{"id":17930,"date":"2012-03-05T10:01:53","date_gmt":"2012-03-05T10:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/das-verschwinden-der-beweise\/"},"modified":"2022-06-08T05:18:05","modified_gmt":"2022-06-08T03:18:05","slug":"das-verschwinden-der-beweise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/das-verschwinden-der-beweise\/","title":{"rendered":"Das Verschwinden der Beweise"},"content":{"rendered":"\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Assistent: Da liegt die Leiche.<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Kommissar: Wo? Ich sehe nichts.<\/em><\/li><li><em>Assistent: Das ist der Beweis.<\/em><\/li><li><em>Kommissar: F\u00fcr was der Beweis?<\/em><\/li><li><em>Assistent: F\u00fcr einen unnat\u00fcrlichen Tod.<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Kommissar: Erz\u00e4hlen Sie weiter.<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es schaudert einen. Jemand k\u00f6nnte auf einen Knopf dr\u00fccken und alles w\u00e4re verschwunden, die gesamte Literatur juch\u00e9 ausgel\u00f6scht, nicht einmal Asche bliebe \u00fcbrig. Ein Buch kann \u00fcberleben. Jemand findet es, liest es. Das Nibelungenlied. Sogar die Merseburger Zauberspr\u00fcche, ja, sogar die steinernen Hieroglyphen, vorgeschichtliche Felskritzeleien. Schrift auf Dingen, das Schwarze auf dem Wei\u00dfen. Alles vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht findet jemand in 1000 Jahren einen USB-Stick, ein St\u00fcck Plastik mit Metall, auf dem &#8222;USB-Stick&#8220; steht. Die Reste eines Kindle, das ausgeweidete Geh\u00e4use eines Laptops. Selbst wenn man noch das Wissen bes\u00e4\u00dfe, die darauf gespeicherten Dateien sichtbar zu machen, es w\u00e4re vergebens. Nichts mehr drauf, Zahn der Zeit. Einfach weg. Das ist das Schicksal der papierlosen Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wehren uns dagegen. B\u00fccher sind B\u00fccher, haptisch, autonom. Wir ben\u00f6tigen ein einziges Leseger\u00e4t, unsere Augen, B\u00fccher riechen, B\u00fccher altern, sie sind verwundbar, ein Knick, ein Kaffeefleck, eine mit Kugelschreiber an den Rand gekritzelte Notiz, &#8222;18 Uhr bei Ute, bitte vorher anrufen&#8220;. B\u00fccher k\u00f6nnen sterben, aber eines nat\u00fcrlichen Todes mit der Hoffnung auf Wiederauferstehung. Ja, manchmal verbrennt man sie auch, doch solche Verbrechen lohnen selten. B\u00fccher sind ein Beweis daf\u00fcr, dass wir existiert haben. Schrift ist ein Beweis daf\u00fcr, dass wir gedacht haben. Man kann sie verf\u00e4lschen, aber das ist aufwendig, das ist ein neues Buch, ein anderes Buch. Man kann unsere Worte umschreiben, aber dann sind es nicht mehr unsere Worte, ist es nicht mehr unsere Unsterblichkeit. Nicht so bei den digitalen Worten. Die sind bearbeitbare Dateien und bearbeitbare Dateien sind wie breitbeinige Huren und die Welt ist ein Ort voller l\u00fcsterner Freier. Und dann die Angst vor dem Mann mit dem Finger auf dem Knopf. Er k\u00f6nnte rot sein, dieser Knopf, wie bei den Atomwaffen. Du dr\u00fcckst und alles ist vorbei, ausgel\u00f6scht. Oder, viel trivialer, die Ger\u00e4te gehen kaputt. Noch trivialer: Es gibt neue Ger\u00e4te und die Daten entsprechen nicht mehr den Normen. Noch viel trivialer: Die Daten zerst\u00f6ren sich selbst, nach zehn Jahren, zwanzig Jahren. Man denke an Floppydiscs. Wer erinnert sich noch an Floppydiscs? An Disketten? Nicht mehr lesbar, alles verschwunden, wenn es vorher nicht gesichert wurde. Etwas sichern hei\u00dft: etwas auf seinen n\u00e4chsten Tod vorbereiten.<br \/>Heute haben wir Ebooks und die bestehen aus Nichts. Die machen uns nicht unsterblich, die wird niemand ausgraben, die sind kein Beweis f\u00fcr die Unsterblichkeit unserer Gedanken, noch nicht einmal f\u00fcr den Tod unserer Gedanken. Stell dir vor, du hast gelebt und geschrieben und bist gestorben und hast weitergelebt in B\u00fcchern. Die Ebooks ermorden dich. Ebooks, das bist du selbst, wie du dich langsam ermordest. Das Ebook ist das Opfer, der T\u00e4ter, die Leiche, der perfekte Mord ohne Beweis. Schauerhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, wovon ich rede. Ich habe mich selbst nach Kr\u00e4ften bem\u00fcht, schreibenden Menschen die Hoffnung auf Unsterblichkeit zu bewahren, alten Krimis, die in so wenigen Exemplaren vorhanden sind, dass sie l\u00e4ngst auf die rote Liste der aussterbenden Gedanken geh\u00f6rt h\u00e4tten, aber eine solche Liste gibt es nicht (daf\u00fcr gibt es andere) und wenn es sie g\u00e4be, die alten Krimis w\u00e4ren darin nicht aufgef\u00fchrt. Sie sind mir zugelaufen, sie waren DINGE, selten zwar, ignoriert, verkannt, verp\u00f6nt, bisweilen arg ramponiert, aber sie atmeten noch, sie hatten einen K\u00f6rper und man konnte ihnen einen neuen K\u00f6rper geben, damit sie wenigstens die n\u00e4chsten 100 Jahre \u00fcberleben, auf dass sie ein anderer wiederfindet und ihnen den n\u00e4chsten K\u00f6rper gibt. Vergebens. Niemand wird kommen. Vielleicht wird man sie zu Dateien machen, zu simplem HTML-Code, Gedanken ohne K\u00f6rper, Geister, Gespenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschreckt uns das? Es erschreckt uns. Die einen glauben an Gott, die anderen glauben an das Buch. Dahinter steckt Angst, dahinter steckt Hoffnung. Nat\u00fcrlich wissen die einen wie die anderen, dass ihre \u00c4ngste begr\u00fcndet, ihre Hoffnungen dagegen unbegr\u00fcndet sind. Es gibt kein Leben nach dem Tod, es gibt kein Leben nach dem Buch. Aber was haben wir sonst? Das Ebook, die Digitalisierung von Literatur \u00fcberhaupt ist der Beweis f\u00fcr die Nichtexistenz der Unsterblichkeit. Sie ist der Beweis, dass Fortpflanzung die einzige M\u00f6glichkeit ist, etwas von uns \u00fcber unser Ende hinaus zu bewahren, etwas weiterzugeben, das nicht mehr ICH ist, in dem aber etwas von unserem Ich erhalten bleibt, auf sehr verquere Weise erhalten bleibt, so wie ein paar Gene in einem Kind, das uns immer fremd bleibt vielleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe etwas und du liest es und das erzeugt ein Kind und dieses Kind zeugt neue Kinder, die vielleicht ihre Vorv\u00e4ter und Vorm\u00fctter nicht kennen, aber sie am Leben erhalten, ohne dass man sich an sie erinnert. Hier spielen die Medien keine Rolle. Ich habe etwas in dir erzeugt, einen Gedanken, der Autor, der Leser: ein Gedanke, die Vermischung ihrer Gene. Wir brauchen keinen Gott, wir brauchen kein Paradies, wir brauchen keinen Beweis f\u00fcr unser Existierthaben, wir sind unsterblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin ein Schriftsteller. Ich will gelesen werden. Das ist ganz einfach. Meine S\u00e4tze wollen auf fruchtbaren Boden fallen. Bis jemand auf den ultimativen Knopf dr\u00fcckt, der alle Gedanken ausl\u00f6scht.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Assistent: Da liegt die Leiche. Kommissar: Wo? Ich sehe nichts. Assistent: Das ist der Beweis. Kommissar: F\u00fcr was der Beweis? Assistent: F\u00fcr einen unnat\u00fcrlichen Tod. 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