{"id":20824,"date":"2007-11-08T05:30:54","date_gmt":"2007-11-08T05:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/richard-a-clarke-the-scorpions-gate\/"},"modified":"2022-06-15T21:12:17","modified_gmt":"2022-06-15T19:12:17","slug":"richard-a-clarke-the-scorpions-gate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/richard-a-clarke-the-scorpions-gate\/","title":{"rendered":"Richard A. Clarke: The Scorpion\u2019s Gate"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Welt in naher Zukunft. Das US-amerikanische Irak-Abenteuer endet im Fiasko, in Bagdad haben die Iraner das Sagen. Und noch etwas besitzen sie inzwischen: Atombomben. Saudi-Arabien gibt es nicht mehr, das Land hei\u00dft jetzt Islamijah und wird von Gottesf\u00fcrchtigen regiert, Fundamentalisten und gem\u00e4\u00dfigte Kr\u00e4fte ringen um die Macht. China, immer \u00f6ldurstiger, schickt \u201eBerater\u201c nach Islamijah, Raketen sollen folgen, eventuell mit Atomsprengk\u00f6pfen? Der Iran schlie\u00dflich hat Interesse an den Emiraten. Keine Rolle in diesem Szenario spielen die EU und Russland, was denn doch ein wenig \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu so ziemlich allem anderen in Richard A. Clarkes Roman. Tats\u00e4chlich bereitet es kaum Schwierigkeiten, aus den politischen Realien des Hier und Jetzt auf die jener nahen Zukunft zu schlie\u00dfen, in die uns der Autor entf\u00fchrt. Ja, so k\u00f6nnte das kommen, und auch der Mechanismus, mit dem die M\u00e4chtigen solche Wirklichkeiten zurechtbiegen, \u00fcberrascht nicht wirklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Geheimdienste etwa sind l\u00e4ngst nicht mehr dazu da, die Informationen zu beschaffen, an denen sich dann die Politik orientiert. Es ist genau umgekehrt. Die Politik gibt vor, welche Informationen sie ben\u00f6tigt, um ihre Interessen durchzusetzen, die Dienste haben gef\u00e4lligst zu liefern. Der Irak-Trick eben. Und wie im Irakkrieg dreht sich auch in Clarkes Welt alles um Macht und \u00d6l. Der B\u00f6sewicht ist der amerikanische Verteidigungsminister, der zwar nicht mehr Rumsfeld hei\u00dft, aber dem frappierend \u00e4hnelt. Er wird von der entmachteten Herrscherfamilie der Sauds finanziert und versucht alles, die neuen Kr\u00e4fte im jetzigen Islamijah zu diskreditieren, um Vorw\u00e4nde f\u00fcr eine Invasion zu sammeln. Dabei schreckt er auch vor einer Kooperation mit den iranischen Erzfeinden nicht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig \u00fcberraschend. Wissen wir das nicht schon l\u00e4ngst? Erz\u00e4hlt uns Clarke, als ehemaliger Berater der Clinton-Regierung naturgem\u00e4\u00df kundiger Insider, Neues? Nun, muss er ja nicht. Nichts Neues, aber das, bittesch\u00f6n, besser als in diesem Buch. Denn so seri\u00f6s auch die Schilderung der verdeckten Abl\u00e4ufe sein mag und so politisch korrekt der latente Querverweis auf die Motivationen der Bush-Administration, so unbedarft geht der Romancier Clarke zu Werke.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er ja eine Geschichte erz\u00e4hlen und kein Sachbuch schreiben will, braucht er Personal. Die B\u00f6sen sind rasch gefunden, die Guten m\u00fcssen sich \u00fcber mehrere hundert Seiten m\u00fchsam zusammenraufen, auf dass sie am Ende recht komplikationslos die Welt vor dem Dritten Weltkrieg retten k\u00f6nnen. Diverse Geheimdienstler und Milit\u00e4rs, eine Journalistin und idealistische Zutr\u00e4ger aus dem Iran und Islamijah \u2013 sie agieren als Helden und bleiben als Personen eines Romans doch vage und in ihrer moralischen Eindimensionalit\u00e4t unglaubw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun spricht das im Krimi, der sich Thriller nennt, nicht per se gegen ein paar Stunden Kurzweil und leises Erschaudern, ber\u00fccksichtigt man das, wie gesagt, nicht unvorstellbare Szenario. Nur, wiederholen wir es: Es gibt kaum \u00dcberraschungen in diesem Text. Gut gegen B\u00f6se, die Guten gewinnen, reichlich Action wird gestreut, es darf sogar hier und da menscheln, gar f\u00fcrchterlich deklamieren muss so mancher auch noch (w\u00e4rs ein Film, die Geigen w\u00fcrden dramatisch dazu schmatzen). Nun mag es ja angehen, dass die Wirklichkeit auch nur ein B-Movie ist. Doch selbst und gerade das erfordert ein H\u00f6chstma\u00df an Pr\u00e4zision bei der Gestaltung dramaturgischer Abl\u00e4ufe und des Figurentableaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jeder, der potentiell etwas zu erz\u00e4hlen hat, kann das auch. Und es w\u00fcrde zudem nicht \u00fcberraschen, wenn sich die nahe Zukunft nicht an Clarkes Vorhersagen hielte. Vom Happyending ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Richard A. Clarke: The Scorpion\u2019s Gate. <br \/>Goldmann 2007 <br \/>(Original: \u201cThe Scorpion\u2019s Gate\u201d, 2005, deutsch von Karin Dufner). <br \/>352 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt in naher Zukunft. Das US-amerikanische Irak-Abenteuer endet im Fiasko, in Bagdad haben die Iraner das Sagen. Und noch etwas besitzen sie inzwischen: Atombomben. 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