{"id":17926,"date":"2012-03-01T10:12:39","date_gmt":"2012-03-01T10:12:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/dpr-erklaert-euch-das-internet\/"},"modified":"2022-06-08T05:18:34","modified_gmt":"2022-06-08T03:18:34","slug":"dpr-erklaert-euch-das-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/dpr-erklaert-euch-das-internet\/","title":{"rendered":"Dpr erkl\u00e4rt euch das Internet"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Was ist das Internet. Das Internet ist das Leben, also ein krimineller Ort. An ihm haust der Idealist eintr\u00e4chtig neben dem Intriganten, hier trifft sich intellektueller Tiefsinn mit der Facebookhymne &#8222;Bin gerade aufgestanden&#8220;, hier bl\u00e4ttert man von einem Foto der syrischen Gr\u00e4uel unvermittelt zu dem einer gesch\u00e4ndeten Vierj\u00e4hrigen. Im Internet werden Gesch\u00e4fte gemacht und zwar im doppelten Wortsinn, wobei der Teufel wie immer auf den gr\u00f6\u00dften Haufen schei\u00dft. Es wird beschenkt und bestohlen, ge- und missbraucht, ein Philosophensatz besitzt die gleiche digitale Wertigkeit wie der Satz eines geistigen Brandstifters. Also, noch einmal: Das Internet ist das Leben ist ein krimineller Ort, eine Inszenierung, ein Konvolut von Texten, Literatur im Rohzustand, die darauf wartet, dramaturgisch hergerichtet zu werden, ein Krimi.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und was braucht ein Krimi? Recht und Ordnung und Polizei. Oh ja! Dieser moralische Misthaufen! Gut und B\u00f6se schieben Arm in Arm wie ein Tanzp\u00e4rchen \u00fcber das Parkett, hier bedarf es dringend einer Trennung, wie sie der gute alte Ermittler aus dem guten alten Krimi zuverl\u00e4ssig vollziehen kann. Das ist schlie\u00dflich Endzweck allen Krimis: Trenne das Gute von dem B\u00f6sen und bestrafe letzteres, damit auch der gr\u00f6\u00dfte Depp mitbekommt, wie wenig es sich lohnt, b\u00f6se zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Wie fange ich das an? Als erstes muss ich nat\u00fcrlich definieren, was Verbrechen eigentlich ist. Verbrechen im Internet! Oh, hier k\u00f6nnte ich Geschichten erz\u00e4hlen! Aber nein, ich habe sogar einen Roman dar\u00fcber geschrieben, auf den ich hier nicht speziell hinweisen m\u00f6chte, obwohl das Internet auch ein Ort der Eigenwerbung sein muss. Aber es gibt noch viele andere Verbrechen im Digitalen! Ich rede jetzt nicht von der manifesten Dummheit, dem also, was fr\u00fcher isoliert durch Gehirne schwurbelte, allenfalls am Fr\u00fchst\u00fcckstisch, im B\u00fcro oder am legend\u00e4ren Stammtisch \u00f6ffentlich wurde, heute aber &#8222;Forumsbeitrag&#8220; hei\u00dft oder &#8222;Statusmeldung&#8220;. Gegen Dummheit ist selbst der beste Autor machtlos. Die Dummheit der digitalen Brandstifter und Einfachstgestrickten, die hier ihre Brandbeschleuniger ins Virtuelle werfen. Ihnen begegnet man am besten mediengerecht mit dem digitalen Arschtritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, reden wir von Diebstahl. Dem an &#8222;geistigem Eigentum&#8220;. Und m\u00fcssen uns sofort wieder fragen: Ja, was ist das? Fr\u00fcher war es doch so: Geistiges Eigentum war in den meisten F\u00e4llen an physisches gekoppelt. Du hast eine tolle Idee? Okay, biete sie einer Zeitung, einer Zeitschrift an oder schreib doch gleich ein Buch. Das Dumme dabei: Man musste erst einmal eine Zeitung, eine Zeitschrift, einen Verlag finden, die\/der die tolle geistige Idee ver\u00f6ffentlichte. Hatte man das geschafft, war man fein raus und konnte sein geistiges Eigentum schwarz auf wei\u00df als Gegenstand mit sich herumtragen. Die Zeitung, die Zeitschrift, das Buch waren so etwas wie die Besitzurkunde f\u00fcr mein geistiges Eigentum, wobei wir aber zwischen Besitz und Eigentum unterscheiden m\u00fcssen, tut mir also leid, wenn es jetzt juristisch wird. Ganz kurz: Eigentum ist die rechtliche Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber eine Sache, Besitz die tats\u00e4chliche. Hei\u00dft konkret: Was mit dieser &#8222;Sache&#8220;, also meiner tollen Idee, meinem tollen Buch, geschieht, wie ich sie verwerte, wie ich sie ver\u00e4ndere, verkaufe, verleihe etc., entscheide ICH, der Eigent\u00fcmer. Der Besitzer, derjenige also, der im Normalfall sich die Zeitung, die Zeitschrift, das Buch mit meiner tollen Idee gekauft hat, kann dar\u00fcber soweit verf\u00fcgen, wie die Rechte des Eigent\u00fcmers, meine in diesem Fall, davon nicht tangiert werden. Noch k\u00fcrzer: Der Besitzer kann lesen, er kann sich inspirieren oder abschrecken lassen, er kann \u2013 darauf lege ich als Autor sogar gr\u00f6\u00dften Wert \u2013 meine tolle Idee als Grundlage daf\u00fcr nehmen, selbst auf tolle Ideen zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt muss ich eine klitzekleine autobiografische Schnurre loswerden. Vor etlichen Jahrzehnten \u2013 ich f\u00fcrchte, es sind schon vier \u2013 schrieb ich auch einmal neckische Gedichte. In einigen davon neigte ich zum Wortspiel und eine meiner Sch\u00f6pfungen hie\u00df: BRDigung. Ich war ziemlich stolz darauf, aber leider konnte ich das entsprechende kleine Werklein nirgendwo platzieren, weder in einer Zeitung, einer Zeitschrift, gar einem Buch. Jahre sp\u00e4ter las ich &#8222;mein&#8220; geistiges Eigentum &#8222;BRDigung&#8220; unvermittelt in einer Zeitung, einer Zeitschrift, einem Buch, ich wei\u00df es nicht mehr so genau. Nat\u00fcrlich war ich entr\u00fcstet! Man hatte mich bestohlen! Herr Kommissar, tun Sie Ihre Pflicht! Gut, es war kein vors\u00e4tzlicher Diebstahl, denn dieser BRDigungs-Zweitverwerter konnte von mir, dem Sch\u00f6pfer nichts ahnen, mein Gedicht war ja niemals ver\u00f6ffentlicht worden. Hm&#8230; aber warum eigentlich nicht. Ich schw\u00f6re, dass mein Gedicht besser war als das meines Nachfolgers, die wahren Schuldigen sa\u00dfen also in irgendwelchen Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften oder in den Lektoraten. H\u00e4tte es damals schon Internet gegeben, gewiss w\u00e4re mein Gedicht dort &#8222;erschienen&#8220;, ich h\u00e4tte das ja bequem selber machen k\u00f6nnen. Und dann einfach abwarten, bis sich jemand erdreisten w\u00fcrde, mich zu bestehlen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, die Sache hat gleich mehrere Haken. Vielleicht bin ich n\u00e4mlich gar nicht im Besitz der geistigen Eigentumsrechte an &#8222;BRDigung&#8220;, vielleicht hat mein Nachfolger diese Wortsch\u00f6pfung vor mir erdacht, im Hinterkopf behalten, bis sich die Gelegenheit bot, sie in einem Gedicht unterzubringen, vielleicht hat er sein Gedicht wie sauer Bier angeboten, jahrelang, bis er endlich Erfolg hatte. Das aber hatte ich nicht getan und deshalb brauchte ich mich auch nicht zu wundern. Ein weiterer Haken: Nicht auszuschlie\u00dfen, dass WIR BEIDE Diebe waren. Dass ein dritter&#8230; vielleicht sogar in gedruckter Form&#8230; man kann ja nicht alle papiernen Produkte durchforsten, bevor man selbst&#8230; und dann auch noch GEDICHTE, ich bitte Sie! Das h\u00e4lt doch kein Mensch aus!<\/p>\n\n\n\n<p>Dritter Haken: BRDigung. Na und? Das ist ein Wort! Nichts weiter! Die viel gr\u00f6\u00dfere geistige Leistung besteht doch darin, es in einen literarisch wertvollen Kontext zu bringen! &#8222;Hiermit beantrage ich die geistigen Eigentumsrechte an der Wortsch\u00f6pfung BRDigung und werde jedwede illegale Nutzung meines Eigentums gnadenlos und unter Aussch\u00f6pfung der gesetzlichen Bestimmungen&#8230;&#8220; \u2013 nein, zu bl\u00f6d.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in Ordnung. Das war zu einer Zeit, da geistiges Eigentum an materielles gebunden war. Heute ist das anders geworden, heute stelle ich mein geistiges Eigentum frohgemut und inflation\u00e4r in den kriminellen Raum Internet. Ich bin Teil einer egalit\u00e4ren Tauschgesellschaft von Gedanken, von sinnigen wie unsinnigen, guten wie schlechten. Ich f\u00fchle mich unwohl, denn ich wei\u00df: Man wird mich bestehlen, so oder so. Man wird mich zitieren, ohne meinen Namen zu nennen, man wird meine W\u00f6rter zu seinen machen, mein Gutes wird zum B\u00f6sen der anderen. Ich f\u00fchle mich also unwohl, ich f\u00fchle mich bedroht, ich muss besch\u00fctzt werden. Ich verlange, dass das Internet endlich ein richtiger Krimi wird! Dass es einen Ermittler gibt, eine Mischung aus Sherlock Holmes und Father Brown, Miss Marple und Martin Beck, nein, Philip Marlowe bitte nicht, der unterscheidet mir zu nonchalant zwischen Gut und B\u00f6se, so einen kann ich nicht gebrauchen. Ich brauche einen richtig naiven Gesetzesh\u00fcter von echtem Schrot und Korn, der noch an das Gute glaubt, der mir am kriminellen Ort Internet all den Schmutz aus dem Weg r\u00e4umt, damit ich mich dort bewegen kann wie nur je ein Kindergartenkind im R\u00e4uberwald. Ich verspreche auch, keine Gedichte mehr zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist das Internet. Das Internet ist das Leben, also ein krimineller Ort. 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