{"id":20870,"date":"2007-12-20T08:22:53","date_gmt":"2007-12-20T08:22:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/erik-larson-marconis-magische-maschine\/"},"modified":"2022-06-10T00:00:34","modified_gmt":"2022-06-09T22:00:34","slug":"erik-larson-marconis-magische-maschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/erik-larson-marconis-magische-maschine\/","title":{"rendered":"Erik Larson: Marconis magische Maschine"},"content":{"rendered":"\n<p>Wahrscheinlich w\u00e4re der \u201eFall Crippen\u201c bei aller Bizarrheit heute l\u00e4ngst vergessen, h\u00e4tte ihn nicht ein Detail in die zweifelhafte Ruhmeshalle der gro\u00dfen Verbrechen bef\u00f6rdert. Ein von seiner Ehefrau geknechteter, dazu mit einer jungen Geliebten gesegneter Mann greift zum letzten Mittel. Er t\u00f6tet seine Frau, beint sie aus, h\u00e4utet sie, vergr\u00e4bt die Innereien und entsorgt den Rest auf bis heute mysteri\u00f6se Weise. Bizarr, sagte ich doch. Dann fl\u00fcchtet er \u2013 die Polizei ist ihm nicht einmal wirklich auf den Fersen \u2013 mit der Geliebten, die als Junge verkleidet ist, nach Rotterdam. Die beiden besteigen dort ein Schiff, die SS Montrose, nach Kanada, wo sie in Sicherheit sein und ein neues Leben beginnen werden. Alles geht gut&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Korrigiere: Alles w\u00e4re gut gegangen, h\u00e4tte nicht Jahre zuvor ein junger Italiener namens Guglielmo Marconi damit begonnen, sich mit der drahtlosen Kommunikation zu besch\u00e4ftigen. Die von ihm entwickelte und zum Zeitpunkt des Crippenfalles 1910 schon praktisch erprobte Funktechnik ist es, die den fl\u00fcchtigen M\u00f6rder seinem Schicksal nicht entkommen l\u00e4sst. Crippen wird an Bord der Montrose erkannt, der Kapit\u00e4n funkt nach London, wo sich sogleich ein Beamter von Scotland Yard an Bord eines schnelleren Schiffes auf den Weg macht und den schockierten M\u00f6rder in Empfang nimmt. Und die ganze Welt verfolgt das Spektakel \u201elive\u201c mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Erik Larsons Buch erz\u00e4hlt die Geschichten der beiden Protagonisten Marconi und Crippen. Kein Krimi, \u00fcberhaupt kein Roman, aber spannend wie die gelungenen Vertreter des Genres. Wir werden Zeugen des ersten medialen Kriminalfalles, der \u201ein Echtzeit\u201c \u00fcber die B\u00fchne geht, von der Hauptperson Crippen unbemerkt, true crime als Inszenierung und \u201eEvent\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Larson gelingt in seinem genauen, dabei aber des \u00f6fteren putziger historischer Details wegen witzigen Bericht noch mehr. Er f\u00fchrt uns zwei eigentlich grundverschiedene M\u00e4nner vor, die doch vieles gemeinsam haben. Der junge Marconi, Spross einer reichen Familie (seine Mutter entstammt der englischen Jameson-Dynastie), kommt mit seiner noch unausgereiften Erfindung nach London und setzt sich gegen allerlei Widerst\u00e4nde letztlich durch. Ein manischer Arbeiter, privat eher indifferent, ja asozial, als Physiker nicht einmal durchschnittlich, alles was er erreicht, erreicht er durch Experimente und Intuition (den Physiknobelpreis bekommt er dennoch). Crippen, der amerikanische Arzt, der ebenfalls nach London kommt, um sein Gl\u00fcck zu machen, sich als Vertreter f\u00fcr obskure Arzneien durchschl\u00e4gt, ein schm\u00e4chtiger, freundlicher Mann, dessen bessere H\u00e4lfte als l\u00e4rmende Walk\u00fcre von geradezu anobellesker* Dominanz auftritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide sind, obwohl Naturwissenschaftler, Instinktmenschen. Marconi mit einem zwar klar umrissenen, doch eigentlich blindlings angesteuerten Ziel, Crippen vom Schicksal dazu verdammt, in einer schier ausweglosen Lage ebenso blindlings nach der T\u00fcr in die Freiheit zu suchen. Die Lebenswege der M\u00e4nner kreuzen sich nicht; und dennoch bestimmt der eine das Leben des anderen, gelingt Marconi mit dem Fall Crippen der endg\u00fcltige Durchbruch, w\u00e4hrend Crippen durch die Obsessionen eines jungen Italieners am Galgen endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist, wie gesagt, sehr sch\u00f6n und schl\u00fcssig erz\u00e4hlt. Ein Buch \u00fcber die Vermengung von True Crime und medialer Inszenierung, die zwar nicht \u201eneu\u201c zu nennen ist, im Fall des Dr. Crippen jedoch erstmals in ihrer heutigen Auspr\u00e4gung zu besichtigen. Spannend.<\/p>\n\n\n\n<p><em>anobellesk: \u00fcberragend, gigantisch, einzigartig (siehe auch \u2192gargantuesk \u2192kafkaesk). Der Autor dieser Wortsch\u00f6pfung schenkt sie hiermit Fr\u00e4ulein Anobella zu Weihnachten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Erik Larson: <br \/>Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein M\u00f6rder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation. Scherz 2007. 448 Seiten. 19,90 \u20ac<br \/>(Original: \u201eThunderstruck\u201c, 2006, deutsch von Gabriele Herbst)<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlich w\u00e4re der \u201eFall Crippen\u201c bei aller Bizarrheit heute l\u00e4ngst vergessen, h\u00e4tte ihn nicht ein Detail in die zweifelhafte Ruhmeshalle der gro\u00dfen Verbrechen bef\u00f6rdert. Ein von seiner Ehefrau geknechteter, dazu mit einer jungen Geliebten gesegneter Mann greift zum letzten Mittel. Er t\u00f6tet seine Frau, beint sie aus, h\u00e4utet sie, vergr\u00e4bt die Innereien und entsorgt den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-20870","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20870","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20870"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20870\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20870"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20870"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20870"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}