{"id":20812,"date":"2007-10-29T05:30:35","date_gmt":"2007-10-29T05:30:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/wie-weit-darf-man-gehen\/"},"modified":"2022-06-15T21:07:11","modified_gmt":"2022-06-15T19:07:11","slug":"wie-weit-darf-man-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/10\/wie-weit-darf-man-gehen\/","title":{"rendered":"Wie weit darf man gehen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Rick DeMarinis Roman \u201eKaputt in El Paso\u201c ist ein Text \u00fcber Grenzerfahrungen oder, was nur ein anderes Wort daf\u00fcr ist, \u00fcber das Verwischen von Grenzen, die Entgrenzung. Dass er in El Paso, also unmittelbar an der Grenze zu Mexiko und somit dem, was wir die \u201eDritte Welt\u201c nennen, spielt, ist nat\u00fcrlich kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass es aber mit diesen Grenzerfahrungen nicht so banal ist, wie es scheinen mag, zeigt DeMarinis gegen Ende seines Romans in einem Dialog zwischen dem Protagonisten Uriah Walkinghorse und einem mexikanischen Drogenbaron. Die beiden sind mit dem Wagen durch die W\u00fcste unterwegs, eine Spazierfahrt soll es nicht werden, denn der Drogenchef will Uriah Walkinghorse am Ende der Reise t\u00f6ten. Irgendwann wird es moralisch. Walkinghorse wirft dem Mexikaner vor, Leid \u00fcber die Menschen zu bringen, der Mexikaner kontert mit dem Hinweis auf <em>\u201edie vulg\u00e4ren, dummen Filme, die die Gringos weltweit exportieren\u201c <\/em>und die doch so viel mehr Leid br\u00e4chten. Er schlie\u00dft seine Rede in einer gro\u00dfen allgemeinen Geste:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eEuer Wohlstand basiert auf Sklavenarbeit. Nun ja, aber hat Ihre Nation nicht genau so angefangen? War das nicht die Grundlage des ganz fr\u00fchen Wohlstandes? Einerseits stellen Sie moralische Betrachtungen \u00fcber die Freiheit an, andererseits versklaven Sie andere. Also bitte, Mr. Walkinghorse, ma\u00dfen Sie sich nicht an, mir Belehrungen in Sachen Moral zu erteilen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>So spricht ein Drogengro\u00dfh\u00e4ndler zu dem Mann, den er zu t\u00f6ten beabsichtigt. Aber es ist ja noch viel grenzwertiger. So spricht auch die \u201eDritte Welt\u201c zur \u201eErsten Welt\u201c. Und noch komplizierter: So spricht ein Vertreter der \u201eDritten Welt\u201c, der l\u00e4ngst nicht mehr zu ihr geh\u00f6rt, sondern sich der Gewinnmaximierungsmechanismen des fortgeschrittenen Kapitalismus bedient, zu einem Vertreter der \u201eErsten Welt\u201c, der in dieser als armer Tropf dahinvegetieren und sich in allerhand lausigen Jobs prostituieren muss. Also, mit Nietzsche, eine \u201eUmwertung aller Werte\u201c und Ma\u00dfst\u00e4be, wo Grenzen sein sollten, sind sie nicht mehr oder es sind ganz andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch w\u00e4hrend ich versuche, den Text \u201eauszulesen\u201c, seine Bedeutungsebenen zu erfassen, ihn also gewisserma\u00dfen auch zu entgrenzen, kommt mir der leise Verdacht, diesen Text allm\u00e4hlich aus den Augen zu verlieren. Was nicht weiter schlimm w\u00e4re. Literatur ist dazu da, sich in unserer Leserwirklichkeit festzuhaken, sie gewisserma\u00dfen aus ihrer Lethargie zu ERl\u00f6sen und einen Denk- und Assoziationsprozess AUSzul\u00f6sen. Ein \u201eLesemodell\u201c entsteht, das, je weiter es gedeiht, immer weniger \u00fcber den Text, daf\u00fcr um so mehr \u00fcber den, der ihn liest und verarbeitet, aussagt. Noch einmal: Das ist v\u00f6llig in Ordnung, so soll es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, die ich mir anl\u00e4sslich der Rezension von DeMarinis Buch gestellt habe, muss vor diesem Hintergrund also geradezu ketzerisch, ja v\u00f6llig unsinnig sein: Wie weit d\u00fcrfen wir (ich meine jetzt nicht die LeserInnen, sondern die RezensentInnen) bei der Besprechung eines Buches gehen? M\u00fcssen wir Sorge tragen, den Text nicht aus den Augen zu verlieren oder stehen wir als Entwickler eines, n\u00e4mlich unseres Lesemodells nicht pars pro f\u00fcr den Leser an sich?<\/p>\n\n\n\n<p>Rick DeMarinis Buch ist ein Kriminalroman, kein Zweifel. Es steckt in einem K\u00f6rper namens Genre namens \u201eKrimi\u201c, hat also selbst Grenzen. Die nicht eindeutig sind, nat\u00fcrlich nicht. Wir erkennen Elemente des Whodunnit, des Noir, des Pulp, vielleicht sogar des \u201epolitischen und gesellschaftskritischen\u201c Krimis. Das ist der Ausgangspunkt. LeserInnen greifen zu diesem Buch, weil sie einen Krimi lesen wollen und DeMarinis bedient sie vorz\u00fcglich. Ich wage sogar die Behauptung, dass er uns jenseits aller Spekulationen \u00fcber Lesemodelle schlicht ein paar unterhaltsame Lekt\u00fcrestunden verschafft und uns gemahnt, an das Herkommen des \u201eKrimis\u201c (nicht des KriminalROMANS an sich, dazu gleich noch etwas) zu denken, aus der puren Trivialialit\u00e4t n\u00e4mlich kommt der, aus der Kolportage, dem Bed\u00fcrfnis nach Flucht, nach Pl\u00e4sir, nach Nervenkitzel, nach Zeitvertreib. Der Krimi, wie gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der KriminalROMAN eben nicht. Eine kurze Abschweifung zu den Wurzeln des deutschen Kriminalromans. Zwischen etwa 1850 und 1890 erleben wir diesen als zwar bisweilen triviales, doch selten \u201eohne Entgrenzungsabsichten\u201c geschriebenes Produkt. Was logisch ist, denn noch gibt es die KRIMI-Grenzen ja nicht. Selbst in seiner seriellen Form, wie man sie besonders in den einschl\u00e4gigen Zeitschriften wie der \u201eGartenlaube\u201c nachlesen kann, ist der Kriminaltext nicht nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des \u201eKrimis\u201c standardisiert. Er fu\u00dft vielmehr auf den Maximen von allgemeiner Belletristik, ist Vehikel, verdeutlicht durch Zuspitzung. Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c etwa nutzt das Verbrechen, um auf die Entgrenzungen der Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts hinzuweisen und sie bis in die Psyche der Protagonisten weiterzuf\u00fchren. Emilie Heinrichs\u2019 \u201eLeibrenten\u201c (noch immer nicht wieder aufgelegt, was ein Skandal ist) sticht \u201eVerbrechen\u201c in die Kruste der Gesellschaft und gr\u00e4bt sich damit in deren verdorbenes Inneres. Mit \u201eKrimi\u201c hat das wenig bis gar nichts zu tun. Weder stellt sich die Frage des \u201eWer wars\u201c noch werden wir mit der Perfektion einer Dramaturgie verw\u00f6hnt, wie sie sich mit Conan Doyle entwickelte. F\u00fcr den heutigen, an \u201eKrimis\u201c gew\u00f6hnten Leser m\u00fcssen diese Romane entt\u00e4uschend sein, denn sie schreien geradezu danach, NICHT als Genreprodukte gelesen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist es genau dieser Conan Doyle, der die Grundlagen von \u201eKrimi\u201c legt \u2013 und nebenbei daf\u00fcr sorgt, dass der bislang durchaus gel\u00e4ufige deutsche KriminalROMAN (auch die Kriminalerz\u00e4hlung resp. \u2013novelle) ins Hintertreffen ger\u00e4t. Was von nun an dominiert, ist Krimi a la Doyle. (Ich differenziere das hier jetzt nicht aus, was man eigentlich m\u00fcsste. Sp\u00e4ter vielleicht einmal.)<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201eKrimis\u201c sitzen in festen Korsetts. Sie ihrer Grenzen via \u201eLesemodellen\u201c berauben zu wollen, ist ein zumeist hoffnungsloses und desillusionierendes Unterfangen, wenngleich es durchaus lohnend sein kann, denn diese \u201eKrimis\u201c, so wenig literarisch anspruchsvoll sie auch daherkommen m\u00f6gen, verraten uns gelegentlich doch eine Menge \u00fcber die Zeit, in der sie entstanden sind, \u00fcber die Denk- und Handlungsweisen der Menschen in dieser Zeit. Aber daf\u00fcr wurden sie nicht geschrieben. Und so wurden sie auch nicht gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende der Abschweifung, zur\u00fcck zu DeMarinis. Der einen Krimi geschrieben hat und zugleich einen KriminalROMAN, also etwas in einem Korsett und etwas, das darauf besteht, kein Korsett zu haben, sich im Leser assoziativ zu entfalten, die \u201eLesemodelltheorie\u201c eben. Was aber geschieht, wenn ich als Rezensent mich v\u00f6llig letzterer ergebe? DeMarinis Text l\u00e4dt dazu ein wie kaum ein zweiter, der mir in letzter Zeit unter die Augen gekommen ist, doch, James Sallis\u2019 \u201eDriver\u201c w\u00e4re noch so ein Kandidat, der mit seinen Zitaten aus dem Baukasten des Genres einerseits und ihrer Zusammensetzung zu einem hochassoziativen, \u201elesemodellhaltigen\u201c Text genau diese Frage nach den Grenzen einer Entgrenzung ebenfalls stellt. Konkret: Wie weit darf ich meinem Drang, einen Text zu interpretieren, nachgeben, wenn ich ihn selbst als \u201eKrimi\u201c nicht aus den Augen verlieren will?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Leser stellt sich, noch einmal, diese Frage nicht. Sie werden eh tun, was sie wollen. Sie lesen \u201eDriver\u201c oder \u201eKaputt in El Paso\u201c als Krimis mit dem Akzent auf SPANNUNGSliteratur oder gedankenmachende Romane oder beides oder was auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal die eingangs ausgef\u00fchrte Szene aus DeMarinis\u2019 Text. Die ist zum einen Krimi pur. Zwei Menschen sind unterwegs, einer will den anderen t\u00f6ten, dieser andere wei\u00df, dass es zu seiner Hinrichtung geht. Sie unterhalten sich wie \u201ezivilisierte Menschen\u201c, so als redeten sie \u00fcber Fu\u00dfballergebnisse oder die besten Tacos der Stadt. Das ist NOIR, jene Spielart des \u201eKrimis\u201c also, die selbst Entgrenzung ist, weil sie die Barriere zwischen Gut und B\u00f6se aus dem Weg ger\u00e4umt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber entsteht das Lesemodell auf der Grundlage des Krimikorsetts. Ich beginne zu interpretieren, hochzurechnen. Erste Welt, dritte Welt. Bis dahin sehe ich mich noch in Sichtweite zum Text, ja, er kommentiert mir viele der anderen \u201eGrenzerfahrungen\u201c, die sich dort finden lassen. Doch wo wird der Punkt erreicht, an dem ich als REZENSENT einhalten sollte? An dem ich damit beginne, meinen \u201eBildungsschrott\u201c \u00fcber den Text zu kippen? Dass ich das als nicht\u00f6ffentlicher Leser tue, versteht sich von selbst. Ich kann weiter schwadronieren, ich kann in meinem Kopf einen theoretischen Text \u00fcber den Zustand einer Welt verfassen, die sich in erste, zweite, dritte teilt etc. Irgendwann ist DeMarinis Text dann vollst\u00e4ndig verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, es spreche gerade f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Textes, dass er solches bewerkstelligen kann. Ich habe ihn aus seinem Krimikorsett herausgel\u00f6st, weil es genau DeMarinis\u2019 Absicht war, dass solches geschieht. Krimi als Methode, als Werkzeug, so wie das, siehe oben, auch in den Anfangszeiten des deutschen Kriminalromans praktiziert wurde. Das Triviale (und DeMarinis\u2019 Text ist in seinen Elementen zutiefst trivial, was ich als Kompliment verstanden wissen m\u00f6chte) als Leiter zu H\u00f6herem.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man das sehen. Man kann \u00fcberhaupt mein Problem als ein Nichtproblem eleminieren, aber die Fragen, die es auswirft, scheinen mir doch wichtig genug, um gestellt zu werden. Beantworten kann ich sie nicht, aber die Fragen existieren, als Beobachter der Szene, als Kritiker und Theoretiker werde ich tagt\u00e4glich damit konfrontiert. Da gibt es die einen, die \u201enur\u201c Krimi schreiben wollen und sich dar\u00fcber mokieren, wenn das dem Rezensenten nicht genug ist. Es gibt die anderen, die \u201emehr als Krimi\u201c schreiben wollen und f\u00fcrchterlich entt\u00e4uscht sind, wenn ihnen der Kritiker entgegenh\u00e4lt, sie h\u00e4tten nicht einmal Krimi geschrieben, sondern nur etwas, das unter diesem Deckm\u00e4ntelchen vor sich hin d\u00fcmpelt und nach \u201eLesemodell!\u201c und tieferer Bedeutung schreit. Da gibt es aber auch die Kritiker, die einen Text nur danach beurteilen, ob sie nicht mehr in der Lage sind, \u201eihn aus der Hand zu legen\u201c. Und da gibt es die anderen, die den Krimi als die zur Zeit einzig vorhandene seri\u00f6se Form der Wirklichkeitsbeschreibung und \u2013analyse begreifen, als KriminalLITERATUR eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer: Hier treffen zwei Welten aufeinander, Krimi und KriminalLITERATUR, der Text als Binnengesch\u00f6pf, als hochspezialisiertes, nur auf Unterhaltung ausgerichtetes Fachwerk, und der Text als Vehikel f\u00fcr Entgrenzungen, f\u00fcr Modelle, f\u00fcr Assoziationen, der seiner Krimigestalt rasch entschl\u00fcpft und sie in der Dunkelheit zur\u00fcckl\u00e4sst. (Hat, nebenbei, nicht mit dem beliebten Thema &#8222;literarischer Krimi&#8220; zu tun.) Aber ich gestehe: Schon die namentliche Unterscheidung macht mir Schwierigkeiten. Denn dass in jedem Kriminalroman auch der ordin\u00e4re Krimi steckt und jeder Krimi ein im Prinzip unendlich zu interpretierendes Konstrukt ist, scheint mir die einzige gesicherte Konstante zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rick DeMarinis Roman \u201eKaputt in El Paso\u201c ist ein Text \u00fcber Grenzerfahrungen oder, was nur ein anderes Wort daf\u00fcr ist, \u00fcber das Verwischen von Grenzen, die Entgrenzung. Dass er in El Paso, also unmittelbar an der Grenze zu Mexiko und somit dem, was wir die \u201eDritte Welt\u201c nennen, spielt, ist nat\u00fcrlich kein Zufall.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20812","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20812","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20812"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20812\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20812"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20812"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20812"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}