{"id":20846,"date":"2012-03-13T09:39:23","date_gmt":"2012-03-13T09:39:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/offener-brief-an-guido-rohm\/"},"modified":"2022-06-08T05:13:49","modified_gmt":"2022-06-08T03:13:49","slug":"offener-brief-an-guido-rohm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/offener-brief-an-guido-rohm\/","title":{"rendered":"Offener Brief an Guido Rohm"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"225\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/krimipapst_klein.jpg\" alt=\"krimipapst_klein.jpg\"\/> Ja, ich widerspreche! Ich kann, verehrter Herr Rohm, Ihren Ekel vor dem kriminalliterarischen Katholizismus, dieser allerorten grassierenden Selbstbeweihr\u00e4ucherung, sehr gut nachvollziehen. Diese Monstranzengeilheit, dieses Konklavenkl\u00fcngeln, das Dealen mit Volksopiaten schon auf Schulh\u00f6fen, die klammheimlichen Schweinereien in der halbdunklen Sakristei, wenn Messdiener zu Messlatten degradiert werden. Und, oh doch!, die P\u00e4pste! Die P\u00e4pste und ihre Li-la-letzter-Versuch-Soldateska! An der Spitze der doch so fruchtbaren Literatur thront die furchtbare Impotenz, aber sehen Sie, Meister, das ist eben Sprache, das ist Etymologie, das ist Arno Schmidt: fruchtbar, furchtbar, ein Aufwasch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber Sie, verehrter Meister, sch\u00fctten das Kind mit dem Bade oder, wie der Lateiner sagt, die Tr\u00e4nen des Herrn mit dem Messwein aus! Denn Literatur ist und bleibt Gottesdienst, hierarchischer Pomp, einer Liturgie unterworfen und dem Glauben verpflichtet, nicht dem Wissen. Der Kritiker, mag er nun Papst hei\u00dfen oder Seelenhirte oder Schmierfink, er zelebriert und preist DAS WORT DES DICHTERS. &#8222;Gehet hinaus in alle Welt und verbreitet die frohe Botschaft, Friedrich Ani hat einen neuen Krimi geschrieben!&#8220; \u2013 so spricht der Herr, so spricht der Verlag, so spricht dito der Kritiker. Und welches ist der Ort f\u00fcr die Lobpreisung des Herrn? Nat\u00fcrlich die Kirche, sprich das Feuilleton!<\/p>\n\n\n\n<p>Oh! Ah! Welche Pracht, welche Herrlichkeit! Soeben noch hat der Kritikerpriester von der Kanzel gedonnert, contra malum!, wider das B\u00f6se! Gegen die Schmei\u00dffliegen der Blogs, die anal-phabetischen Dilettanti, gegen all das intellektuelle Krimizeugs, die H\u00e4retiker, die Betreiber der Schismen! Gegen all die Leugner der reinen Lehre, welche besagt: Heutzutage werden nur in S\u00fcdafrika, bisweilen auch in S\u00fcdamerika und Hinterasien, gute Krimis geschrieben! Ja, donnert es weiter auf die H\u00e4upter der Sch\u00e4flein, ja!, diese realit\u00e4tsunt\u00fcchtigen Hanseln, welche unseren Bruder Arne Dahl von den F\u00fc\u00dfen auf den Kopf stellten und so ans Kreuz nagelten, diesen M\u00e4rtyrer, dessen Reliquien wir verehren!<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geschieht es, das Wunderbare! Eine Viererformation entz\u00fcckendster Ministranten zieht ein, weihrauchschwenkend, Klappentexte litaneiend. &#8222;Dahahaas ist mehmehmehr ahahahahas ein Kri-hihi-mimi.&#8220; So also litaneit und schwenkt die Knabenschar (ein Quotenm\u00e4del ist auch dabei, das Blondhaar jungskurz). Und nun nahet der Hohepriester, der Starkritiker, der potentielle Papst in Lauerstellung, seinen Sch\u00e4flein, er h\u00e4lt etwas hoch &#8212; die Hostie, den Leib Christie, den wahren Krimi! Und sehet nur, wie ihm die Sch\u00e4flein zustr\u00f6men! Auf den Knien kommen sie angerutscht, &#8222;Hosianna Fellatio&#8220;! ausrufend. Von der Empore stalinorgeln die Pfeifen der Verlagswerbung, &#8222;Dieser Krimi wird Ihr Leben ver\u00e4ndern! Sie werden ihn nicht aus der Hand legen k\u00f6nnen!&#8220;, so b\u00e4chelt es zu Tale.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sehet her&#8220;, spricht der Diener des Herrn, &#8222;dies ist der Leib des Allm\u00e4chtigen, dies ist der neue Roman von Heinrich Steinfest, Friedrich Ani oder Oliver Bottini, dies ist der neue Listenk\u00f6nig, wie er auf dem Esel nach Jerusalem einreiten wird, um die Tische der Geldwechsler vor dem Tempel \u2013 nein, nicht umzuwerfen, sondern mit neuer barer M\u00fcnze zum Brechen zu bringen, auf dass die Pharis\u00e4er ebenfalls brechen, bis ihre Kotze&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter kommt er nicht, der Priester, der Kritiker. Schon haben die ersten auf ihren Knien rutschenden Leser ihn erreicht, strecken ihm ihre Zungen entgegen, lallen ein dem\u00fctiges &#8222;Schieb mir den guten Stoff rein!&#8220; \u2013 und der Priester tut wie gehei\u00dfen, er legt das Buch auf die belegte Zunge, die wird eingefahren, um den Leib des Allm\u00e4chtigen, des Allgegenw\u00e4rtigen zu zermampfen, zu schlucken, auf dass er sich verdaue und zu jener Schei\u00dfe werde, aus der er wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die bunten Fenster dringt erstes Sonnenlicht. Ein Gotteszeichen! Ein Wink mit dem Zaunpfahl! Das Licht bricht sich an den Deckenfresken, ah!, der Finger Gottes, wie er den Finger des Kritikers ber\u00fchrt! Ein Kinderchor hat zu jubilieren begonnen, &#8222;Hardcover mit Leseb\u00e4ndchen, Hardcover mit Leseb\u00e4ndchen!&#8220; Die Stimmung ist orgiastisch, ein euphorisches Hirnficken hebt an, ein Zucken und Jucken, ein R\u00f6cheln wie eine Melodei direkt aus dem Paradies!<\/p>\n\n\n\n<p>DAS, Herr Rohm, ist Literatur! So soll sie sein! Wir brauchen keine P\u00e4pste, oh nein!, uns gen\u00fcgen die Kurienkardin\u00e4le der reinen kritischen Vernunft, die pausb\u00e4ckigen Landpfaffen der Regionalpresse! Aber der Gottesdienst, Herr Rohm! Der Gottesdienst! Den werden Sie uns nicht nehmen, denn merke: Wer hier feiert, das sind WIR! Die LiteraturNEHMER! Nicht die LiteraturGEBER! Die, das ist bekannt, schmoren in der H\u00f6lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Domkapitular Philipp Raabe (dpr)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, ich widerspreche! Ich kann, verehrter Herr Rohm, Ihren Ekel vor dem kriminalliterarischen Katholizismus, dieser allerorten grassierenden Selbstbeweihr\u00e4ucherung, sehr gut nachvollziehen. Diese Monstranzengeilheit, dieses Konklavenkl\u00fcngeln, das Dealen mit Volksopiaten schon auf Schulh\u00f6fen, die klammheimlichen Schweinereien in der halbdunklen Sakristei, wenn Messdiener zu Messlatten degradiert werden. Und, oh doch!, die P\u00e4pste! 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