{"id":20852,"date":"2007-11-29T05:30:24","date_gmt":"2007-11-29T05:30:24","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/karl-friedrich-von-linden-die-suessen\/"},"modified":"2022-06-06T17:15:58","modified_gmt":"2022-06-06T15:15:58","slug":"karl-friedrich-von-linden-die-suessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/11\/karl-friedrich-von-linden-die-suessen\/","title":{"rendered":"Karl Friedrich von Linden: Die S\u00fc\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es beginnt \u00e0 la genre: In einem Park wird die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, erw\u00fcrgt, erkennbar ein jugendlicher Stricher. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Doch was dann folgt, widersetzt sich unseren Vorstellungen von \u201eKrimi\u201c. Kein Wunder. Denn Karl Friedrich von Lindens Roman \u201eDie S\u00fc\u00dfen\u201c ist ein Krimi von 1909\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u2026 und Karl Friedrich von Linden ein bis heute nicht aufgel\u00f6stes Pseudonym. Je weiter man in den \u201eS\u00fc\u00dfen\u201c liest, desto verst\u00e4ndlicher wird der Entschluss des Autors, sich bedeckt zu halten. Denn \u201edie S\u00fc\u00dfen\u201c sind nicht nur ein Sammelsurium verp\u00f6nter Leidenschaften und daraus resultierender Verbrechen, sondern auch ein Schl\u00fcsselroman. So ist es etwa offensichtlich, dass sich hinter dem reichen Reeder Bork niemand Geringeres als der Industrielle Krupp verbirgt. Und da Bork der Knabenliebe fr\u00f6nt und aus Eifersucht oben erw\u00e4hnten Strichjungen ermordete, ist das eine heikle Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Lindens Roman spielt \u00fcberwiegend im Berlin des sogenannten \u201eDreikaiserjahres\u201c 1888, als gleich zwei Regenten kurz hintereinander das Zeitliche segnen und mit Wilhelm II der finale Totengr\u00e4ber der Monarchie auf den Thron gelangt. Das Deutsche Reich, gerade einmal 17 Jahre alt, boomt, Berlin ver\u00e4ndert sich, man baut \u201emoderner\u201c, die unteren Schichten werden zunehmend ghettoisiert. Aus diesen Schichten stammt Anton Pickert, eigentlich der Protagonist des Romans, ein Stricher, Erpresser und schlie\u00dflich auch noch M\u00f6rder. Er arbeitet sich in die h\u00f6heren Kreise des zumeist uniformierten Adels hoch, wo nicht nur h\u00fcbsche Knaben vernascht werden, sondern auch betrogen, verkuppelt, spioniert und intrigiert, ein munteres Gesetzesbrechen also und weit und breit niemand, den es wirklich st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch sind \u201edie S\u00fc\u00dfen\u201c weit mehr als ein gegen Adel und sonstige Oberschicht gerichtetes Pamphlet. Wir lernen auch einen Sozialistenf\u00fchrer kennen, der ein vierzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen (die Schwester Pickerts) vergewaltigt, das sich schlie\u00dflich, weil in anderen Umst\u00e4nden, das Leben nimmt. Und auch die sch\u00f6ne Gr\u00e4fin Rospine, in vielem eine emanzipierte Frau, wird als Kupplerin, Spionin, M\u00f6rderin und Liebhaberin des eigenen Geschlechts geoutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch diese Abgr\u00fcndigkeiten bewegt sich Anton Pickert, den wir getrost als den einzigen ehrlich arbeitenden Verbrecher des Romans hervorheben k\u00f6nnen. St\u00e4ndig unterwegs, st\u00e4ndig auf der Lauer, v\u00f6llig herzlos und brutal, sucht er seine Chance. Er ist der kleine Mann, der virtuos mit den Schw\u00e4chen der Gro\u00dfen spielt \u2013 und am Ende folgerichtig als einziger seine gerechte Strafe empf\u00e4ngt. Denn nur Pickert geht es an den Kragen, alle anderen kommen ungeschoren oder mit einem blauen Auge davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine R\u00e4tselraterei, keine Ermittlung (der zust\u00e4ndige Beamte wird selbst ermordet), keine Bestrafung. Stattdessen bewegen wir uns zwischen den morschen Pfeilern einer degenerierten Gesellschaft, die Gefangene sowohl ihrer Leidenschaften als auch ihrer Pflichten ist und sich noch \u00fcber die Zeit rettet. Das ist recht eigentlich ein Noir avant la lettre, eine teilweise in deftige Kolportage gepackte Verdichtung von Symptomen eines krankhaften Zustands, wie sie nur Zeit- und Leidensgenossen gelingen kann. Nicht den beliebten und angeblich so akribisch recherchierten \u201ehistorischen Krimis\u201c, denen wir auch weiterhin die Fakten aus den Geschichtsb\u00fcchern \u00fcberlassen wollen. Was von Linden aus der guten alten Zeit zu berichten hat, findet sich dort nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Also ein Lesetipp. Die leise Klage dar\u00fcber, dass der Roman in seiner Neuauflage um einen angeblich misslungenen Handlungsstrang gek\u00fcrzt wurde, sehe man einem Puristen wie mir bitte nach.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Karl Friedrich von Linden: Die S\u00fc\u00dfen. \nM\u00e4nnerschwarm Verlag 2007. 270 Seiten. 16 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es beginnt \u00e0 la genre: In einem Park wird die Leiche eines jungen Mannes entdeckt, erw\u00fcrgt, erkennbar ein jugendlicher Stricher. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Doch was dann folgt, widersetzt sich unseren Vorstellungen von \u201eKrimi\u201c. Kein Wunder. 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