{"id":17931,"date":"2007-10-18T05:15:08","date_gmt":"2007-10-18T05:15:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/deon-meyer-der-atem-des-jaegers\/"},"modified":"2022-06-15T20:25:40","modified_gmt":"2022-06-15T18:25:40","slug":"deon-meyer-der-atem-des-jaegers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/deon-meyer-der-atem-des-jaegers\/","title":{"rendered":"Deon Meyer: Der Atem des J\u00e4gers"},"content":{"rendered":"\n<p>Warum ist Deon Meyers \u201eDer Atem des J\u00e4gers\u201c ein gelungener Kriminalroman? Betrachten wir uns die \u201eEckdaten\u201c, k\u00f6nnte es genauso gut ein grottenschlechter, ganz und gar von den Konventionen des Genres in die Bedeutungslosigkeit gezogener Krimi sein. Uns begegnen: eine Hure mit Herz, ein Polizist mit einem Alkohol- und Beziehungsproblem, ein sympathischer Killer. Dazu kolumbianische Drogenbarone, korrupte Bullen, missbrauchte Kinder. Legen wir das Buch nach der Lekt\u00fcre des Klappentextes also resignierend aus der Hand? Sollten wir nicht tun.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sehr viel Stoff, den wir aus zahllosen anderen, nicht nur, aber \u00fcberwiegend skandinavischen Romanen schon zur Gen\u00fcge kennen. Die Schicksalswege dreier Protagonisten laufen aufeinander zu, die Dramatik steigt. Auch das Thema ist nicht sehr originell, passt jedoch genau zum Handlungsschauplatz S\u00fcdafrika. Es geht um Rache. Thobela, ehemaliger Befreiungsk\u00e4mpfer, danach Auftragsm\u00f6rder, sp\u00e4ter Farmer, r\u00e4cht den gewaltsamen Tod seines Pflegesohns, indem er pl\u00f6tzlich anf\u00e4ngt, Kinderm\u00f6rder, die durch die Maschen der Rechtsprechung zu rutschen drohen, abzuschlachten. Nat\u00fcrlich ist bald jemand unter den Opfern, der eigentlich unschuldig ist, was den moralischen Zeigefinger \u2013 \u201eDu sollst das Recht nicht in die eigene Hand nehmen!\u201c \u2013 unangenehm deutlich aus den Buchseiten reckt. Und, ganz nebenbei oder auch nicht, auf die schwierige Suche nach Gerechtigkeit und das komplexe Moment der Rache im S\u00fcdafrika der \u201eWahrheitskommissionen\u201c verweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Rache treibt auch Christine um. Sie arbeitet als Prostituierte, und als sie von ihrer Kindheit und Jugend erz\u00e4hlt, wird rasch klar, dass sie diese Form des Broterwerbs wohl als Rache an ihrem christlich-fundamentalistischen Vater gew\u00e4hlt hat. Sp\u00e4ter wird sie ein zweites Objekt ihrer Rachegel\u00fcste finden, den kolumbianischen Drogenh\u00e4ndler Carlos, der sie zu versklaven droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur Benny Griessel, fr\u00fcheres Polizei-As, ist zun\u00e4chst rachefrei, denn er hat andere Probleme. Seine Frau hat den S\u00e4ufer vor die T\u00fcr gesetzt und ihm ein Ultimatum gestellt: Entweder in sechs Monaten trocken oder endg\u00fcltige Trennung. Griessel k\u00e4mpft jetzt gegen Alkohol und Depressionen, dann macht er sich daran, den mordenden R\u00e4cher Thobela zur Strecke zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt das gut? Ich f\u00fcrchte: nein. Mankellm\u00e4\u00dfiges Herumgr\u00fcbeln, ein wenig K\u00fcchenpsychologie, ein erhobener Zeigefinger: Das wird, wenn der Autor handwerklich seine Sinne beisammen hat, allenfalls ein Durchschnittskrimi, ein Thrillerchen, ein Moraltraktat light f\u00fcr alle, die beim Krimilesen auch mal gerne vor lauter Betroffenheit ins schwere Nachdenken verfallen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, und dann schafft es Meyer gleich am Anfang, uns in die Handlung zu ziehen. Mit einem Kunstgriff. Denn der Roman beginnt damit, dass Christine ihre Lebensgeschichte einem Priester beichtet und alles Folgende, die Geschichten von Thobela und Griessel, quasi als Erinnerung ablaufen. Wie Meyer das macht, wie er gleich zu Beginn eine sehr melancholische und dichte Atmosph\u00e4re \u00fcber den gesamten Text legt, das hat schon Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichten selbst werden aus den Perspektiven der drei Protagonisten ausgebreitet, was nun nicht neu ist. Doch auch hier zeigt Meyer, wie man\u2019s macht. Geschickt hantiert er mit dem Fokus und weist ihn abwechselnd seinen Figuren zu. Das h\u00e4lt die Handlungsf\u00e4den zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch das mit dem erhobenen Zeigefinger ist nicht das, was es scheint. Die Story entwickelt sich zun\u00e4chst konventionell. Thobela mordet, Griessel und Kollegen ermitteln, kreisen den Killer allm\u00e4hlich ein. Aber dann ger\u00e4t alles durcheinander, s\u00e4mtliche Moral wird obsolet und am Ende ist es Griessel, der allen Grund hat, das Recht in die eigene Hand zu nehmen und es mit unglaublich n\u00fcchterner Effektivit\u00e4t auch tut. Diese Szene \u2013 kurz, unkommentiert, in ihrer Konsequenz von nicht zu \u00fcberbietender Brutalit\u00e4t \u2013 ist der H\u00f6hepunkt des Buches und zerst\u00f6rt zugleich alle moralischen Parameter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar handwerkliche, dramaturgische Kniffe also sind es, die einen Plot, der von seiner Basiskonstruktion her eigentlich nur schiefgehen kann, auf grandiose Weise retten. \u201eDer Atem des J\u00e4gers\u201c ist ein Buch, das beweist, wie auch durch inflation\u00e4ren und gedankenlosen Gebrauch l\u00e4ngst untauglich gewordene Versatzst\u00fccke durch das schiere Talent eines Autors in neuem Glanz erstrahlen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Deon Meyer: Der Atem des J\u00e4gers. <br \/>R\u00fctten und Loening 2007 <br \/>(Original: \u201eInfanta\u201c, 2007, deutsch von Ulrich Hoffmann). <br \/>428 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum ist Deon Meyers \u201eDer Atem des J\u00e4gers\u201c ein gelungener Kriminalroman? 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