{"id":20817,"date":"2012-03-07T10:15:25","date_gmt":"2012-03-07T10:15:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/wie-ein-krimi-funktioniert\/"},"modified":"2022-06-08T05:17:11","modified_gmt":"2022-06-08T03:17:11","slug":"wie-ein-krimi-funktioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/wie-ein-krimi-funktioniert\/","title":{"rendered":"Wie ein Krimi funktioniert"},"content":{"rendered":"\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Leser: Geil mich auf.<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Autor: Geil mich auf.<\/em><\/li><li><em>Leser: Ah!<\/em><\/li><li><em>Autor: Ah!<\/em><\/li><li><em>Leser: War ich gut?<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Autor: Ich war besser.<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte die Geschichte eines Mannes schreiben, der als pubertierender J\u00fcngling durch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen zog, um Blicke in Schlafzimmer zu werfen, auf Frauen in Unterw\u00e4sche oder weniger oder gar nichts, der sich heimlich bei solchen Anblicken selbst befriedigte, darauf achtete, keine Ger\u00e4usche zu machen, nicht entdeckt zu werden. Ein aufregendes Abenteuer f\u00fcr einen Jungen und er nahm sich vor, es zu wiederholen, immer wieder, irgendwann immer die selbe Frau, die sich am Abend in ihrem Schlafzimmer im Erdgeschoss auszog, vor den Spiegel trat, sich musterte, unter die Decke kroch. Die Frau, die sich unbeobachtet w\u00e4hnte, kein Rolll\u00e4den besa\u00df, um ihr Haus war Garten, um Haus und Garten ein Zaun, aber der war kein Hindernis f\u00fcr den Jungen.<br \/>Er kommt jeden Abend, p\u00fcnktlich um zehn, er schaut, er befriedigt sich, er geht. Manchmal stellt er sich vor, die Frau wisse um seine Anwesenheit, sie genie\u00dfe es. Und es stimmt. Irgendwann hat die Frau ihren geheimen Beobachter wahrgenommen, eine kleine Bewegung im Augenwinkel, ein St\u00fcck Kopf vor der Scheibe im Dunkeln. Sie hat gel\u00e4chelt und angefangen, es zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>So sind die Jahre vergangen, so hat sich die Welt ver\u00e4ndert, aber der Knabe, der inzwischen ein erwachsener Mann geworden ist, schleicht noch immer durch den Garten zum Fenster, p\u00fcnktlich um zehn, er sieht die Frau, wie sie sich auszieht, wie sie vor dem Spiegel steht, wie sie \u2013 anders als ganz fr\u00fcher \u2013 lange vor dem Spiegel stehen bleibt, fast posiert, sich auch \u2013 so will es dem Mann scheinen \u2013 sich manches Mal so ber\u00fchrt, als wenn&#8230; Spielt keine Rolle. Der Mann befriedigt sich. Es ist wie Essen und Trinken und Schlafen und die Notdurft verrichten, wie Radfahren und Schwimmen, Laufen und Sitzen. Es sind die Mechanismen einer alten Ehe, es ist Voyeurismus aus Gewohnheit, Selbstbefriedigung ohne Orgasmus, es ist Lesen ohne Erschrecken, Lesen ohne Entz\u00fccken, Lesen, weil es gerade Punkt zehn Uhr ist. Immer die gleiche Prozedur. Das Objekt, von dem du glaubst, es sei das Leben, wenn es sich unbeobachtet f\u00fchlt. Der Reiz des Entdecktwerdens, der aber nichts weiter mehr ist als das Schlendern durch ein Museum, nachdem du dir eine Eintrittskarte gekauft hast.<\/p>\n\n\n\n<p>Voyeur trifft Exhibitionist, das Sehenwollen trifft das Zeigenm\u00fcssen, der Exhibitionist arbeitet mit allen Tricks, er wei\u00df um die Macht der Gewohnheit, er wei\u00df um die Konkurrenz in den benachbarten H\u00e4usern, all die nackten K\u00f6rper vor den Spiegeln, die sich immer neue Positionen ausdenken m\u00fcssen, Andeutungen von Thrill, eine Hand im Schritt, eine Hand, die wie zuf\u00e4llig die eigenen Br\u00fcste streichelt. Den Spanner bei Laune halten. Sensationen bieten. Das Schlimmste: Wenn die Selbstbefriedigung scheitert, die Hand am schlaffen Glied, das Lesen in einem Buch ohne Handlung. Mord, denkt der Autor-Exibitionist. Mord, noch mehr Mord, noch mehr Unheil, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Gibs mir, denkt der Voyeur. Gib mir Schneesturm, gib mir Tornados, ich sitze hier im warmen Zimmer und ich m\u00f6chte mir vorstellen, wie es ist, wenn man friert.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht \u00fcbertreiben, sagt sich die Frau vor dem Spiegel, der Autor am Schreibtisch. Andeuten. Einen Orgasmus vort\u00e4uschen, vielleicht das Handy nehmen, so tun als ob man telefoniert, ein Mann, eine Frau, ein Gespr\u00e4ch voller Zweideutigkeiten, aufs Bett legen, nackt oder, besser, fast nackt, Str\u00fcmpfe und Strapse, die eine Hand h\u00e4lt das Telefon, die andere&#8230; Weia, denkt der Voyeur. Oh mein Gott, denkt der Leser. Da geht\u2019s zu. Das ist ja total geil \/ total schrecklich. Der Unterschied zwischen Sperma und Gedanken: Das eine spritzt man gegen die Hauswand, das andere spritzt gar nicht, es implodiert wie ein Fernseher. Absch\u00fctteln, verstauen, langsam wegschleichen. Bis morgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Voyeur lebt sein Leben, der Exhibitionist leben sein Leben. Der Leser liest, der Autor schreibt, beide essen und trinken, sitzen und gehen, fahren Rad und schwimmen. Punkt zehn Uhr. Ich vor dem Fenster, du dahinter. Ich schreibe, du liest. Wir haben beide nichts vom Leben begriffen. Wir sind ein altes Ehepaar, ich rolle von deinem K\u00f6rper und drehe mich in Schlafposition.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leser: Geil mich auf. Autor: Geil mich auf. Leser: Ah! Autor: Ah! Leser: War ich gut? Autor: Ich war besser.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20817","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20817"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20817\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}