{"id":20851,"date":"2012-03-15T10:18:04","date_gmt":"2012-03-15T10:18:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/das-zdf-verfilmt-ich-war-dora-suarez\/"},"modified":"2022-06-08T05:13:23","modified_gmt":"2022-06-08T03:13:23","slug":"das-zdf-verfilmt-ich-war-dora-suarez","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/das-zdf-verfilmt-ich-war-dora-suarez\/","title":{"rendered":"Das ZDF verfilmt &#8222;Ich war Dora Suarez&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"328\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/10_raymond_dora_suarez.jpg\" alt=\"10_raymond_dora_suarez.jpg\"\/>&#8222;Totale! Halbtotale, ja! Und jetzt voll auf die Fresse!&#8220; Helge P. Mauritz vibriert. Helge P. Mauritz zittert und schwitzt, schwitzt und zittert, auf seiner inneren Ejakulationsuhr ist es f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf, Tendenz steigend. Endlich! <\/p>\n\n\n\n<p>Kamerachecks, Kamerafahrten, wie lange hat er darauf gewartet, wie lange daf\u00fcr gek\u00e4mpft! Helge P. Mauritz schaut auf den Monitor, hm. Das Gesicht Edwin Drumms ist nicht zerfurcht genug, noch nichts erlebt, der Knabe, keine existentielle Krise, keine raffgierige Exfrau, nur die ewigen Promiempf\u00e4nge, das Stolzieren auf roten Teppichen, das Posen vor Objektiven, schneller Sex zwischen aufgespritzten Lippen und nat\u00fcrlich Alk, Alk, Alk. Und Koks. Das Backpulver f\u00fcr Teigwaren, die Gesichter sein wollen. Helge P. Mauritz hasst Schauspieler. Er braucht sie aber.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>F\u00fcr Dora! Dora Suarez! Jenen gro\u00dfen Kriminalroman von Derek Raymond, Perle des Noir, Leuchtturm im pechschwarzen Mare Crisium Welt, die schreiende Depression im Stillen Ozean der Selbstzerfleischung.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie hei\u00dft die?&#8220; M\u00f6hnke, der zust\u00e4ndige Redakteur. Beamtenarsch von prek\u00e4rer Intelligenz, Gehaltsempf\u00e4nger, so schwul, dass er wieder auf Frauen steht. Do-ra-Su-a-rez. &#8222;Aha, Spanierin, gut. Und der Held?&#8220; Hat keinen Namen. Ein Sergeant der Factory London, dort, wo die hoffnungslosesten der hoffnungslosen F\u00e4lle bearbeitet werden, die schlimmsten Schweinereien. Problembezirk, ja, ja, viele Emigranten. &#8222;Also Berlin Wedding, geht klar. Und die Disco hei\u00dft Factory? Geil&#8220;, winkt M\u00f6hnke durch, bleibt aber skeptisch. Das mit dem Namenlos gef\u00e4llt ihm nicht, das ist Neues Deutsches Kino der Sechziger, das ist Alexander Kluge, keine Chance im ZDF. Also hei\u00dft er Jonas Pr\u00e4torius, Jonas wie der Wal, der Wal ist der Leviathan, der Leviathan das Weltb\u00f6se, Hobbes, &#8230; &#8222;genau, Hobbes, niemals die Hoffnung aufgeben&#8220;, sagte M\u00f6hnke jovial und denkt: Merkt keine Sau, k\u00f6nnen wir so lassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>NEIN! Nicht Christine Neubauer als Dora Suarez! Nicht Iris Berben! Nicht \u2013 wie hei\u00dft die andere? &#8222;Senta Berger&#8220;, murmelt M\u00f6hnke und weiter: &#8222;Aber okay, die ist zu alt. Wie w\u00e4re es mit Susanne Dr\u00f6ge?&#8220; Helge P. Mauritz hasst Schauspielerinnen, hasst sprechende Namen, aber gebongt, der trifft hier ins Schwarze, der ist also noir. Die Dr\u00f6ge erinnert ihn immer an das Bild &#8222;Glut\u00e4ugige Zigeunerin&#8220;, hing \u00fcber dem Ehebett seiner Gro\u00dfeltern. Das lange Schwarzhaar ethnischer Minderheiten, sinnliche Lippen, Augen wie Autoscheinwerfer im Nebel, Titten wie&#8230; okay, besser als Christine Neubauer, die hat sowieso abgenommen und sieht aus wie Hannelore Elsner. &#8222;Nehmen wir&#8220;, winkt Mauritz seufzend ab, er ist ein Mann wie geschaffen f\u00fcr Opferalt\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und die verlieben sich jetzt ineinander oder wie muss ich mir das vorstellen?&#8220; Dora Suarez wird ermordet, schrecklich verst\u00fcmmelt, und der namenlose Sergeant aka Jonas Pr\u00e4torius wird sich so in den Fall hineinsteigern, dass er quasi selbst zu Dora Suarez wird, der Leidenden, der wahrhaft Ausgeschlachteten, dem Menschenwerk, dem Nutzm\u00e4dchen, das ist psychologisch, also Patricia Highsmith im Blutrausch, das ist antikapitalistisch, also Henning Mankell im Bett mit Heiner Gei\u00dfler.<br \/>&#8222;Sauber&#8220;, kommentiert der Redakteur, &#8222;aber apropos: Ins Bett h\u00fcpfen die beiden schon, oder? Susanne hat einen geilen Arsch, den h\u00e4lt sie in jede Kamera, wenn\u2019s nur irgendwie k\u00fcnstlerisch ist.&#8220; Dann f\u00e4llt ihm doch noch etwas ein, er faltet die Stirn wie ein vollgerotztes Taschentuch. &#8222;Der Name. Dora Suarez. Spanisch. In Berlin-Wedding. Hallo? Wie w\u00e4r&#8217;s mit Aishe \u00d6zcan?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war Aishe \u00d6zcan. Mauritz wird \u00fcbel, Derek Raymond w\u00fcrde \u00fcbel, Derek Raymond ist tot und das ZDF lebt und beides ist beklagenswert, aber die ARD kannst du vergessen, nischt wie Tatort und Regioschmarren im Vorabendprogramm.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich war Aishe \u00d6zcan \u2013 die Erste! Ruhe am Set!&#8220; Die Fistelstimme der Regieassistentin, Maike, nur im Suff zu ertragen, eine Prot\u00e9geuse des Redakteurs, knabenhaft androgyn. Totale: eine Mietskaserne im Wedding, davor eine Fahne im lauen L\u00fcftchen, &#8222;Hartz-IV-Domizil&#8220; steht drauf, die Sonne scheint kontrastiv, auch so eine Idee M\u00f6hnkes, wegen der Sozialkritik. Halbtotale: Fassade des Hauses Nr. 13, dort wohnt Aishe \u00d6zcan. Close Up: die Hackfresse Edwin Drumms, geschminkt wie das Leiden Christi nach einer Ecstasyorgie mit versauten jungfr\u00e4ulichen Schulm\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Setz deinen Arsch in Bewegung!&#8220;, schreibt Mauritz \u2013 und der Arsch bewegt sich auf die T\u00fcr zu, wieder Halbtotale, dann auf den Arsch Drumms gezoomt, Schei\u00dfe, denkt Mauritz, der Spast hat das Lacoste-Krokodil auf der rechten Jeansarschbacke, das gibt nur wieder \u00c4rger, &#8222;Schnitt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aids?&#8220; Ungl\u00e4ubiges Staunen beim Redakteur. &#8222;Haben Sie gerade AIDS gesagt?&#8220; Sich allm\u00e4hlich \u00fcberschlagende Stimme. &#8222;Ja&#8220;: Mauritz kleinlaut, was kann denn er daf\u00fcr. Ist doch Derek Raymond dran schuld. &#8222;Puh&#8220;, macht M\u00f6hnke und schaut hoch zur Decke seines lichtdurchfluteten B\u00fcros. &#8222;Warum nicht Burnout, Alzheimer oder \u2013 Ehrenmord? Hey, Ehrenmord! Aishe ist T\u00dcRKIN!&#8220; &#8222;Oder doch Kurdin?&#8220; Mauritz sagt es z\u00f6gerlich, der Redakteur \u00fcberlegt. &#8222;Solange sie keine Alewitin ist, okay. Politische Komponente, nicht schlecht. Falsche Spur, red herring, you know?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mauritz wei\u00df. Am Ende wird Aishe \u00d6zcan ein Opfer der Finanzhaie, Aishe \u00d6zcan, die als T\u00fcrkin sogar Abitur gemacht und beinahe studiert hat, dann aber doch nur Tippse in einer Investmentbank, zwei \u00e4ltere Br\u00fcder, die sie Hure nennen, weil Aishe mit ihrem Chef poppt, Mauritz freut sich schon auf den Arsch der Dr\u00f6ge, die Titten riesige Silhouetten an der Schlafzimmerwand.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aishe \u00d6zcan \u2013 die Zweite! Ruhe am Set!&#8220; Er wird sie eines Tages umbringen, Maike mitsamt ihrer Fistelstimme. Drumm alias Jonas Pr\u00e4torius alias der namenlose Sergeant betritt den Flur des Hauses, in dem Aishe wohnt, das hei\u00dft: gewohnt hat, denn jetzt ist Aishe tot. Die Nachbarin, alt, deutsch, alkoholabh\u00e4ngig, neugierig, sie blickt dem Sergeant hinterher, wie er die Treppe hinaufschlurft, ein B\u00fcndel Noir, ein Haufen Depression. &#8222;Okay!&#8220; ruft Helge P. Mauritz, &#8222;gut gemacht, Christine!&#8220; Christine Neubauer nickt, das war&#8217;s, Nebenrolle, aber wenigstens Literaturverfilmung, wenn auch nur Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aishe \u00d6zcan \u2013 die Siebenundzwanzigste! Ruhe am Set!&#8220; Im Bett nicht einmal so schlecht, diese Maike. Aber Achtung, &#8222;Close Up!&#8220; Aishe \u00d6zcan liegt, mit einem Schal erdrosselt, auf dem Teppichboden, jede einzelne Pore muss man sehen, dann \u00dcberblendung, R\u00fcckblende, Aishe \u00d6zcan im Bett mit Jonas Pr\u00e4torius, vier Arschbacken in der Halbtotalen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Totale! Halbtotale, ja! Und jetzt voll auf die Fresse!&#8220; Helge P. Mauritz vibriert. Helge P. Mauritz zittert und schwitzt, schwitzt und zittert, auf seiner inneren Ejakulationsuhr ist es f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf, Tendenz steigend. Endlich! Kamerachecks, Kamerafahrten, wie lange hat er darauf gewartet, wie lange daf\u00fcr gek\u00e4mpft! Helge P. Mauritz schaut auf den Monitor, hm. 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