{"id":17933,"date":"2007-10-22T05:36:08","date_gmt":"2007-10-22T05:36:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/der-krimi-und-die-wirklichkeit-1\/"},"modified":"2022-06-09T11:23:03","modified_gmt":"2022-06-09T09:23:03","slug":"der-krimi-und-die-wirklichkeit-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/der-krimi-und-die-wirklichkeit-1\/","title":{"rendered":"Der Krimi und die Wirklichkeit -1-"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Unsere neue Montagsserie ist ein Kriminalroman der besonderen Art. Zun\u00e4chst: Er spielt in der Zukunft. Dann: Es wird nicht gemordet. Weiter: Sein Gegenstand ist der Kriminalroman selbst und wie er Wirklichkeit herstellt oder abbildet oder was auch immer. Am Ende gibt es auch keine L\u00f6sung, sondern nur L\u00f6sungen. Das hei\u00dft: viele Fragen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir schreiben das Jahr 2401. Alles Wissen \u00fcber die Vergangenheit des Planeten vor dem Jahr 2239 ist nach einer, hier nicht n\u00e4her zu spezifizierenden Katastrophe vernichtet worden. Alles Wissen? Nein, ein Stapel Kriminalromane aus dem Jahr 2007, s\u00e4mtlich deutschsprachige oder im deutschsprachigen Raum verlegte, ist erhalten geblieben. Special Agent M\u00fcller vom B\u00fcro f\u00fcr die Rekonstruktion der geschichtlichen Vergangenheit erh\u00e4lt die undankbare Aufgabe, die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde des Jahres 2007 aus den verbliebenen Texten zu destillieren. Frage: Geht das \u00fcberhaupt? Wenn ja: Was findet er heraus?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beneiden Special Agent M\u00fcller nicht um seine Aufgabe. Dabei ist der Bursche als Angeh\u00f6riger der Klonklasse M1 (siehe <em>Anmerkung<\/em>) doch so schlau. Wenige Wochen, nachdem er den Auftrag \u00fcbernommen und sich frisch ans Werk gemacht hat, treffen sich M\u00fcller und seine Kollegin Schulz (Klonklasse F1) in der Kantine der Beh\u00f6rde. Es gibt Kunstlachs in Senfso\u00dfe, allemal Grund genug, warum M\u00fcller eher depressiv aus der W\u00e4sche schaut. Oder dr\u00fcckt noch etwas anderes auf sein Gem\u00fct? &#8211; Lauschen wir kurz in das Gespr\u00e4ch zwischen M\u00fcller und Kollegin Schulz.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (lauernd, kauend): Na? Wie siehts aus mit der Wirklichkeit 2007? Schon irgendwelche Erkenntnisse?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (kauend, schweigend):&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (kauend, grinsend): Verstehe, da hilft auch ein DPR in der Klonklasse nicht weiter. Krimis! Was hab ich aufgeatmet, als die 2397 endg\u00fcltig verboten wurden! Is doch nur Fiktion! Hirnschiss! Soll die Phantasie anregen, die Adrenalinproduktion steigern, versteckte Aggressionen ins Harmlos-Literarische umleiten und ohne Schaden f\u00fcr Dritte zur Abfuhr bringen. Also alles GEGENWIRKLICHKEIT! Man h\u00e4tte glatt annehmen k\u00f6nnen, unsere Welt w\u00e4re abgrundtief verkommen oder aber, wir m\u00fcssten uns eine solche Negativrealit\u00e4t konstruieren, um unsere allgemeine Langeweile aushalten zu k\u00f6nnen. &#8212; Uh, jetzt spricht wieder die Heidi Klum aus mir.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller(kauend, kopfsch\u00fcttelnd): Nee, nee, so ist das nicht, Kollegin. Wenn du die Romane gelesen h\u00e4ttest, st\u00fcnde dir das Jahr 2007 schon einigerma\u00dfen realistisch vor Augen. Es geht um Profit, um den sich l\u00e4ngst organisiertes Verbrechen k\u00fcmmert, die Polizei ist abwechselnd machtlos und korrupt, das Schlechte siegt und die Guten gehen vor die Hunde. Eine Frau ist an der Macht; muss damals wohl was Besonderes gewesen sein. Und mit dem Klima hatten sie Trouble, mit einer Spezies auch, die \u201eArbeitslose\u201c genannt wird, was immer das auch gewesen sein mag. Au\u00dferdem: Eskapismus, wo man nur hinschaut. \u201eHistorische Kriminalromane\u201c! Wenn sich einer f\u00fcr Geschichte interessiert, hat er Angst vor der Gegenwart. Is doch so.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (kauend, entt\u00e4uscht): Dann hast du ja doch was rausgefunden?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (kauend, kopfsch\u00fcttelnd): Ja. Und Nein. Ich glaub n\u00e4mlich, wir sind total auf dem Holzweg, was die Wirklichkeit anbetrifft. Das l\u00e4uft doch letzten Endes nur wieder auf Daten und Fakten hinaus, wie immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (nicht mehr kauend, sinnierend): Ja, hm, Daten und Fakten&#8230; Dass der gro\u00dfe F\u00fchrer Xenopi \u2013 du wei\u00dft schon, der 2230 die Revolte in der Marskolonie niedergeschlagen hat \u2013 nur vier Stunden zu schlafen pflegte und zum Fr\u00fchst\u00fcck gebratenes Fischsperma a\u00df \u2013 so was in der Art. Das ist Wirklichkeit. So what?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (auch nicht mehr kauend, langsam begeisterter werdend): Eben! Was ist aber Wirklichkeit nun, hm, wirklich? Deine zum Beispiel. Was ist deine Wirklichkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (\u00fcberlegend): Das muss ich \u00fcberlegen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (triumphierend grinsend, wieder kauend): Siehst du! Du musst \u00fcberlegen! Was machst du also? Du findest Worte. Du ordnest. Du bewertest. Du findest eine Form f\u00fcr deine Worte. Kurzum: Du schreibst einen Text.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (ein wenig verbl\u00fcfft): Soll hei\u00dfen \u2013 Wirklichkeit existiert nur in Texten irgendwelcher Art?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (nickend): Jawoll! Wirklichkeit ist ein im wahrsten Sinne \u201eKunstprodukt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (kaut auch wieder, verzieht das Gesicht, aber nicht nur der Kunstlachses wegen): Meine Genmitmutter Anobella w\u00fcrde jetzt sagen: \u201aWas soll der verschwurbelte Schei\u00df\u2019? Ich werde mich etwas zivilisierter ausdr\u00fccken: Wenn die Wirklichkeit nur als Kunstprodukt existent ist, wie hei\u00dft dann das, woraus sie sich bedient? Der Steinbruch sozusagen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (h\u00f6rt auf zu kauen, euphorisiert): Genau! Der Steinbruch! Wir brechen uns St\u00fccke aus dem nicht Fassbaren und bauen damit die Wirklichkeit. Als Text. Die Wirklichkeit? Ist eine Karikatur unserer gro\u00dfen Romane!<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (misstrauisch, hat auch aufgeh\u00f6rt zu kauen, f\u00e4ngt jetzt wieder damit an): Das stammt jetzt aber nicht von dir, gelt?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (unsicher): Wei\u00df nicht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (energisch, kauend): Das ist mir alles viel zu theoretisch. Was bedeutet das denn nun f\u00fcr diese Krimis? Wenn die die WirklichkeitEN sind, was erz\u00e4hlen sie uns \u00fcber DIE Wirklichkeit, die es als Text gar nicht gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (kaut zu Ende, \u00fcberlegt): Gut; gehen wir in die Praxis. Nehmen wir einen Titel aus dem Jahr 2007, von einer gewissen Andrea Maria Schenkel, \u201eKalteis\u201c. Kalteis ist ein perverser Frauenm\u00f6rder aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, \u201eauthentischer Fall\u201c, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft, also Wirklichkeit pur. Nat\u00fcrlich alles Bl\u00f6dsinn. Frau Schenkel befand sich in der gleichen Situation wie ich. Sie hat versucht, ein St\u00fcck Wirklichkeit aus der Vergangenheit zu rekonstruieren und musste sich dazu all jener Wirklichkeiten bedienen, die nur deshalb Wirklichkeiten waren, weil sie als Texte etwas zu fassen versuchten, das au\u00dferhalb des Textualen SO niemals existiert hat. Frau Schenkel hat das Ganze als Krimi verkauft, was nun wiederum konsequenterweise dazu f\u00fchren musste, sich immer weiter von dem zu entfernen, was den Steinbruch der Allt\u00e4glichkeit ausmacht, in dem wir v\u00f6llig unstrukturiert und ohne wirkliche Begrifflichkeiten f\u00fcr die Dinge existieren. Denn Krimis k\u00f6nnen nicht den Alltag als Wirklichkeit darstellen, denn nichts ist langweiliger als das Allt\u00e4gliche und die wirklich gro\u00dfen, die wirklich perfekten Verbrechen sind immer Verbrechen der Allt\u00e4glichkeit. Sie bleiben unbeachtet und ungeahndet. Krimis sind also Abbildungen einer Wirklichkeit, die sie selbst geschaffen haben und deren Hauptcharakteristikum es ist, dass sie die Dinge \u00fcberzeichnen und verdeutlichen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (nicht \u00fcberzeugt, kaut nicht mehr, der Teller vor ihr ist leer): Das muss ich jetzt erst mal ebenso verdauen wie diesen, \u00e4h, Kunstlachs? Die Rekonstruktion von Wirklichkeit ist also zwar ohne weiteres m\u00f6glich, aber diese Wirklichkeit hat nichts mit dem Leben zu tun. Stimmt das?<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcller (dramaturgisches P\u00e4uschen; kaut ebenfalls nicht mehr): &#8230;.nein. Denn es gibt noch eine Wirklichkeit abseits der Daten und Fakten. Es ist die Wirklichkeit der Denk- und Verhaltensweisen. Warum hat Frau Schenkel dieses Buch \u00fcberhaupt geschrieben? Warum so und nicht anders? Oder warum hat Horst Eckert seinen Roman \u201eK\u00f6nigsallee\u201c als krachende Satire angelegt, zum Teil jedenfalls? Warum nimmt man diese St\u00fccke aus dem Steinbruch und nicht andere? DAS sind die Botschaften, die uns alte Krimis \u00fcbermitteln. Nicht die Arbeit der Wirklichkeitserschaffer selbst ist das Interessante, sondern die Art und Weise, wie sie gearbeitet haben. Und warum so und nicht anders. Aber das ist ein weites Feld.<\/p>\n\n\n\n<p>Schulz (steht auf): Weites Feld, ja. Gehst du noch mit auf nen Verdauungsspaziergang? Nie hatte ich ihn n\u00f6tiger&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Seit 2187 werden Menschen nicht mehr gezeugt, sondern ausschlie\u00dflich geklont. Ausl\u00f6ser war der Bestseller von Professor Deuth, &#8222;Der Fortpflanzungstrieb als Krankheit und wie man diese Krankheit heilt (regelm\u00e4\u00dfiges Kaltduschen)\u201c, 2156 erstver\u00f6ffentlicht. Die Bewohner des Planeten Erde lassen sich seither in jeweils zehn Klassen f\u00fcr M\u00e4nner (M1-10) und Frauen (F1-10) unterteilen. Special Agent M\u00fcller z.B. ist als Angeh\u00f6rige von M1 aus dem gemischten Genpool &#8222;DPR-Einstein-Grass&#8220; geklont worden, der als &#8222;Krone der Sch\u00f6pfung&#8220; gilt, im Gegensatz etwa zu M10, einer genetischen Mixtur aus Menke-Bohlen-Uwe Seeler. F\u00fchrend bei den Frauen ist das wunderbare Gengemisch F1 (Anobella &#8211; Claudia Roth &#8211; Heidi Klum).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Unsere neue Montagsserie ist ein Kriminalroman der besonderen Art. Zun\u00e4chst: Er spielt in der Zukunft. Dann: Es wird nicht gemordet. Weiter: Sein Gegenstand ist der Kriminalroman selbst und wie er Wirklichkeit herstellt oder abbildet oder was auch immer. Am Ende gibt es auch keine L\u00f6sung, sondern nur L\u00f6sungen. 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