{"id":20819,"date":"2007-11-05T05:25:07","date_gmt":"2007-11-05T05:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/letzte-gruesse-von-der-saar\/"},"modified":"2022-06-05T22:31:37","modified_gmt":"2022-06-05T20:31:37","slug":"letzte-gruesse-von-der-saar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/letzte-gruesse-von-der-saar\/","title":{"rendered":"Letzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar"},"content":{"rendered":"\n<p>Ha, zu fr\u00fch gefreut! Der Blogger verabschiedet sich nicht mit einem letzten \u201ebye\u201c, nein, er stellt die erste saarl\u00e4ndische Krimi-Anthologie vor, \u201eLetzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar\u201c eben, wo man nicht nur das Savoir Vivre sch\u00e4tzt, sondern auch das Saarvoir Mourir.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Krimi-Anthologien, hm. Dieses kurze Zeug halt, das nicht schwieriger oder einfacher zu schreiben ist als der herk\u00f6mmliche Ziegelsteinroman, aber anders auf jeden Fall. Was der Roman an Spannung entfaltet, das ersetzt der Kurzkrimi zumeist durch die finale \u00dcberraschung oder das Augenzwinkern. Nehme ich bei einem Roman L\u00e4ngen notgedrungen in Kauf und gehe gn\u00e4dig \u00fcber sie hinweg, wenn sonst alles stimmt, so kann ich das beim Kurzkrimi nicht durchgehen lassen, denn dort ist selbst die k\u00fcrzeste L\u00e4nge schon zu lang und die Geschichte aus, bevor sie \u00fcberhaupt begonnen hat. Kurzkrimis sind auch keine \u201ekleinen Romane\u201c, die das, was sich dramaturgisch entwickeln soll, eben im Schnelldurchlauf abhaken.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zur Theorie, nun zur Praxis, zur ersten saarl\u00e4ndischen Krimi-Anthologie. Herausgegeben wurde sie von Markus Walther, der als Betreiber der Website \u201esaarkrimi.de\u201c ausgewiesener Fachmann f\u00fcr das Morden zwischen Hochwald und Bliesgau ist. Er versammelt insgesamt 22 Autoren, darunter im Zuge der Entwicklungshilfe auch ein paar Pf\u00e4lzer, die Cr\u00e8me hiesigen Krimischaffens, versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dies nun ein B\u00e4ndchen mit durchg\u00e4ngig hochklassigen Kurzkrimis ergibt, war nicht zu erwarten, eine solche Anthologie gibt es nirgendwo, nicht mal an der Saar. Insgesamt jedoch kann das Projekt als \u00fcberraschend gelungen bezeichnet werden. Echte Nieten gibt es nur wenige, der Durchschnitt ist halt Durchschnitt, ein paar Perlen finden sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nieten. Wenige, wie gesagt, vor allem Carin Chilvers v\u00f6llig uninspirierte und lustlos zur \u201ePointe\u201c geschriebene Story einer \u00fcber\u00e4ngstlichen Mutter w\u00e4re hier nennen. Oder Thilo M\u00f6rgens \u201eOh leck\u201c (der Saarl\u00e4nder wei\u00df, was damit gemeint ist), eine leicht verworrene Geschichte, die halt als Krimi enden muss und es auf sehr unbefriedigende Weise tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Durchschnitt. Nette Sachen, die teilweise \u00fcber die eingangs genannten Fallstricke stolpern. Karin Mayers \u201eKanada\u201c etwa, das ist so ein Kurzkrimi als Stichwortdepot f\u00fcr eine l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung. Spannung kommt nicht auf, das Ganze hat unbezweifelbar Potential, wirkt in der vorliegenden Form aber eher wie ein ausf\u00fchrliches Expos\u00e9. Auch Martin Conrath vermag nicht recht zu \u00fcberzeugen, wenngleich seine Geschichte hoffnungsvoll beginnt, eigentlich auch eine sch\u00f6ne Pointe hat, die sich aber aus dem Vorangegangenen nicht erschlie\u00dft und wie drangepappt wirkt. Auch Jochen Senfs \u201eEi Ei\u201c hat phasenweise Qualit\u00e4ten, ist aber in der Summe zu vorhersehbar, zu routiniert vorgetragenes Deklamieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber dem Durchschnitt, wenn auch noch nicht in Perlenn\u00e4he liegen die Beitr\u00e4ge von Christoph Marzi und Walter Wolter. Ersterer ist wohl eher im SF- und Fantasygenre zu Hause, was man seiner schaurigen Story \u201eDer Aufzug\u201c auch anmerkt. Krimi? Nun ja. Es gibt Tote und ist nett erz\u00e4hlt. Walter Wolter greift zu dem bei Kurzkrimis h\u00e4ufig zu beobachtenden Trick des \u201ebetrogenen Betr\u00fcgers\u201c und entfaltet das Schicksal eines b\u00f6sen Buben, der noch b\u00f6seren M\u00e4dels auf den Leim geht. H\u00fcbsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Perlen. Zwei sind es und sie werden uns, was den Rezensenten nicht \u00fcberrascht, von \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/06\/wolfgang-brenner-bollinger-und-die-friseuse.php\">Wolfgang Brenner<\/a> und \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/11\/kerstin-rech-der-werwolf-vom-webenheimer-boesch.php\">Kerstin Rech<\/a> pr\u00e4sentiert, deren Romane in diesem Blog ja schon geb\u00fchrend gelobt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Brenner erz\u00e4hlt keinen Krimi, sondern beginnt mit vielleicht wahren, vielleicht erfundenen, immer aber bizarren Anekdoten. Das ist schon sehr sch\u00f6n, doch in der letzten \u201eAnekdote\u201c verdreht sich das Gem\u00fctliche pl\u00f6tzlich ins Grausige, ins historisch belegte Grausige eines \u201estolzen M\u00f6rders\u201c, der unumwunden zugibt, w\u00e4hrend des Krieges als SS-Offizier 500 Zivilisten an einem Tag erschossen zu haben. Er hat einige Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verbracht, seine Strafe mithin erhalten und kann, glaubt er, in Deutschland nicht mehr belangt werden. Wenn er sich da mal nicht t\u00e4uscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun auch nicht \u201eKrimi\u201c, aber eine v\u00f6llig legitime und sehr gelungene Art, sich innerhalb des Genres zu bewegen und die k\u00fcnstlichen Grenzen zur ebenso banalen wie schaurigen Wirklichkeit zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gelungenste Erz\u00e4hlung des B\u00e4ndchens aber stammt von Kerstin Rech. \u201eDer l\u00e4ngste Tag des Bertram Hussong\u201c schildert uns das, was der Titel verspricht. Ein kleiner Ganove wird pl\u00f6tzlich mit dem gro\u00dfen Verbrechen konfrontiert und ger\u00e4t, auf einem Bahnsteig des Saarbr\u00fccker Hauptbahnhofs, in eine schier ausweglose Situation. Was ihm nun widerf\u00e4hrt, wie er diesen Tag verbringt, das ist die gro\u00dfe \u00dcberraschung. V\u00f6llig anti-Krimi, gegen die dramaturgischen Gesetze des Genres &#8211; und genau dadurch spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Vor den Leistungsschauen anderer Regionen in Sachen Krimi braucht sich \u201eLetzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar\u201c nicht zu verstecken. Der Band bietet nur wenig \u00c4rgerliches, viel Gef\u00e4lliges zwischen \u201eNun ja\u201c und \u201eNett\u201c sowie ein paar echte Glanzlichter, die allein den Kauf lohnen. Nicht nur f\u00fcr Saarl\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Markus Walther (Hrsg.): Letzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar. <br \/>Conte 2007. 244 Seiten. 12,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ha, zu fr\u00fch gefreut! 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