{"id":20877,"date":"2008-01-02T08:27:02","date_gmt":"2008-01-02T08:27:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/historisches-aus-der-zukunft\/"},"modified":"2022-06-09T11:19:57","modified_gmt":"2022-06-09T09:19:57","slug":"historisches-aus-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/historisches-aus-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Historisches aus der Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Von der R\u00f6mer- bis in die Nach-Nazizeit: Dass auch 2008 der sogenannte \u201ehistorische Krimi\u201c boomen wird, geh\u00f6rt zu den narrensichersten Prognosen f\u00fcr das noch junge Jahr. Was ist das aber, dieses \u201ehistorisch\u201c? Eine vergangene, Geschichte gewordene Zeit, der sich Autorin \/ Autor aus der durch Faktenlage abgesicherten Position gn\u00e4digen Sp\u00e4tgeborenseins annimmt. Mit den bekannten fatalen Folgen. Eine Epoche besteht nicht nur aus dem, was die Archive davon bewahrt haben, sie verlangt eine gewisse Empathie, also die F\u00e4higkeit der Schreiber, sich in die Gedankeng\u00e4nge des handelnden Personals hinein zu versetzen. Und, ganz wichtig: Das Schreiben \u201ehistorischer Krimis\u201c ist ohne schriftstellerische Kompetenz ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Aber das ist ein allgemeines Ph\u00e4nomen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Betrachten wir uns das Wort \u201ehistorisch\u201c etwas genauer. Es besagt einfach nur, sich einer Zeit zu widmen, die \u201egeschichtlich\u201c geworden ist, oder noch pr\u00e4ziser: zeitgeschichtlich. Sie ist vergangen, sie ist von Historikern mehr oder weniger \u201eaufgearbeitet\u201c worden, mithin Material. Letzteres ist nur deshalb von Bedeutung, weil ohne dieses Material kein vern\u00fcnftiger Mensch sich an das Verfassen von, sagen wir, \u201eR\u00f6merkrimis\u201c machen w\u00fcrde. Ignorieren wir das also, bleibt von \u201ehistorisch\u201c nichts weiter \u00fcbrig als das Zeitgeschichtliche. So betrachtet, ist jeder Kriminalroman, der sich mit gesellschaftlichen und\/oder politischen Wirklichkeiten besch\u00e4ftigt, historisch.<\/p>\n\n\n\n<p>1956 ver\u00f6ffentlichte Arno Schmidt \u201eDas Steinerne Herz\u201c, von dem es im Untertitel hei\u00dft, es sei ein \u201ehistorischer Roman aus dem Jahr 1954\u201c. Die Differenz von zwei Jahren erkl\u00e4rt sich schlicht aus dem Umstand, dass Schmidt zun\u00e4chst keinen Verleger f\u00fcr sein Werk hatte finden k\u00f6nnen, es also m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, diesen Roman \u00dcBER das Jahr 1954 bereits 1954 ver\u00f6ffentlicht zu sehen. Es ist, unter anderem!, ein Roman \u00fcber das \u201eZeitgeschichtliche\u201c, durchaus mit Elementen des Krimis angereichert (und es w\u00e4re eine Untersuchung wert, welche Rolle die Auguste-Dupin-Erz\u00e4hlungen Edgar Poes dabei spielen), aber nat\u00fcrlich weder \u201eKrimi\u201c noch mehr als das. Der Autor jedenfalls braucht nicht in Archive hinab zu steigen, um \u00fcber das \u201ehistorische Jahr 1954\u201c zu recherchieren. Er wei\u00df, wovon er spricht, er braucht nur zu schauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch 2007 erschien eine Reihe \u201ehistorischer Krimis\u201c, deren Urheber aus eigenem Erleben sch\u00f6pfen konnten und allenfalls zur Absicherung von Erinnertem Archive frequentieren mussten. Nennen wir zwei aus der Pfalz, Peter Birons \u201eBella Marie\u201c und Lilo Beils \u201eGottes M\u00fchlen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Birons Buch ist recht eigentlich kein Roman, sondern der als Roman notverkleidete Bericht \u00fcber einen aufsehenerregenden \u201eauthentischen\u201c Mordfall im Speyer der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ein Mann, von Beruf \u201eKastrierer\u201c, erschl\u00e4gt seine leichtlebige Frau. Lilo Beils \u201eGottes M\u00fchlen\u201c mahlen im Jahr 1957 in der S\u00fcdpfalz, es geht um den Mord an einem kleinen M\u00e4dchen. Beide Texte bem\u00fchen sich nat\u00fcrlich, so viel \u201eZeitgeschichte\u201c wie m\u00f6glich zu transportieren, und auf den ersten Blick m\u00f6gen die Sterne gut stehen, denn Autor \/ Autorin haben das, was sie da beschreiben, selbst erlebt, sie waren Kinder und konnten jenes Zeitkolorit bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass beide Texte indes scheitern, hat den simpelsten und am weitesten verbreiteten Grund: schriftstellerisches Unverm\u00f6gen. Biron zimmert ein tann\u00f6des Romankonstrukt, das beim geringsten kritischen Gegenwind in sich zusammenf\u00e4llt; Beil, obwohl sie deutlich besser schreiben kann, verkleistert ihren Roman mit reichlich Dozier- und Belehrmasse, vertraut dem, was sie zeigen soll, keinen Zentimeter weit und ist \u2013 als Lehrerin! \u2013 ganz offenbar bestrebt, \u201eStoff\u201c zu vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin: Der R\u00fcckgriff aus das sich mit der eigenen Biografie \u00fcberschneidende \u201eHistorische\u201c ist EIN Weg, den hohen Anspr\u00fcchen des historischen Kriminalromans gerecht zu werden. Man muss nur schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Halten wir fest: Auch die unmittelbare Gegenwart respektive die Vergangenheit, die einst unmittelbare Gegenwart des Autors, der Autorin war, kann den Zeitrahmen \u201ehistorischer Kriminalromane\u201c abstecken. Gehen wir jetzt einen Schritt weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>2007 ver\u00f6ffentlichte Richard A. Clarke mit \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/11\/richard-a-clarke-the-scorpions-gate.php\">\u201eScorpion\u2019s Gate\u201c<\/a> einen Kriminalroman aus der nahen Zukunft. Formal nicht zu beanstanden. Der Autor stellt sich quasi ein wenig au\u00dferhalb der Aktualit\u00e4t, die er dann kritisch betrachtet und logisch weiterschreibt. Dass auch Clarke scheitert, liegt, man ahnt es bereits, ebenfalls an seinen sehr begrenzten kriminalschriftstellerischen M\u00f6glichkeiten. Doch die IDEE ist gut, sie hat \u2013 im Wortsinn \u2013 Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vorhaben eines, sagen wir, \u201ehistorischen Krimis aus dem Jahr 2039\u201c w\u00fcrde die reizvolle Konstellation eines Romans \u00fcber die Genregrenzen hinaus ergeben, die Verschwisterung von Krimi und Science Fiction. Das w\u00e4re nicht neu, m\u00fcsste aber durchaus neu \u00fcberdacht werden. Auf jeden Fall w\u00e4re die Basis des Historischen gewahrt, das Ganze eine Variation, eine Synthese gar von \u201eunmittelbarer Gegenwart\u201c und Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, besagter Gegenwart n\u00e4mlich. Oder anders: Ein Kriminalroman aus der Gegenwart mit den Mitteln der distanzierten Analyse verfertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das hat wiederum seine T\u00fccken. Wer die Gegenwart als \u201ehistorisch\u201c behandelt, muss den Standort des Autors stets im Auge behandeln. So wie ein \u201eR\u00f6merkrimi\u201c immer eine Menge \u00fcber die historische Zeit erz\u00e4hlt, der Verfasserin \/ Verfasser angeh\u00f6rt (schlechtesten Falls, weil er \/ sie Denk- und Handlungsweisen der Gegenwart unbek\u00fcmmert \u00fcber die Vergangenheit st\u00fclpt; bestenfalls, weil er \/ sie genau das bezweckt und aus dem \u201eR\u00f6merkrimi\u201c einen \u201eGegenwartskrimi\u201c macht), darf auch ein Zukunftskrimi den fiktiven historischen Standort \u2013 hier: das Jahr 2039 \u2013 nicht au\u00dfer acht lassen. Die Zukunft als logische Fortschreibung der Gegenwart erforderte von Autorin \/ Autor intellektuelle Mobilit\u00e4t. Sie \/ er schreibt alternierend von zwei Positionen aus: Gegenwart und Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gut, gehen wir an dieser Stelle nicht weiter in die Details. Sondern belassen es bei der Feststellung, dass ein \u201ehistorischer Kriminalroman aus dem Jahr 2039\u201c ebenso wenig ein Widerspruch in sich sein m\u00fcsste wie ein \u201ehistorischer Kriminalroman aus dem Hier und Jetzt\u201c. Im Gegensatz zur handels\u00fcblichen Variante \u2013 Stichwort, noch einmal: \u201eR\u00f6merkrimi\u201c \u2013 s\u00e4he er sich allerdings mit einem gewaltigen Hindernis konfrontiert: der nur begrenzten, wenn denn \u00fcberhaupt vorhandenen Kompetenz derjenigen, die dar\u00fcber entscheiden, ob ein solcher historischer Kriminalroman aus der Zukunft ver\u00f6ffentlicht wird oder nicht. Krimi? Aber immer! Das verkauft sich! Science Fiction? Hilfe! Das liegt wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen, wenn es dort \u00fcberhaupt noch liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df aus eigener Erfahrung, dass es heutzutage beinahe unm\u00f6glich ist, einen solchen genre\u00fcbergreifenden Roman unterzubringen, selbst dann nicht, wenn es sich recht eigentlich nicht um \u201eScience Fiction\u201c handelt, sondern nur die Erz\u00e4hlzeit in die Zukunft verlegt werden musste, um ein bestimmtes Setting zu erreichen. Als Optimist jedoch vertraue ich auf die zwar langsame, doch irgendwann zu konstatierende Ver\u00e4nderung dieser Situation. Vielleicht schon n\u00e4chstes Jahr? Hm. Auf jeden Fall wird es Zeit, endlich mit dem \u201ehistorischen Kriminalroman aus dem Jahr 2039\u201c zu beginnen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der R\u00f6mer- bis in die Nach-Nazizeit: Dass auch 2008 der sogenannte \u201ehistorische Krimi\u201c boomen wird, geh\u00f6rt zu den narrensichersten Prognosen f\u00fcr das noch junge Jahr. Was ist das aber, dieses \u201ehistorisch\u201c? Eine vergangene, Geschichte gewordene Zeit, der sich Autorin \/ Autor aus der durch Faktenlage abgesicherten Position gn\u00e4digen Sp\u00e4tgeborenseins annimmt. 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