{"id":20865,"date":"2007-12-13T05:26:40","date_gmt":"2007-12-13T05:26:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/jean-patrick-manchette-jean-pierre-bastide-lasst-die-kadaver-braeunen\/"},"modified":"2022-06-15T16:02:03","modified_gmt":"2022-06-15T14:02:03","slug":"jean-patrick-manchette-jean-pierre-bastide-lasst-die-kadaver-braeunen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/jean-patrick-manchette-jean-pierre-bastide-lasst-die-kadaver-braeunen\/","title":{"rendered":"Jean-Patrick Manchette, Jean-Pierre Bastide: La\u00dft die Kadaver br\u00e4unen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Ganz kurz: \u201eLa\u00dft die Kadaver br\u00e4unen\u201c ist ein gefundenes Fressen f\u00fcr alle Freunde geradlinigen Handlungsreisens, st\u00e4ndig wechselnder dramatischer Situationen und fr\u00f6hlichen Dahinmordens. Ein Krimi, den man \u201enicht mehr aus der Hand legen kann\u201c und bei 190 schnellen Seiten auch nicht aus der Hand legen muss. Wer also seine 12,80 \u20ac in ein paar Stunden Genuss ohne Reue und Nachwehen investieren m\u00f6chte: bittesch\u00f6n. Wer sich noch einen Mehrwert verspricht: auch den gibts.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es beginnt mit Sch\u00fcssen auf eine Leinwand. Erstere von einem Gangster abgegeben, letztere von einer alternden K\u00fcnstlerin namens Luce bemalt, die sich einen abgelegenen und verlassenen s\u00fcdfranz\u00f6sischen Weiler mit 20 verfallenen H\u00e4usern gekauft hat, wo sie bisweilen G\u00e4ste empf\u00e4ngt. Der schie\u00dfende Gangster \u2013 keine Angst, noch ist es nicht ernst, noch ist es nur Teil der Kunst \u2013 geh\u00f6rt zu diesen G\u00e4sten, den Luces Anwalt und Geliebter mitgebracht hat. Drei zwielichtige Gestalten sind es, gef\u00fchrt vom hartgesottenen Rhino. Auch ein versoffener Schriftsteller hat sich bei Luce eingefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kommt schnell zur Sache. Die Gangster \u2013 der Rechtsanwalt geh\u00f6rt auch zu ihnen, h\u00e4lt sich aber zur\u00fcck \u2013 \u00fcberfallen einen Transporter und erbeuten 250 Kilo Gold unter Zur\u00fccklassung mehrerer Leichen. Auf dem R\u00fcckweg zu Luce nehmen die T\u00e4ter des Schriftstellers neurotische Frau samt Kind und Kinderm\u00e4dchen mit, ein Fehler, wie sich bald herausstellt, denn die Frau wird polizeilich gesucht. Ihr auf den Fersen zwei Polizisten, mit deren Auftauchen in Luces Reich das muntere Spielchen der Kadaverproduktion beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es ist tats\u00e4chlich beides: Munter und ein Spielchen, eine Inszenierung. Im Mittelpunkt steht Luce, die mit gro\u00dfem Am\u00fcsement die st\u00e4ndigen Wechsel im Kampf zwischen Gut und B\u00f6se &#8211; und sehr bald auch zwischen B\u00f6se und B\u00f6se &#8211; verfolgt. Sie, die K\u00fcnstlerin, wei\u00df, was auch der Leser am Ende wissen wird: das Verbrechen ist die einzige Form, in der Kunst noch funktioniert, weil es die einzige Form ist, in der sich das Leben als Grundlage der Kunst noch beschreiben l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber funktioniert \u201eLa\u00dft die Kadaver br\u00e4unen!\u201c abseits solcher Metatheorien auch als Krimi? Weil es die allgemeinen Vorgaben des Genres so lange ausreizt, bis sich die Geschichte quasi selbst inszeniert, eins aus dem anderen folgt, folgen muss. Und immer tut sich etwas, werden die Karten neu gemischt, die Joker und Schwarzen Peter neu verteilt. Die S\u00e4tze, asketisch mager, aber durchtrainiert, transportieren lediglich das, was f\u00fcr die Inszenierung wichtig ist. Eine Inszenierung, die durchaus ihre dramaturgischen Feinheiten \u2013 schnelle Szenenabfolge, zeitliche R\u00fcckgriffe bei Perspektivwechseln \u2013 hat. Am Ende wei\u00df der Leser, worum es Manchette und Bastide geht. Um eine Analyse der Gesellschaft, der Kunst \u2013 aber er wei\u00df es nicht, weil man es ihm theoretisch eingebl\u00e4ut h\u00e4tte, sondern weil er selbst es bemerkt hat. So diskret k\u00f6nnen nur Franzosen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eLa\u00dft die Kadaver br\u00e4unen!\u201c betrat Jean-Patrick Manchette 1971 die B\u00fchne der Kriminalliteratur. Mit einem Werk, das Geschichte schrieb, den \u201eNeo Polar\u201c begr\u00fcndete, aber vor allem eines klarmachte: Am Besten sind Krimis dann, wenn sie als Krimis \u00fcberzeugen. \u201eLa\u00dft die Kadaver br\u00e4unen!\u201c \u00fcberzeugt. Und nur dann sind wir gewillt, auch seinen Mehrwert zu honorieren.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jean-Patrick Manchette, Jean-Pierre Bastid: La\u00dft die Kadaver br\u00e4unen! \nDistel Literaturverlag 2007 \n(Original: \u201eLaissez bronzer les cadavres!\u201c, 1971, \ndeutsch von Katarina Gr\u00e4n, und Ronald Voullie). \n190 Seiten. 12,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz kurz: \u201eLa\u00dft die Kadaver br\u00e4unen\u201c ist ein gefundenes Fressen f\u00fcr alle Freunde geradlinigen Handlungsreisens, st\u00e4ndig wechselnder dramatischer Situationen und fr\u00f6hlichen Dahinmordens. Ein Krimi, den man \u201enicht mehr aus der Hand legen kann\u201c und bei 190 schnellen Seiten auch nicht aus der Hand legen muss. 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