{"id":20867,"date":"2007-12-17T07:58:48","date_gmt":"2007-12-17T07:58:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/die-eindeutscher\/"},"modified":"2022-06-07T01:35:17","modified_gmt":"2022-06-06T23:35:17","slug":"die-eindeutscher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/die-eindeutscher\/","title":{"rendered":"Die Eindeutscher"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201e\u00dcbersetzer achten lernen\u201c, fordert \u201eKrimileser\u201c und Kollege \u2192<a href=\"http:\/\/krimileser.wordpress.com\/2007\/12\/15\/ubersetzer-achten-lernen\/\">Bernd<\/a>. Hei\u00dft nicht zuletzt: Bezahlt sie endlich besser! Die uns die Sch\u00e4tze der literarischen Welt ins Deutsche \u00fcbertragen, vegetieren, wie Bernd richtig kommentiert, \u201eam Ende der Nahrungskette\u201c, zumeist eintr\u00e4chtig vereint mit den Autorinnen und Autoren, so diese nicht zuf\u00e4llig zur exklusiven Gruppe der Bestverk\u00e4ufer z\u00e4hlen. Aber w\u00e4re damit das Problem gel\u00f6st?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was muss eine \u00dcbersetzerin, ein \u00dcbersetzer \u00fcberhaupt k\u00f6nnen? Sie \/ er sollte die Sprache, aus der \u00fcbersetzt wird, beherrschen, aber auch das Deutsche. Ein Netz von Informationsgebern ist ebenfalls vonn\u00f6ten, um raren Slang oder Fachausdr\u00fccke ohne Bedeutungsverluste zu \u00fcbertragen. Wenn ich also einen Krimi aus der aufregenden Welt der Mikrobiologie \u00fcbersetzen m\u00fcsste (gottlob werde ich das nie m\u00fcssen), w\u00fcsste ich schon, an wen ich mich wenden muss&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>All das kostet Zeit, Zeit, die in der Regel nicht bezahlt wird. Die Angaben \u00fcber die Honorare von \u00dcbersetzerInnen variieren, j\u00fcngst erz\u00e4hlte mir jemand, der es wissen sollte, er weigere sich einfach, diese Arbeit mit 13 \u20ac die Seite abzuspeisen. Wahrscheinlich geht es noch tiefer in der Prekariatsbereich, es steht zu bef\u00fcrchten. Denn die Fachkompetenz allein ist es eben auch nicht, die die Zeit kostet. Kriminalromane sind, man glaubt es kaum, literarische Werke, ein Teil ihrer Wirkung ist an die Sprache gebunden, in der sie verfasst worden sind. Und die ist von Sprache zu Sprache verschieden, wortw\u00f6rtliche \u00dcbersetzung mithin selbst dann, wenn sie \u201ekorrekt\u201c ist, nicht immer die beste L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p>An ein sch\u00f6nes Beispiel erinnere ich mich. Vor Jahren \u00fcbersetzte Hans Wollschl\u00e4ger, nicht nur \u00dcbersetzer, sondern auch Literat, Raymond Chandlers \u201eLong Goodbye\u201c. Darin gab es einen Satz, den Wollschl\u00e4ger als \u201eEr nahm einen langen Drink\u201c eindeutschte \u2013 und damit Zeder und Mordio und H\u00e4me ausl\u00f6ste (war\u2019s im SPIEGEL? Ich glaub schon), denn bei Chandler hei\u00dft es \u201elong drink\u201c, was nun alles m\u00f6gliche ist, aber eben kein \u201elanger\u201c Drink. Und dennoch: Wer die Passage im Deutschen liest (das Original liegt mir leider nicht vor), der ahnt, dass Chandler genau das meinte: einen langen Drink nehmen, sich Zeit lassen dabei, Zeit zum \u00dcberlegen finden. Wollschl\u00e4ger hat also \u201erichtig\u201c \u00fcbersetzt, indem er die Wortbedeutung zugunsten der poetischen missachtete. Um das tun zu k\u00f6nnen, muss jemand einen Text vollst\u00e4ndig durchdringen, muss ihn verstehen, muss an die Stelle des Autors r\u00fccken. Das sollte man nicht nur k\u00f6nnen, das bedarf auch der Vorbereitung, der Einarbeitung. Die nat\u00fcrlich ebenfalls nicht bezahlt wird und in den paar l\u00e4ppischen Euro pro Seite schon enthalten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbersetzen ist also eine literarische T\u00e4tigkeit. Der Teufel fl\u00fcstert mir nun ein: eben. Literarische T\u00e4tigkeiten werden halt mies entlohnt, die meisten Schreibenden schauen sehnsuchtsvoll zu den Beziehern von Festgeh\u00e4ltern in der Literaturbranche, wohl wissend, dass sie schon einen \u201eKn\u00fcller\u201c fabrizieren m\u00fcssten, um von ihrer Arbeit einigerma\u00dfen ausk\u00f6mmlich leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die werte Leserschaft des Krimigenres interessiert sich in aller Regel weder f\u00fcr die Einkommensverh\u00e4ltnisse von AutorInnen und \u00dcbersetzerInnen noch f\u00fcr die literarische Qualit\u00e4t eines Textes und seiner \u00dcbersetzung. Es ist ihnen egal, sie k\u00f6nnen es auch gar nicht, denn Sprache ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln, sie sind zufrieden, wenn es g\u00e4nseh\u00e4utelt und das Opfer nicht nur get\u00f6tet, sondern bei lebendigem Leibe geh\u00e4utet wird. Wer sich auf einschl\u00e4gigen Seiten kundig macht und einen Blick auf die \u201eLeserrezensionen\u201c wirft (die manchmal als \u201eRezessionen\u201c angepriesen werden), der ahnt, warum es ein aussichtsloses Unterfangen bleiben muss, de facto Halbanalphabeten etwas \u00fcber gute und schlechte Literatur erz\u00e4hlen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch selbst dort, wo der \u00dcbersetzer einen misslungenen Originaltext vor sich hat, kann er \u2013 und sei es auch nur f\u00fcr die Berufsehre \u2013 daf\u00fcr sorgen, dass seine \u00dcbertragung ins Deutsche einigerma\u00dfen lesbar wird. Dass es selbst daran manchmal hapiert und \u00dcbersetzungen wie Produkte aus wackligen Eindeutschungsklitschen in die Welt kommen, sei nicht verschwiegen und hat auch meistens nichts mit der Bezahlung zu tun. Dennoch: Wer sich dar\u00fcber aufregt, dass er f\u00fcr ein Buch 12 Euro zu zahlen hat, wo doch &#8222;vergleichbare&#8220; andernorts f\u00fcr 9 zu haben sind, sollte sich fragen, ob denn nicht ein Bruchteil des Mehrpreises an den \u00dcbersetzer geflossen ist. Ich jedenfalls w\u00fcnsche mir statt der Aufkleber &#8222;Bestseller&#8220; oder &#8222;Von dpr gelobt!&#8220; einen Aufkleber &#8222;Der \u00dcbersetzer, die \u00dcbersetzerin dieses Buches wurde besser bezahlt als \u00fcblich&#8220;. Naja, muss kein Aufkleber sein. Schreibt es klein auf den R\u00fcckumschlag.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e\u00dcbersetzer achten lernen\u201c, fordert \u201eKrimileser\u201c und Kollege \u2192Bernd. Hei\u00dft nicht zuletzt: Bezahlt sie endlich besser! 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