{"id":20816,"date":"2007-11-02T07:27:58","date_gmt":"2007-11-02T07:27:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/infotainmentmorde\/"},"modified":"2022-06-06T21:00:39","modified_gmt":"2022-06-06T19:00:39","slug":"infotainmentmorde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/infotainmentmorde\/","title":{"rendered":"Infotainmentmorde"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/infotain.jpg\" alt=\"infotain.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es muss schleunigst einen neues Subgenre her, um eine seit Jahren zu beobachtende Entwicklung am Schlawittchen packen zu k\u00f6nnen. Nach dem Boom des Regionalkrimis, der ja eigentlich keiner ist, sondern schn\u00f6der Fremdenverkehrskrimi, plustert sich in den letzten Jahren der sogenannte \u201ehistorische Krimi\u201c gar m\u00e4chtig auf. Und der ist nat\u00fcrlich auch nicht \u201ehistorisch\u201c, sondern allenfalls \u201ehistorisierend\u201c, bei genauerer Betrachtung aber dann doch nur oberfl\u00e4chliches Infotainment f\u00fcr Leute, die im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst haben. Genau: Nennen wir das Kind doch Infotainment-Krimi.<br \/>Einen solchen hat Jan Eik mit \u201eDer Ehrenmord\u201c in der Reihe \u201eEs geschah in Berlin\u201c verfasst, wo sich Horst Bosetsky schon dem Jahr 1910 und Sybil Volks dem Jahr 1912 gewidmet haben. Eik hat \u201e1914\u201c aus der gro\u00dfen Lostrommel gezogen und schickt den Reihenermittler Kappe in einen Fall von M\u00e4dchenmord. Was nun so dr\u00f6ge und vorhersehbar, so holzschnittartig und wenig aufregend ist, dass wir hier kein weiteres und schon gar kein gutes Wort dar\u00fcber verlieren wollen. Interessant ist das \u201ehistorische Setting\u201c am Vorabend des ersten Weltkrieges. Wir erfahren, dass die meisten Deutschen begeistert von der Aussicht auf ein z\u00fcnftiges Schlachten waren, \u201ejeder Sto\u00df ein Franzos, jeder Schuss ein Russ\u201c eben, ein paar waren auch dagegen. Wir erfahren auch, dass es in Berlin damals genauso ausgesehen hat wie auf den Bildern von Meister Zille. Die Armen waren halt arm, die Reichen reich, die Hinterh\u00f6fe dunkel und die Triebe schweinisch. So. Und das wars schon mit dem Gratisgeschichtsunterricht. Selbst f\u00fcr Infotainment ein bisschen wenig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Da ist Bodo Dringenbergs \u201eMord auf dem Wilhelmstein\u201c von anderem, besserem Kaliber. Der Roman spielt Ende des 18. Jahrhunderts auf der mitten im Steinhuder Meer gelegenen Festung Wilhelmstein. Freunde von Arno Schmidt merken jetzt auf, alle anderen vergessen diesen Hinweis bitte gleich wieder. Auf dem Wilhelmstein also wird der Kommandant Mayor Rottmann, ein ziemlich unangenehmer S\u00e4ufer, ermordet. Einst als Held gefeiert, weil er die Festung gegen die einfallenden Heere des Landgrafen von Hessen-Kassel gehalten hat, ist er doch nur eine peinliche Plage, ein Mann mit einem dunklen Geheimnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nun Detektion erwartet, wird entt\u00e4uscht. Es gibt sie einfach nicht. Wer es denn nun war, berichtet uns der Autor eher nebenbei, durchaus in der Tradition fr\u00fcherer Kriminalromane, die das heutzutage allgegenw\u00e4rtige \u201eWhodunnit\u201c noch nicht im Vokabular hatten. Dringenberg erz\u00e4hlt die Geschichte der Festung und ihrer Bewohner sprachlich flexibel und informativ, h\u00e4lt manches Schmankerl bereit (u.a. \u00fcber Onanie und Schokolade) und versucht sich auch erz\u00e4hlperspektivisch am Ungewohnten. Einige Passagen des ansonsten in der dritten Person erz\u00e4hlten Romans versetzen uns in die Gedanken der Protagonisten, die allesamt zwar sparsam, aber ausreichend gezeichnet sind, um als glaubw\u00fcrdig durchzugehen. Eine mit ca. 170 Seiten zwar kurze, aber insgesamt doch recht angenehme Lekt\u00fcre f\u00fcr Menschen, die nicht unbedingt nach \u201eErmittlung!\u201c schreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Ermittelt wird hingegen bei Stella Blomkvist, jener hinter Pseudonym versteckten \u201ePers\u00f6nlichkeit des isl\u00e4ndischen Lebens\u201c, die uns die Abenteuer der gleichnamigen Rechtsanw\u00e4ltin und Detektivin vorsetzt. Wohl spielt der Roman im Hier und Jetzt, hat aber einen historischen Bezug. Denn mitten im Thingvellir, wo vor tausend Jahren das erste Parlament der Geschichte tagte, wird die Leiche eines jungen M\u00e4dchens gefunden, einer iranischen Asylantin. Sie liegt im sogenannten \u201eErtr\u00e4nkungspfuhl\u201c, in dem die Altvorderen schon die ledigen M\u00fctter ers\u00e4uft haben. Was nun, da das M\u00e4dchen schwanger war, seinen Vater als dringend Verd\u00e4chtigen ausweist. Stella \u00fcbernimmt seine Verteidigung und kommt, wenig \u00fcberraschend, einer Riesensauerei, die in \u201eh\u00f6chste Kreise\u201c f\u00fchrt, auf die Spur.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wie immer bei Blomkvist: Schnoddrig im Ton, ausgiebig ins Genrearsenal greifend, die Heldin als bisexuelle Jack-Daniels-Trinkerin, viel Lob f\u00fcr Mercedesautos und die inzwischen nervige Bezeichnung \u201eGoldjungs\u201c f\u00fcr Polizisten. Diesmal ist Blomkvist \u00fcberraschend politisch korrekt und bezieht deutlich Stellung zur auch in Island latent vorhandenen Fremdenfeindlichkeit. Auch das ist in gewisser Weise Infotainment, im gro\u00dfen Ganzen aber doch ein ohne gr\u00f6\u00dfere Nachwirkungen zu konsumierender Krimi der netten, weil krachledernen Art. Weitere Abenteuer werden folgen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jan Eik: Der Ehrenmord. <br \/>Jaron 2007. 203 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Bodo Dringenberg: Mord auf dem Wilhelmstein. <br \/>Zu Klampen 2007. 174 Seiten. 12,80 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Stella Blomkvist: Mord in Thingvellir. <br \/>Btb 2007 (deutsch von Elena Teuffer). 346 Seiten. 8,50 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es muss schleunigst einen neues Subgenre her, um eine seit Jahren zu beobachtende Entwicklung am Schlawittchen packen zu k\u00f6nnen. Nach dem Boom des Regionalkrimis, der ja eigentlich keiner ist, sondern schn\u00f6der Fremdenverkehrskrimi, plustert sich in den letzten Jahren der sogenannte \u201ehistorische Krimi\u201c gar m\u00e4chtig auf. 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