{"id":20830,"date":"2007-11-12T05:27:18","date_gmt":"2007-11-12T05:27:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/die-kurzen-und-die-langen-1\/"},"modified":"2022-06-07T00:28:57","modified_gmt":"2022-06-06T22:28:57","slug":"die-kurzen-und-die-langen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/die-kurzen-und-die-langen-1\/","title":{"rendered":"Die Kurzen und die Langen -1-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/schule.jpg\" alt=\"schule.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sprechen wir vom \u201eKrimi\u201c, meinen wir den KriminalROMAN. Alles unter 200 Seiten fristet sein Dasein im Schatten des Genres und muss sich gelegentlich gar den Vorwurf gefallen lassen, \u201ezu kurz\u201c zu sein und damit ein schlechtes Preis-\/Leistungsverh\u00e4ltnis aufzuweisen (man denke nur an \u201eTann\u00f6d\u201c). Der Kurzkrimi immerhin hat noch seinen, wenn auch begrenzten Platz im Krimisegment. Anders sieht es bei der Kriminalerz\u00e4hlung, der Kriminalnovelle gar, aus. Au\u00dferhalb der lobenswerten Reihe \u201ekaliber .64\u201c der Edition Nautilus scheint sie hierzulande nicht mehr zu existieren. Dabei ist doch sie die Urform des gesamten Genres.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bereits die vier elementaren Erz\u00e4hlungen Edgar Allan Poes aus den Jahren 1841 \u2013 1845 (\u201eThe Murders in the Rue Morgue\u201c, 1841; \u201eThe Mystery of Marie Rog\u00eat\u201c, 1842\/43, \u201eThe Gold Bug\u201c, 1843 und \u201eThe Purloined Letter\u201c (1845) ) waren zwischen 40 und \u00fcber 80 Druckseiten (Grundlage: die deutsche Gesamtausgabe des Walter-Verlags) starke Texte, die allesamt in Zeitungen und Zeitschriften erstver\u00f6ffentlicht wurden, zum Teil in Fortsetzungen. Auch in Deutschland erbl\u00fchte das Genre aus den Zeitschriften, die sich ab 1850 mit gro\u00dfem Erfolg anschickten, die Lesegewohnheiten eines breiten Publikums zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Autoren waren diese Zeitschriften ein Segen, standen sie doch f\u00fcr sichere Einnahmen. Etwas, das ein Buch selbst dann nicht garantieren konnte, wenn es viel gelesen wurde. Zum einen, weil ein Gro\u00dfteil des Publikums seine Leselust in Leihbibliotheken befriedigte, zum anderen, weil die Raubdruckerei weit verbreitet war, besonders im Deutschland der Kleinstaaterei.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesen eher \u00f6konomischen Gr\u00fcnden gab es aber wenigstens noch einen anderen, der erkl\u00e4rt, warum die Form der mittellangen Erz\u00e4hlung die Geburtsstunden des Genres dominierten: das Sujet der Texte selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir heute von \u201eErz\u00e4hlungen\u201c sprechen, von Texten also, deren Umfang etwa zwischen 50 und 120 Seiten liegt, meinen wir nicht selten \u201eNovellen\u201c. Diese gelten entweder als \u201el\u00e4ngere Erz\u00e4hlungen\u201c oder aber \u201ekurze Romane\u201c. Eine Novelle jedoch definiert sich nicht \u00fcber ihren Umfang, sondern \u00fcber ihre Dramaturgie und \u00fcber das, was wir heute einen \u201ePlot\u201c nennen. Sie ist, in Goethes Worten, \u201eeine unerh\u00f6rte Begebenheit\u201c \u2013 mithin genau das, was Kriminalf\u00e4lle eben immer sind: menschliche Katastrophen, Unheil, das unvermittelt den Fluss des Alltags hemmt, Schrecken, der austariertes Gef\u00fchlsleben kollabieren l\u00e4sst. Also auf keinen Fall eine Frage von Textmenge. Carl von Holtei etwa schrieb \u201eKriminalnovellen\u201c von \u00fcber 200 Seiten L\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gros der \u201el\u00e4ngeren Erz\u00e4hlungen\u201c oder \u201ekurzen Romane\u201c geh\u00f6rte also naturgem\u00e4\u00df zu den Novellen und st\u00fctzte sich auf jene genannte \u201eunerh\u00f6rte Begebenheit\u201c, der alles andere (also das, was Romane normalerweise so dick werden l\u00e4sst) nur zulieferte. Im Zentrum stand der Fall an sich; ohne Schn\u00f6rkel, manchmal auch ohne Verwicklungen. Sherlock Holmes agierte ab 1887 dann sowohl in Romanen als auch in Erz\u00e4hlungen. Sie unterscheiden sich nur durch den Grad der Verwicklungen des Falles, der gleichbedeutend wurde mit der Spannung, die sich kontinurierlich aufbauen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist das entscheidende Stichwort: Spannung. Selbstverst\u00e4ndlich waren etwa die Erz\u00e4hlungen Poes \u201espannend\u201c. Sie eigneten sich indes kaum dazu, den Leser als aktiven Teilnehmer in den Text zu ziehen. Der Protagonist ist der Held, Fehlbarkeit ist ihm ein Fremdwort. Dort, wo es keine \u201eDetektive\u201c gibt (etwa bei Holtei), ist es der Fall selbst, der sich aufkl\u00e4rt. Spannung im heutigen Sinne entsteht so selten, Mitr\u00e4tseln ist kaum m\u00f6glich. Und wurde von der Leserschaft auch gar nicht erwartet oder verlangt. Zwar sind auch die umfangreicheren Romane Conan Doyles in diesem Sinne noch nicht \u201espannend\u201c, weil ein allwissender Detektiv uns durch die Irrungen und Wirrungen des Falles f\u00fchrt; doch allein die schlichte Tatsache, dass er daf\u00fcr mehrere hundert Seiten ben\u00f6tigt, Geheimnisse erst sukzessive ergr\u00fcndet, in Gefahr ger\u00e4t (etwas \u00fcbrigens, das in den Kriminalnovellen und \u2013erz\u00e4hlungen fr\u00fcherer Zeit selten geschah), entwickelt jene Spannung, die uns Leser in einen Text zieht und \u2013 beliebtes Argument f\u00fcr einen \u201eguten Krimi\u201c \u2013dazu bringt, den Text nicht mehr aus der Hand legen zu k\u00f6nnen, bis wir endlich wissen, wers denn nun gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war nat\u00fcrlich schlecht f\u00fcr die Erz\u00e4hlung, die all das nicht oder nur in geringerem Ma\u00dfe zu bieten hatte. Sie erf\u00fcllte einfach nicht mehr die Anforderungen des allgemeinen Genrekatalogs. Dennoch gelang es ihr noch einmal, Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen, als sich in den 20er und 30er Jahren einige Autoren in den USA von Zeitschriften- und Buchautoren entwickelten und den Krimi revolutionierten (gemeint sich nat\u00fcrlich Hammett, Chandler et al., gemeint sind Zeitschriften wie \u201eBlack Mask\u201c). Heute ist die l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung fast nur noch in speziellen Anthologien anzutreffen, denn auch ihr angestammtes Podium, Zeitungen und Zeitschriften, hat sie l\u00e4ngst verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Liest man sich jedoch durch die aktuelle Produktion von KriminalROMANEN, hat man nicht selten den Eindruck, es hier mit in die L\u00e4nge gezogenen Erz\u00e4hlungen \/ Novellen zu tun zu haben. Und dann kommt einer wie James Sallis daher, schreibt einen \u201eRoman\u201c von 160 Seiten, nichts anderes als eine l\u00e4ngere, sehr komprimierte Erz\u00e4hlung, und zeigt, dass diese Form beileibe noch nicht am Ende ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Kurzgeschichte, die heute als \u201eKurzkrimi\u201c verkauft wird? Dazu mehr demn\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprechen wir vom \u201eKrimi\u201c, meinen wir den KriminalROMAN. Alles unter 200 Seiten fristet sein Dasein im Schatten des Genres und muss sich gelegentlich gar den Vorwurf gefallen lassen, \u201ezu kurz\u201c zu sein und damit ein schlechtes Preis-\/Leistungsverh\u00e4ltnis aufzuweisen (man denke nur an \u201eTann\u00f6d\u201c). Der Kurzkrimi immerhin hat noch seinen, wenn auch begrenzten Platz im Krimisegment. 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