllen, scheitert dabei aber auf der ganzen Linie, aufgrund seines eigenen minderbemittelten Konstrukts \u2013 eine derma\u00dfen haneb\u00fcchene Aufl\u00f6sung grenzt schon an Leserverletzung. Da h\u00fcpft der Kasper aus der Kiste und schreit: \u201eDas Krokodil ist\u2019s gewesen, weil es so komisch kuckt!\u201c DAS ist tats\u00e4chlich der Start ins wenig spannende Finale, das genauso morsch ist wie das Eis, auf dem es stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Krimi ist \u201eCaf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn\u201c gr\u00f6\u00dftenteils Etikettenschwindel \u2013 denn \u201eKappes zweiter Fall\u201c wie der Untertitel vollmundig verk\u00fcndet, m\u00fcsste eigentlich \u201eHoffmanns Erz\u00e4hlungen\u201c hei\u00dfen, denn der blass figurierte Polizist Kappe kommt kaum wahrnehmbar vor \u2013 einzig pr\u00e4gende Sentenz: er schnarcht im Theater -, w\u00e4hrend Eugen Hoffmanns Scharaden und Erlebnisse in der gro\u00dfen Stadt weit ausf\u00fchrlicher ausgebreitet werden. Das m\u00f6chte mit historischem Lokalkolorit brillieren, doch hinter allen Ecken und Enden lugen nur Hochglanzbildb\u00e4nde und imagin\u00e4re Flei\u00dfk\u00e4rtchen hervor, die Volks vermutlich zur Erschaffung \u201eihres\u201c Berlins des Jahres 1912 benutzt hat. Denn sie begeht den schweren Lapsus, die Sprache des Romans einerseits der naiven Landpomeranze Eugen Hoffmann anzupassen, sowie betont altert\u00fcmlich zu schreiben. Diese Mixtur aus Nostalgie und Simplizit\u00e4t macht den Roman zwar leicht lesbar, l\u00e4sst aber all das vermissen, was eine eigene Identit\u00e4t ausmachen k\u00f6nnte. Obwohl sich der Vergleich nahezu verbietet: Autoren wie Max Allan Collins, Mark Frost und selbst Stuart Kaminsky haben gezeigt, wie Kriminalromane aussehen k\u00f6nnen, die historische Fakten und literarische Fiktion vermischen. Aber jeder dieser Autoren hat seine eigene Sprache \u2013 mal besser (Collins, Frost) mal schlechter (der immer noch ordentliche Kaminsky) -, mit der er auch umgehen kann. Sybil Volks versteckt sich hinter Angelerntem. Das sie es besser k\u00f6nnte, lassen vereinzelte stimmungsvolle Passagen vermuten, zudem hat sie einen gelungenen Gag zu bieten: denn das Schiff auf dem der Musiker Fritz anheuert, um dem untergehenden Glanz des Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn zu entfliehen, und ein neues Leben zu beginnen, ist kein anderes als die Titanic. Doch leider wird diese nicht eben filigrane, aber passende Allegorie von Frau Volks im Verlauf des Romans zu Tode geritten.<\/p>\n\n\n\n<p>DAR\u00dcBER gab\u2019s also einen kleinen Aufstand beflissener Menschen. Der viel und mit dem Holzhammer beschworene Gerhard Hauptmann schweigt weise dazu, doch ein fr\u00f6hlicher Shakespeare (ebenfalls Dramatiker) verk\u00fcndet l\u00e4chelnd: \u201eViel L\u00e4rm um Nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Sybil Volks: Es geschah in Berlin 1912 \u2013 Caf\u00e9 Gr\u00f6\u00dfenwahn. Kappes zweiter Fall. <br \/>Jaron Verlag 2007. 208 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Auch f\u00fcr die folgende Arbeit unseres Rezensenten-Azubis Jochen \u00fcbernehmen wir, wie immer, keinerlei Verantwortung. Erz\u00fcrnte und kommentarm\u00e4\u00dfig enthemmte LeserInnen m\u00f6gen bitte ber\u00fccksichtigen, dass hier ein noch junger und unreifer Mensch seine ersten Schritte auf das glatte Parkett der kritischen Analyse setzt. 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