{"id":20874,"date":"2007-12-27T07:43:09","date_gmt":"2007-12-27T07:43:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/gilbert-adair-ein-stilvoller-mord-in-elstree\/"},"modified":"2022-06-09T23:59:02","modified_gmt":"2022-06-09T21:59:02","slug":"gilbert-adair-ein-stilvoller-mord-in-elstree","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2007\/12\/gilbert-adair-ein-stilvoller-mord-in-elstree\/","title":{"rendered":"Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree"},"content":{"rendered":"\n<p>Ja, liebe Leserschaft, das hier ist endlich mal MEHR als ein Krimi. Schon dass ich bei der Lekt\u00fcre st\u00e4ndig diese Charleston-Kl\u00e4nge im Ohr hatte und mond\u00e4ne Damen in engen Tanzkleidern und mit Strau\u00dfenfedern an den Topfh\u00fcten sah \u2013 v\u00f6llig anachronistisch, nebenbei, denn Gilbert Adairs stilvoller Mord findet im London der unmittelbaren Nachkriegszeit statt. Das Beste jedoch: Beim Lesen h\u00e4tte ich ohne M\u00fche drei Paar Socken und einen Schal h\u00e4keln k\u00f6nnen. Okay; der Rezensent kann nicht h\u00e4keln. Aber wir verstehn uns: H\u00e4-kel-kri-mi. So, und kommt jetzt der gro\u00dfe Abrat? Blo\u00df nicht lesen, diesen Schmand? Ganz im Gegenteil! Lesen!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es beginnt damit, dass Eustace Trubshawe, der pensionierte Scotland Yardler, rein zuf\u00e4llig im Ritz seinen Tee trinken will und der Krimiautorin Evadne Mount wiederbegegnet, mit der er vor zehn Jahren bekanntlich den \u201eMord auf ffolkes Manor\u201c gekl\u00e4rt hat, wir erinnern uns. Beide sind einsam. Da kommt es gelegen, dass Cora Rutherford, Schauspielerin auf dem absteigenden Ast und Freundin Evadnes, das gelangweilte P\u00e4rchen zu den Dreharbeiten f\u00fcr ihrem neuesten Film (okay, sie spielt nur eine Nebenrolle) \u201eWenn sie je meine Leiche finden\u201c einl\u00e4dt. Doch diese Dreharbeiten stehen unter keinem guten Stern. Der Regisseur Alastair Farjeon verbrennt zusammen mit einem Starlett in seinem Haus, der Assistent des Meisters \u00fcbernimmt kurzfristig die Leitung (Farjeon ist \u00fcbrigens Alfred Hitchcook; ein liebesw\u00fcrdig hinterh\u00e4ltiges Portr\u00e4t). Und dann das noch: Vor versammelter Mannschaft und laufender Kamera f\u00e4llt Cora Rutherford tot um. Gift! Ein Fall f\u00fcr Evadne und Eustace, von Langeweile keine Spur mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht alles seinen H\u00e4kelgang. Eine \u00fcberschaubare Gruppe von Verd\u00e4chtigen, Verh\u00f6re, Hypothesen. Eustace \u00fcbernimmt die Rolle des Praktikers, der am Ende nat\u00fcrlich falschliegt, denn Evadne kl\u00e4rt das Verbrechen, so wie es die Helden in ihren Krimis tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Punkt. Von Anfang an treibt Adair ein munteres Spielchen mit uns. Er dekonstruiert den \u201eH\u00e4kelkrimi\u201c, indem er einen H\u00e4kelkrimi konstruiert. Immer wieder unterhalten sich Trubshawe und Mount \u00fcber \u201eTheoretisches\u201c, und das hat es in sich.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWissen Sie, meine Theorie ist, da\u00df die Spannung, die wirkliche Spannung, der wirkliche Kitzel bei einem Kriminalroman \u2013 genauer gesagt, auf den letzten paar Seiten eines Kriminalromans \u2013 weniger mit der Enth\u00fcllung etwa der Identit\u00e4t des M\u00f6rders zu tun hat oder mit der Kl\u00e4rung seiner Motive oder mit sonst etwas, das die Autorin ausgeheckt hat, sondern mit der wachsenden Bef\u00fcrchtung des Lesers, da\u00df sich das Ende nach all der Zeit und M\u00fche, die er in das Buch investiert hat, wieder einmal als Reinfall herausstellt. Mit anderen Worten, was die die Spannung erzeugt, von der Sie sprechen, ist nicht etwa die Angst des Lesers, da\u00df der Detektiv versagen k\u00f6nnte \u2013 er wei\u00df, das passiert nie -, sondern da\u00df der Autor versagt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Um Ihnen diese Spannung gleich zu nehmen: Der Autor versagt nicht. Welches Spiel er spielt \u2013 das n\u00e4mlich von der Fiktion in der Fiktion von der Wirklichkeit \u2013 wird gleich zu Anfang deutlich. Evadne hat f\u00fcr eine Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltung ein kurzes Theaterst\u00fcck geschrieben. Jemand wird auf offener B\u00fchne erschossen und so weiter. Evadne, die mit Eustace der Auff\u00fchrung beiwohnt, springt pl\u00f6tzlich auf und rennt erregt auf die B\u00fchne. Der Schauspieler ist wirklich tot! Keine Platzpatronen!<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist er nicht wirklich tot, Evadnes Auftritt geh\u00f6rte zur Inszenierung. Und genau so funktioniert Adairs Roman. Am Ende verspricht die Autorin, den soeben gl\u00fccklich gel\u00f6sten Fall aufzuschreiben \u2013 aber was lesen wir eigentlich, wenn nicht genau dieses Buch? Zu dessen Fiktion es eben geh\u00f6rt, dass man uns das Fiktive als Wirklichkeit vormacht und die Wirklichkeit als Fiktion verkauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessiert Sie alles nicht? Sie wollen ungest\u00f6rt h\u00e4keln? Tun Sie das. Auch diese Kunst beherrscht Adair stilvoll.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree. <br \/>Verlag C.H. Beck 2007. 301 Seiten, 18,90 \u20ac<br \/>(Original: A Mysterious Affair of Style, 2007, deutsch von Jochen Schimmang)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, liebe Leserschaft, das hier ist endlich mal MEHR als ein Krimi. 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