{"id":20857,"date":"2007-12-06T05:27:25","date_gmt":"2007-12-06T05:27:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/joe-gores-hammett\/"},"modified":"2022-06-09T11:21:40","modified_gmt":"2022-06-09T09:21:40","slug":"joe-gores-hammett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/joe-gores-hammett\/","title":{"rendered":"Joe Gores: Hammett"},"content":{"rendered":"\n<p>Joe Gores\u2019 \u201eHammett\u201c, der Krimi \u00fcber einen Klassiker des Genres, ist seit seinem Erscheinen 1975 selbst zum Klassiker dieses Genres geworden und die Neuauflage in der metro-Reihe des Unionsverlages entsprechend l\u00f6blich. Denn hierzulande wurde der Roman \u00f6ffentlich vor allem als Grundlage eines Films von Wim Wenders wahrgenommen, \u00fcber dessen chaotisch-desolate Genese Wenders wiederum einen Film (\u201eDer Stand der Dinge\u201c) gedreht hat. Das ist, wohl ohne Absicht, putzig, denn \u201eHammett\u201c selbst ist &#8211; unter anderem &#8211; ein Krimi \u00fcber Krimis.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>M\u00fc\u00dfig, die Story in ihrer Entwicklung nachzuerz\u00e4hlen. Sie spielt im San Francisco des Jahres 1928, ihr Held hei\u00dft Dashiell Hammett, ehedem Detektiv bei Pinkerton, jetzt Krimiautor, great things to come: \u201eRote Ernte\u201c, \u201eDer Fluch des Hauses Dain\u201c, \u201eDer Malteser Falke\u201c. Als ein fr\u00fcherer Kollege, damit beauftragt, das Korruptionsgeflecht in der Stadtverwaltung aufzudecken, ermordet wird, schaltet sich Hammett ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch genug. Was erwarte ich von einem Kriminalroman, der \u201eHammett\u201c hei\u00dft? Nat\u00fcrlich Korruption und organisiertes Verbrechen, ein wenig Chinatown, viel Gewalt. Gibt es alles reichlich, wohlportioniert, \u201eatmosph\u00e4risch dicht\u201c (was hier nichts anderes hei\u00dft als: wie in den zahlreichen Verfilmungen der Schwarzen Serie). Viel interessanter als die Frage nach dem Inhalt ist jedoch die nach dem Grund, warum Gores nicht, wie etliche vor und nach ihm, einfach einen Nachbrenner des hartgekochten Noir gez\u00fcndet hat (h\u00e4tte \u201eJohn Doe\u201c hei\u00dfen k\u00f6nnen), sondern ganz offensichtlich einen Krimi geschrieben, der \u2013 und hier trifft die Plattit\u00fcde zu \u2013 \u201emehr\u201c ist als das. Biografische Skizze, praktische Analyse eines Subgenres, das Ventilieren der alten Problematik von Wirklichkeit und Fiktion.<\/p>\n\n\n\n<p>All das liegt auf der Hand und l\u00e4sst sich m\u00fchelos aus dem Text schaufeln. Gores st\u00fctzt sich \u2013 wie er im beigegebenen Interview exemplarisch vorf\u00fchrt \u2013 auf \u201edie biografischen Fakten\u201c, hier und da gro\u00dfz\u00fcgig gebogen, aus ihrem Zeitrahmen genommen, in einen anderen versetzt. Geht in Ordnung, so schreibt man nun einmal fiktive Geschichten. Und konsequenterweise entspricht der Umgang mit den \u201eFakten\u201c dem, den wir bei der Kunstfigur Hammett selbst beobachten k\u00f6nnen. Es fehlt eine Szene in \u201eRote Ernte\u201c? Na, da geht Hammett eben mit der flotten Nachbarin zum Boxkampf \u2013 und schon findet sich die treffende Anregung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt, mit Verlaub, r\u00fchrend naiv \u2013 und Gores wei\u00df das sehr wohl. Es ist ein Spiel ohne Regeln und endg\u00fcltiges Ergebnis, das er hier mit uns spielt. Es beginnt mit einer gro\u00dfen Leserd\u00fcpierung, der n\u00e4mlich, uns vorzugaukeln, etwas \u00fcber den Autor Dashiell Hammett zu erfahren, dar\u00fcber auch, wie der sich sein Material aus der Wirklichkeit geholt hat, um es zu Literatur zu machen. Aber dieser \u201eHammett\u201c in Anf\u00fchrungszeichen lebt ja selbst in der Literatur. Er ist selbst Kunstfigur, so wie jeder Autor w\u00e4hrend des literarischen Sch\u00f6pfungsprozesses Kunstfigur im Roman Wirklichkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit schreibt Gores \u00fcber eine Kunstfigur, die einen Roman schreibt, einen Roman. Normalerweise ber\u00fccksichtigen wir lediglich zwei dieser Ebenen, die erste (den Autor) und die letzte (sein Werk) und vermuten dazwischen ein Etwas namens \u201ekreativer Prozess\u201c. Genau der wird in \u201eHammett\u201c durch die beiden Zwischenebenen \u201efiktiver Autor\u201c \/ \u201efiktiver Text\u201c abgedeckt. In diesem Prozess ist der Autor kein biografisch zu fassendes Subjekt, sondern Protagonist eines Gedankenspiels.<\/p>\n\n\n\n<p>Was so entsteht, ist also mitnichten ein Kriminalroman im Stile Hammetts, der einen Protagonisten wie sein fiktives Abbild selbst wohl nicht als Ermittler genommen h\u00e4tte. Gores \u201eHammett\u201c ist viel mehr ein profundes St\u00fcck zum Wesen der Literatur im Allgemeinen und des Hardboiled im Besonderen (und das Beste: Auch wem das schnuppe ist, hat etwas davon).<\/p>\n\n\n\n<p>Clou ist dabei, dass wir dieses Modell selbst verallgemeinern k\u00f6nnen. Etwa so: Hammett schreibt \u00fcber sein fiktives Ich, das einen Roman schreibt, einen Roman. Wir Leser aber wissen nur, dass Hammett einen Roman geschrieben hat und jeder Versuch, von diesem Roman auf seinen Urheber zu schlie\u00dfen (oder vice versa), scheitert daran, dass wir die Zwischenwelt nicht kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Zufall, dass wir nicht nur viele Motive aus Hammetts Romanen und Erz\u00e4hlungen bei Gores wiederfinden, nein, auch Meistersch\u00fcler Raymond Chandler ist \u2013 von \u201eHigh Window\u201c bis \u201eLong Goodbye\u201c \u2013 motivisch zu identifizieren. Fast s\u00e4mtliche Topoi des Hardboiled-Kosmos werden so vor uns ausgebreitet, von problematischer Freundschaft \u00fcber unweigerlich beschmutzte Unschuld bis zur allgegenw\u00e4rtigen Korruption. Und ist Gores Held, recht \u00fcberlegt, nicht sowieso eher eine Chandler- als eine Hammett-Figur?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHammett\u201c erz\u00e4hlt die Geschichte einer Weltanschauung , aus der heraus einer der gro\u00dfen Paradigmenwechsel der Kriminalliteratur initiiert werden konnte. Die Welt ist nicht das, was wir sehen, sie ist das, was wir im kreativen Prozess ihrer Verdichtung und Reduzierung erleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beinahe jede Person, jede Szene in &#8222;Hammett&#8220; verdeutlicht diese Bild von der Welt, diesen \u201eRoman Wirklichkeit\u201c, der die Meisterwerke des Hardboiled und des Noir hervorgebracht hat. Dass der Mensch von Natur aus korrumpierbar ist und genau das der Leim, der die Welt zusammenh\u00e4lt, wird besonders im Hauptstrang des Romans zur Maxime erhoben, wenn ein exemplarisches Opfer zur exemplarischen T\u00e4terin wird. An ihr scheitert Hammett, der Detektiv. So wie Hammett, der Autor, die Wirklichkeit erst erfinden musste, um sie zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Joe Gores: Hammett. <br \/>Unionsverlag (metro) 2007 <br \/>(Original: &#8222;Hammett&#8220;, 1975, deutsch von Friedrich A. Hofschuster). <br \/>320 Seiten. 9,90 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joe Gores\u2019 \u201eHammett\u201c, der Krimi \u00fcber einen Klassiker des Genres, ist seit seinem Erscheinen 1975 selbst zum Klassiker dieses Genres geworden und die Neuauflage in der metro-Reihe des Unionsverlages entsprechend l\u00f6blich. 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