{"id":20829,"date":"2012-03-12T07:51:01","date_gmt":"2012-03-12T07:51:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/guido-rohm-der-doktor-und-sein-vieh\/"},"modified":"2022-06-08T05:14:49","modified_gmt":"2022-06-08T03:14:49","slug":"guido-rohm-der-doktor-und-sein-vieh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/guido-rohm-der-doktor-und-sein-vieh\/","title":{"rendered":"Guido Rohm: Der Doktor und sein Vieh"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/krimipapst_200.jpg\" alt=\"krimipapst_200.jpg\" width=\"200\" height=\"274\"\/><em>Kollernde Kleriker unter sich. Pr\u00fcgelpapst und Krimiautor Guido Rohm nimmt sich die Kirchenf\u00fcrsten des Genres zur Brust, ein gargantueskes, einigen Mut erforderndes Unterfangen, wird doch Rohm nach diesem Kraftakt als vogelfrei erkl\u00e4rt und von den vergifteten Pfeilen der Kritik zur Strecke gebracht werden. Wir freuen uns, Ihnen heute das Sahnest\u00fcck der Aufsatzsammlung pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen, eine feinsinnig-grobe Abrechnung mit einer sich im Affentempo vermehrenden Spezies, einem Konklave des Schreckens gewisserma\u00dfen, den wie radioaktiv verseuchte Pfifferlinge aus dem Boden des Internets sprie\u00dfenden Krimip\u00e4psten n\u00e4mlich, Menschen im geistigen Z\u00f6libat, statt Messdienern B\u00fccher auf den Knien, von Kopulationsphantasien durchsch\u00fcttelt, die ewigen Handarbeiter des Betriebs&#8230; doch lesen Sie selbst. Rohm, Autor von \u2192<a href=\"http:\/\/kulturmaschinen.com\/index.php?page=shop.product_details&amp;flypage=flypage.tpl&amp;product_id=57&amp;category_id=15&amp;option=com_virtuemart&amp;Itemid=71\">&#8222;Die Sorgen der Killer&#8220;<\/a>, wird besagte Sammlung demn\u00e4chst unter dem Titel &#8222;Einmal legen und blasen, bitte. Szenen aus dem Buchbordell&#8220; in einem namhaften Verlag ver\u00f6ffentlichen. Obligatorisch erkl\u00e4rt die wtd-Herausgeberschaft, dass sie keineswegs alle im folgenden Traktat ge\u00e4u\u00dferten Ansichten teilt. Sie ist lediglich \u2192<a href=\"http:\/\/www.conte-verlag.de\/conte-krimi\/rudolph-der-bote\">&#8222;Der Bote&#8220;<\/a>. Die dem Aufsatz beigegebene Zeichnung stammt nat\u00fcrlich aus der Feder des Klassezeichners Peter Ludwig. <\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>.<br \/>.<br \/>.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\"><strong><big>Der Doktor und sein Vieh<\/big><\/strong><\/div>\n\n\n\n<div style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Sittenskizze der deutschen Krimikritik<\/strong><\/div>\n\n\n\n<p><em>Der hier kommt nicht auf die Liste!<\/em><br \/>Jetzt steht der Doktor an einer Ampel, die Rot anzeigt. Er kann sich an den Satz, den er zu Andreas gesagt haben soll, nicht erinnern. Vielleicht hat er ihn getr\u00e4umt.<br \/>Noch kein Gr\u00fcn.<br \/>Also l\u00e4uft er nicht, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist.<br \/>Neben ihm, er kann es aus den Augenwinkeln erkennen, kommt eine Frau mit Kinderwagen zum Stehen. Sie r\u00e4uspert sich und st\u00fcrmt dann \u00fcber die Stra\u00dfe.<br \/><em>Mistst\u00fcck!<\/em><br \/>Nein, das hat er nicht gesagt. Er blickt auf seine Schuhe runter, von denen er nur die Spitzen erkennen kann. Ein Gef\u00fchl von Hunger durchstr\u00f6mt ihn.<br \/><em>Macht ist nur Macht, wenn man sie auch nutzen kann.<\/em><br \/>Das hat er gesprochen, leise, murmelnd.<br \/>Die Ampel springt auf Gr\u00fcn, trotzdem bleibt er stehen. Er hat keine Ahnung warum.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich treffen sie ein, B\u00fccherberge, die er l\u00e4ngst nicht mehr bew\u00e4ltigen kann. Und trotzdem warten sie auf ein Statement von ihm.<br \/>Er hat den Kriminalroman in diesem Land gro\u00df gemacht, wenn er will, dann kann er ihn auch wieder klein machen.<br \/>Papst. So nennen sie ihn.<br \/>Nat\u00fcrlich winkt er ab. Und doch &#8230;<br \/>Er greift nach dem n\u00e4chsten Roman. Andreas will ihn in der Liste haben. Andreas ist bestechlich, aber das wei\u00df nur er, h\u00f6chstens noch der und der. Egal.<br \/>Er ber\u00fchrt den Buchdeckel, liest die ersten S\u00e4tze und spricht es dann heilig.<br \/>Papst!<br \/>Ja, irgendwie ist er einer. \u00dcber den anderen haben sie das doch auch gesagt. Den konnte er aber nie ausstehen. Hatte eine eigene Fernsehsendung. Und er?<br \/>Er ber\u00fchrt, ohne das er sagen k\u00f6nnte warum, seine Wangen, die sich anf\u00fchlen, als h\u00e4tte er Tennisb\u00e4lle hinein gestopft. Er m\u00fcsste sich auf Di\u00e4t setzen. Bald, nicht heute.<br \/><em>Ich habe noch Zeit. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er sterben wird, was wird dann bleiben?<br \/>Der Doktor beugt sich \u00fcber eine Torte, ein Riesenst\u00fcck, um es sich einzuverleiben.<br \/>Ja, darum geht es. Man frisst sich durch das Leben, man schmeckt es auf der Zunge, f\u00fchlt es im Bauch, kackt es am n\u00e4chsten Tag in die Klosch\u00fcssel, um dann wieder von vorne zu beginnen.<br \/>Ein Wettrennen, ein sinnloses Wettrennen. Manchmal will er nicht mehr, einfach nicht mehr weiter, egal, was die Ampel auch zeigt; er m\u00f6chte einfach stehen bleiben. Aber das sind Augenblicke, die niemand sehen kann.<br \/>Am Tisch gegen\u00fcber schwatzen einige Frauen. Sie unterhalten sich \u00fcber das gestrige Fernsehprogramm.<br \/>Der Doktor versucht seine Ohren nach innen zu schlagen, aber es gelingt ihm nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/krimipapst_350.jpg\" alt=\"krimipapst_350.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Und dann, es scheint ihm, als w\u00e4re nur ein Lidschlag vergangen, sitzt er in dieser Buchhandlung und l\u00e4chelt sein breitestes Papstl\u00e4cheln in die Runde der Gl\u00e4ubigen.<br \/>Alle sind gekommen: Martin, Rita, J\u00f6rg, auch <em>die d\u00e4mliche Susanne<\/em>, die er nun herzlich in seine Arme schlie\u00dft, um sie zu ihrem neusten Krimi zu begl\u00fcckw\u00fcnschen, der, da sind er! und Andreas sich bereits einig, keinen Widerhall in ihren k\u00fcnftigen Besprechungen finden wird. Aber als Kuh, er sch\u00e4mt sich da nicht f\u00fcr seine Gedanken, als Kuh macht sie sich pr\u00e4chtig auf seiner Internetwiese, denn das Magazin, in dem er sich gegenw\u00e4rtig austobt, erscheint nur <em>online<\/em>.<br \/>Fr\u00fcher war alles besser, da gab es diese Freiheit noch nicht, die jeden Schn\u00f6sel zu einem Kritiker erkl\u00e4rte. Da kam es noch auf Beziehungen an, die man hatte, oder eben nicht hatte.<br \/>Er blickt sich um, und tats\u00e4chlich, f\u00fcr Sekunden erblickt er statt einer Buchhandlung eine Wiese, darauf sich seine Sch\u00e4flein tummeln.<br \/>Der Doktor schlie\u00dft die Augen, rasch, denn er will kein Opfer \u00fcbertriebener Fantasie werden, zumal er es doch ist, der den Realismus, der dem Krimi abhanden gekommen scheint, beklagt. Oder ist es Andreas, der sich erst neulich in einer Kolumne dazu \u00e4u\u00dferte?<br \/>Er wei\u00df es nicht. Sein Hirn scheint in Unordnung geraten zu sein. Drum nickt der Doktor aufgeregt, und dies, obwohl niemand etwas gesagt hat. Er will doch nur die Dinge in seinem Kopf ordnen.<br \/>Sein Vieh blickt ihn erstaunt an.<br \/>Der Doktor schweigt und denkt dar\u00fcber nach, diese Herde notschlachten zu lassen.<br \/>Sein Leben verlangt nach einer Ver\u00e4nderung.<br \/>Boris, der seit Jahren bekannt f\u00fcr seine <em>pornografischen Krimis<\/em> ist, betritt den Laden und l\u00e4chelt ihn an. Der Doktor breitet sein Grinsen aus. Darunter k\u00f6nnen sie schl\u00fcpfen, auch wenn es nur f\u00fcr diesen Abend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann &#8230;<br \/>&#8230; ist es wieder Nacht.<br \/>Der Doktor liegt neben seiner Frau, die, da sie genug Geld in die Ehe einbrachte, schon fr\u00fch von ihm zur geeigneten Partnerin erkoren wurde. Sie gab ihm, was er brauchte: Zeit.<br \/>Das Studium. Einige Verlage. Rezensionen.<br \/>Einer wie er hat Zeit, sich zu allem zu \u00e4u\u00dfern: Comics, Science-Fiction, Musik, Krimis.<br \/>Er horcht auf ihren Atmen, auf die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten dieses furchtbaren Schnaufens, das er seit so vielen Jahren satt hat.<br \/>Satt?<br \/>Nein, er ist nicht satt, er hat Hunger und darum steht er nun auf und schiebt seinen K\u00f6rper in den Flur hinaus. Dort bleibt er stehen, ohne zu wissen warum.<br \/>Er r\u00fchrt sich nicht, weicht keinen Millimeter von der Stelle. Es k\u00f6nnte sein, so denkt er, dass ich an einer roten Ampel stehe.<br \/>Er blickt sich um, aber da ist nichts. (Selbstverst\u00e4ndlich nicht.)<br \/>Der Doktor friert und wundert sich nicht dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Guido Rohm<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kollernde Kleriker unter sich. Pr\u00fcgelpapst und Krimiautor Guido Rohm nimmt sich die Kirchenf\u00fcrsten des Genres zur Brust, ein gargantueskes, einigen Mut erforderndes Unterfangen, wird doch Rohm nach diesem Kraftakt als vogelfrei erkl\u00e4rt und von den vergifteten Pfeilen der Kritik zur Strecke gebracht werden. Wir freuen uns, Ihnen heute das Sahnest\u00fcck der Aufsatzsammlung pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20829","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20829"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20829\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}