{"id":20840,"date":"2007-11-19T05:29:47","date_gmt":"2007-11-19T05:29:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/die-kurzen-und-die-langen-2\/"},"modified":"2022-06-10T00:02:00","modified_gmt":"2022-06-09T22:02:00","slug":"die-kurzen-und-die-langen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/die-kurzen-und-die-langen-2\/","title":{"rendered":"Die Kurzen und die Langen -2-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/cover\/schule.jpg\" alt=\"schule.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Kurzkrimis sind kurze Geschichten, aber keine Kurzgeschichten. Das ist ihr Problem, aber auch ihre Chance.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben in der \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/11\/die-kurzen-und-die-langen-1.php\">vorigen Woche<\/a> gesehen, wie sich der Krimi aus der Kriminalnovelle zum \u201evollwertigen Roman\u201c entwickelte, weil Spannungsaufbau und \u2013aufl\u00f6sung an den Faktor (Lese-)Zeit gekoppelt wurden. Der Leser m\u00f6chte \u201emitfiebern\u201c, er m\u00f6chte sich mit Personen identifizieren oder sich von ihnen abgrenzen, kurzum: Er m\u00f6chte eine WELT vor sich entstehen sehen, ein in sich logisches und plastisches, sinnmachendes Zeichensystem. Dazu braucht es Raum.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diesen Raum hat die Kurzgeschichte nicht. Autoren wie Hemingway oder, in Deutschland, Borchert war es nicht darum zu tun, ihre Texte als Nachbildungen der Welt und einiger ihrer Mechanismen zu konzipieren. Die Welt, aus der ihre Geschichten gerissen werden, bleibt als Hintergrundrauschen stets vernehmbar, sie ist f\u00fcr die Dinge, die da geschehen, verantwortlich, aber man kann sie nur selbst rekonstruieren, sie wird nicht mitgeliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurzkrimis haben jetzt genau dieses Problem. Sie sind zun\u00e4chst einmal Krimis und dazu gezwungen, das sinnmachende Zeichensystem, aus der sie ihre \u201eunerh\u00f6rte Begebenheit\u201c herausschneiden, wenigstens als erkennbares Muster zu installieren. Zu diesem Sinnmachenden geh\u00f6ren nat\u00fcrlich methodisch-logische Detektion, eine klare Benennung der T\u00e4terschaft, nachvollziehbare (und daher zumeist sehr rudiment\u00e4re) Psychologie und, \u00fcber allem, Krimispannung: Ich wei\u00df zun\u00e4chst nichts, aber ich wei\u00df, dass ich am Ende alles wissen werde, mich also auf einem Erkenntnisweg befinde. Und je l\u00e4nger dieser Erkenntnisweg ist (je l\u00e4nger also meine Unwissenheit anh\u00e4lt), desto sch\u00f6ner wird es sein, ans Ziel zu gelangen. Die meisten Kurzkrimis l\u00f6sen das Problem, dass ihnen schlicht der Raum fehlt, solche Forderungen auch nur ann\u00e4hernd zu erf\u00fcllen, durch einen Parforceritt durch die Genrekonventionen. Wof\u00fcr es im Roman Hunderte von Seiten braucht, das erledigt der Kurzkrimi im Schnelldurchgang.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n sind zum Beispiel die \u201eKurzkrimis\u201c, die B\u00e4cker- und Metzgerhandwerk in ihren Kundenzeitschriften anbieten. Sie folgen \u00fcberwiegend diesem Muster: Ein Mensch wird ermordet, ein Kommissar sucht nach dem T\u00e4ter. Es gibt, sagen wir, drei Verd\u00e4chtige, die der Kommissar in aller K\u00fcrze verh\u00f6rt. Verd\u00e4chtiger A: \u201eIch habe den Mann nicht ermordet.\u201c Verd\u00e4chtiger B: \u201eIch habe den Mann auch nicht ermordet\u201c. Verd\u00e4chtiger C: \u201eIch habe den Mann auch nicht mit einem Messer der Marke IMMERROST erstochen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach l\u00e4ngerem und haarscharfem \u00dcberlegen kommt der Kommissar schlie\u00dflich zu der eines Sherlock Holmes w\u00fcrdigen Erkenntnis, nur C k\u00f6nne der T\u00e4ter sein, weil er Details \u00fcber den Fall wei\u00df, die allein dem T\u00e4ter bekannt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Muster: Herr A. hat eine Geliebte. Leider ist Herr A. verheiratet. Er mischt seiner Frau \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum Arsen ins Essen. Endlich stirbt die Frau. Aber der Mann stirbt ebenfalls, denn seine Frau hat einen Geliebten und ist selbst auf den Gedanken gekommen, ihren Mann zu vergiften. Eine weitere Steigerung w\u00e4re folgendes. Die Geliebte von A. und der Geliebte seiner Frau treffen sich, nachdem das Ehepaar tot ist, in einem Caf\u00e9 und fallen sich um den Hals. Sie n\u00e4mlich haben A und seine Frau zu den Taten angestiftet, um die beiden aus dem Weg zu r\u00e4umen. Denn sie sind nat\u00fcrlich auch ein Liebespaar und k\u00f6nnen nun, da von den Toten testamentarisch bedacht, ausk\u00f6mmlich ihr weiteres Leben gemeinsam und in Ruhe verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Man kann solche Geschichten in der kurzen Form gelungen erz\u00e4hlen. Aber es bleiben dennoch in sich geschlossene, sinnhafte Konstrukte, die den Genreerwartungen des Romans verpflichtet sind. Mit \u201eKurzgeschichte\u201c hat das wenig bis gar nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit wann gibt es Kurzkrimis und woher kommen sie? Zun\u00e4chst einmal ist auch das wieder eine Frage der Marktverh\u00e4ltnisse. Kurzkrimis gibt es, seit es Medien gibt, die sie ver\u00f6ffentlichen. Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht \u2013 aber es k\u00f6nnte mich t\u00e4uschen, zugegeben -, sind sie zun\u00e4chst (gemeint ist damit etwa die Mitte des 19. Jahrhunderts) Nachkl\u00e4nge und Variationen der heute so genannten \u201etrue crimes\u201c, damals auch als \u201ePitavalia\u201c bekannt. In diesen Geschichten werden \u201emerkw\u00fcrdige Kriminalf\u00e4lle\u201c beschrieben, wobei es nicht um Spannung, gar um Entspannung geht, sondern, sehr grob jetzt, um moralische und aufkl\u00e4rerische Absichten. Ein Verbrechen wird ausgebreitet, der T\u00e4ter vorgestellt, seine \u00dcberf\u00fchrung, seine Verurteilung. Das l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich noch verk\u00fcrzen (die \u201eechten Pitavalia\u201c hatten nicht selten den Umfang l\u00e4ngerer Erz\u00e4hlungen), auch m\u00fcssen die F\u00e4lle nicht alle \u201ewahr\u201c sein, man kann sie auch prima erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann jedoch lie\u00dfen sich damit keine LeserInnen mehr hinter den \u00d6fen hervorlocken. Sie wollten SPANNENDE Geschichten, \u00dcBERRASCHENDE Geschichten, sie wollten mitkombinieren, mitleiden etc. Sprich: Sie wollten Krimis, aber eben kurze Krimis mit allen Ingredienzien des Genres. Einer der ersten \u201emodernen\u201c Kurzkrimis findet sich in einem \u201eCoulissen-Geheimnisse\u201c betitelten Band von 1869 mit Anekdoten aus dem Theaterleben, die im Stil der Zeit mit allerlei Gruselig-Lustig-Kriminellem angereichert sind. Der Autor bleibt anonym, kann aber als der \u00d6sterreicher Moritz Bermann identifiziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte, um die es geht, hei\u00dft \u201eDie drei Schauspieler und die Kindsm\u00f6rderin\u201c, knappe 12 Seiten d\u00fcnn. Wir lernen drei noch ziemlich junge Musens\u00f6hne kennen, die sich in diversen Caf\u00e9h\u00e4usern verlustieren, \u00fcber die \u201ePhilister\u201c schimpfen und das sch\u00f6nere Geschlecht mit Avancen verw\u00f6hnen. Eine der so Begl\u00fcckten ist Bedienerin in einer solchen Lokalit\u00e4t, man t\u00e4ndelt mit ihr, doch die Sache bleibt im Verbal-Harmlosen. Kurze Zeit sp\u00e4ter jedoch erhalten alle Drei Vorladungen zu einer Gerichtsverhandlung. Warum? Das wissen sie nicht. Erst w\u00e4hrend der Verhandlung erfahren sie den Grund. Eine junge Frau \u2013 besagte Bedienerin \u2013 ist des Kindsmordes angeklagt und hat einen der drei Schauspieler als Erzeuger der unerw\u00fcnschten Leibesfrucht angegeben. Sie tritt nun auf und soll von Angesicht zu Angesicht den Urheber ihrer Not benennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Clou der Geschichte ist, dass die Kindsm\u00f6rderin unsere drei perplexen Helden nur deshalb vor Gericht zitieren lie\u00df, um selbst dort erscheinen zu k\u00f6nnen. Denn der Vater des von ihr ermordeten Kindes ist Angeh\u00f6riger dieses Gerichts und bei der Befragung der Schauspieler anwesend. Ihn nun mit seiner Tat direkt zu konfrontieren, war das Ziel des ganzen Unternehmens, bei dem die drei Schauspieler nichts weiter waren als zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Staffage.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier haben wir auf wenig Raum alle Genrezutaten versammelt. Es wird lustig gescherzt und pl\u00f6tzlich bricht das Ungl\u00fcck herein (Fallh\u00f6he). Drei Menschen werden einer Tat beschuldigt \u2013 wer von ihnen hat sie begangen (Suspense)? Und am Ende die \u00fcberraschende Aufl\u00f6sung. Sch\u00f6n gemacht, das w\u00fcrde von seiner Dramaturgie her auch heute noch jedes Sammelb\u00e4ndchen Kurzkrimis zieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun zur Chance der kleinen kriminellen Form. Wenn ein Kurzkrimi kein kurzer Langkrimi sein kann, dann sollte er versuchen, etwas anderes zu sein, sprich: mit den Vorgaben experimentieren, bis etwas Neues entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wunderbares und sehr gelungenes Beispiel hat Kerstin Rech f\u00fcr den Band \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/11\/letzte-gruesse-von-der-saar.php\">\u201eLetzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar\u201c <\/a> geschrieben. In \u201eDer l\u00e4ngste Tag des Bertram Hussong\u201c f\u00fchrt sie uns den Titelhelden als ein vom Land in die \u201eGro\u00dfstadt\u201c Saarbr\u00fccken geflohenes Mutters\u00f6hnchen ein. Er bestreitet seinen Lebensunterhalt durch kleine Diebereien und sucht zu diesem Zweck den Hauptbahnhof auf. Dort macht er sofort ein ideales Opfer ausfindig, einen Reisenden, der, offenbar v\u00f6llig betrunken, auf einer Bank sitzt. Hussong setzt sich neben ihn. Der Mann kippt zu ihm r\u00fcber, Hussong muss ihn festhalten und entdeckt zu seinem Entsetzen, dass der Mann nicht betrunken, sondern tot ist, denn ein Messer steckt in seinem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis hierhin hat Kerstin Rech die Genrekonventionen vorbildlich erf\u00fcllt. Jemand ist ermordet worden und ein anderer hat ein gro\u00dfes Problem damit. Genau jetzt aber pfeift sie auf die Konventionen. Der Mann sitzt einfach da, er kann nicht aufstehen, er kann nicht weggehen, da ja sonst der Tote umkippen und von der Bank rutschen w\u00fcrde. Der Bahnsteig ist nicht leer, man w\u00fcrde das beobachten. Hussong ist also f\u00fcr die n\u00e4chsten Stunden v\u00f6llig auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, auf seine Armseligkeit, die Ausweglosigkeit seines Daseins. Er sitzt einfach da und ist gezwungen, den Alltag wahrzunehmen. Stundenlang, wie gesagt, bis sich endlich Bahnpolizisten n\u00e4hern und der Spuk Gott sei Dank ein Ende hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Rech wird der Kurzkrimi tats\u00e4chlich zur Kurzgeschichte. Die \u201eunerh\u00f6rte Begebenheit\u201c Mord rei\u00dft den Helden f\u00fcr ein paar Stunden aus der Verlogenheit seines Lebens in den tristen Alltag, an dem er l\u00e4ngst gescheitert ist. Als \u201eKriminalroman\u201c k\u00f6nnte dies niemals funktionieren, weil Rechs Absicht nur darin liegen kann, diesen \u00dcbergang zur Erkenntnis zu beschreiben, aber kein komplettes Sinnsystem (zu dem etwa die Frage geh\u00f6ren w\u00fcrde, wer denn nun den Mann warum ermordet hat oder ob Hussong seine Unschuld beweisen kann) zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Kurzkrimis k\u00f6nnen Kurzgeschichten sein. Oder kurze Geschichten bleiben. In ihrer avancierten Form m\u00fcssen sie alles ignorieren, was in KriminalROMANEN Sinn macht: die Dramaturgie, die Psychologie, die Logik der Aufkl\u00e4rung, die Spannungs- und Unterhaltungserwartungen der Leser. Dann sind sie Kurzgeschichten. Etwas sehr Eigenes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurzkrimis sind kurze Geschichten, aber keine Kurzgeschichten. Das ist ihr Problem, aber auch ihre Chance. Wir haben in der \u2192vorigen Woche gesehen, wie sich der Krimi aus der Kriminalnovelle zum \u201evollwertigen Roman\u201c entwickelte, weil Spannungsaufbau und \u2013aufl\u00f6sung an den Faktor (Lese-)Zeit gekoppelt wurden. 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