{"id":20842,"date":"2007-11-20T05:30:46","date_gmt":"2007-11-20T05:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/peter-temple-the-broken-shore\/"},"modified":"2022-06-06T17:22:09","modified_gmt":"2022-06-06T15:22:09","slug":"peter-temple-the-broken-shore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/peter-temple-the-broken-shore\/","title":{"rendered":"Peter Temple: The Broken Shore"},"content":{"rendered":"\n<p>Diese Besprechung von Peter Temples \u201eThe Broken Shore\u201c hat eine <a href=\" http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2007\/10\/24\/what-a-difference-a-translation-makes\/ \"> Vorgeschichte<\/a>. Dieser liegt der Versuch zugrunde, unterschiedliche Bewertungen des Buches zu verstehen. Dabei hatte ich einige Rezensionen anderer, erfahrener Leser gelesen. Mein Kopf ist also voll mit deren Gedanken. Schwierig ist es deshalb erst einmal, die eigenen Gedanken zu finden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Den meisten Lesern geht es in einem Krimi um Spannung, erz\u00e4hlte Geschichte oder glaubw\u00fcrdige Figuren. Sicher: ohne Sprache geht es nicht; aber Sprache, die mit dem Finger auf sich selber weist und sagt \u201eich bin sch\u00f6n\u201c, diese Sprache ist es nicht, die in Krimis vorherrscht, oder, so scheint es mir als Leser insbesondere US-amerikanischer Krimis, von Autoren angestrebt wird \u2013 das vergisst so mancher, der mit seinem literarischem Anspruch am Genre vorbei liest.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier \u00fcberrascht das Buch. Die Sprache ist das erste, was an \u201eThe Broken Shore\u201c auff\u00e4llt. Man meint f\u00f6rmlich Peter Temple vor sich zu sehen, wie er mit Bleistift und Radiergummi dasitzt und an seinen S\u00e4tzen feilt, bis auch der letzte Rest Fett abgetragen ist. Dabei kommt eine Sprache heraus, die einen anf\u00e4nglich, bis man sich eingelesen hat, stocken und nach Subjekt oder Pronomen suchen l\u00e4sst. Anders als bei George P. Pelecanos, der versucht seine Geschichten auf \u00dcberschriftgeschwindigkeit zu beschleunigen, f\u00fchrt Temples Stil zu einer gro\u00dfen N\u00e4he und Intimit\u00e4t. Selten wirken Szenen so plastisch wie in \u201eThe Broken Shore\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erz\u00e4hlung passt zu dem Stil. Der Leser ist sehr dicht dran an Joe Cashin und folgt dessen Gedankenstrom. Da kann es auch einmal passieren, dass am Ort der Ermittlung ein Gegenstand eine Assoziation ausgel\u00f6st, die Cashin zur\u00fcck in seine fr\u00fchere Lebensgeschichte forttr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst vor kurzem ist er zur\u00fcckgekehrt nach Port Monro, wo er die kleine Polizeistation leitet. K\u00f6rper und Geist tragen Wunden aus seiner Zeit in Melbourne und beim Morddezernat &#8211; warum genau, erf\u00e4hrt der Leser erst sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die gegenw\u00e4rtige Geschichte mehrt das Ungl\u00fcck Cashins. Einer der reichen M\u00e4nner der Gemeinde wird schwer verletzt aufgefunden, f\u00fcr die Polizei ist schnell klar, wer die Schuldigen sind: Abos, Blacks, Nigger &#8230; Aborigines eben. Die in ihrer Gesamtheit von der Mehrheit der lokalen wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung mit einer derart offenen Abscheu angesehen werden, dass vergleichbare Darstellungen in B\u00fcchern anderenorts wegen Unglaubw\u00fcrdigkeit vom Editor &#8218;rausgestrichen worden w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt wie es kommen muss, einiges geht schief und die Sache nagt nicht nur an Cashins Seele, sondern wird auch zum Politikum. Er ermittelt gegen den Wunsch des wei\u00dfen Establishments weiter und \u201eThe Broken Shore\u201c entwickelt sich zu einem ordentlichen \u201epolice procedural\u201c, in dem tats\u00e4chlich so etwas wie Polizeiarbeit beschrieben wird und das in einem fulminanten, literarisch \u00fcberh\u00f6hten Finale endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einmal haben wir einen Helden, der meint, Schuld gleich mehrfach auf sich zu laden (und erinnert an diesem Punkt an der Darstellung Jack Taylors durch Ken Bruen). Wer so wie Cashin denkt, tritt auf der Stelle und so tut es anf\u00e4nglich auch die Krimihandlung. Cashin und sein Seelenleben sind Hauptthema des Buches, wer dagegen anlesen will und den Actionthriller sucht, geht als Leser an diesem Buch zugrunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das allerdings w\u00e4re bedauerlich, denn \u201eThe Broken Shore\u201c ist ein ganz eminentes Buch, in dem nicht geschw\u00e4tzt, sondern mit wenigen Worten Hintergrund, Raum f\u00fcr die Personen geschaffen wird. Das Buch nimmt einen gefangen, mit seiner kondensierten Darstellung und den reduzierten Dialogen: Hier schreibt jemand an gegen den modernen Weltstil. Der Aufbau ist durchdacht und das Buch wartet mit einer ordentlichen Portion subtilen Humors auf.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Cashin looked across the street. Cecily Addison was lecturing Leon, a hand raised. Leon caught Cashin&#8217;s eye, nodding in a knowing way. The vinegary couple from the newsagency were in their shop doorway, mouths curving southwards. Triple-bypassed Bruce of the video shop was beside saturated-fat dealer Meryl, the fish and chip shop owner. At the kerpside bicycle rack, shivering in yellow teeshirts, three young women, the winter staff of Sandra&#8217;s Cafe, had an argument going. The spiky-haired one with the nose rings was taking on the others.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>PS. Ich bin mir bewusst, dass nicht jedem Muttersprachler der Stil Temples gef\u00e4llt, aber es ist wichtig zu sehen, dass dieses eine \u201eideologische\u201c Frage ist und nicht ein Zweifel an der F\u00e4higkeit Temples, grammatikalisch korrekte S\u00e4tze zu formulieren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Peter Temple: The Broken Shore. \nQuercus 2007. 352 Seiten. 10,95 \u20ac \n(deutsch: \u201cKalter August\u201c. C. Bertelsmann 2007. 442 Seiten. 19,95 \u20ac )\n(Die Rezension der deutschen Ausgabe finden Sie \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/04\/peter-temple-kalter-august.php\">hier<\/a>.)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Besprechung von Peter Temples \u201eThe Broken Shore\u201c hat eine Vorgeschichte. Dieser liegt der Versuch zugrunde, unterschiedliche Bewertungen des Buches zu verstehen. Dabei hatte ich einige Rezensionen anderer, erfahrener Leser gelesen. Mein Kopf ist also voll mit deren Gedanken. 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