{"id":20879,"date":"2008-01-04T08:54:46","date_gmt":"2008-01-04T08:54:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/r-scott-reiss-black-monday\/"},"modified":"2022-06-06T20:44:21","modified_gmt":"2022-06-06T18:44:21","slug":"r-scott-reiss-black-monday","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/r-scott-reiss-black-monday\/","title":{"rendered":"R. Scott Reiss: Black Monday"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein weiterer schlechter Roman. Ein weiteres Buch, das man eigentlich links liegen lassen k\u00f6nnte, ohne ihm einen Hauch Beachtung zu schenken. Aber es wird angek\u00fcndigt als \u201eprophezeibarer Erfolg\u201c, als neuer \u201ePowerseller\u201c, bekommt einen \u201eVOX Krimi Tipp\u201c-Aufkleber (den man eher als Warnung betrachten darf) und wird vehement beworben. Mag sein, das Ullstein den richtigen Riecher hat, eher noch, dass dieses schrottige Teil jede Werbung gebrauchen kann, um verkauft werden zu k\u00f6nnen. Sollte es aber tats\u00e4chlich ein Bestseller werden, bek\u00e4me der Begriff \u201eSchwarzer Montag\u201c eine ganz neue Dimension. Was verdunkelt denn nun Reiss\u2019 Wochenbeginn?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nichts anderes, als der Zusammenbruch der Welt, wie wir sie kennen. Flugzeuge st\u00fcrzen ab, Maschinen bleiben stehen, die gesamte Energieversorgung der (westlichen) Hemisph\u00e4re h\u00f6rt von einem Tag auf den anderen auf zu existieren. Woran liegt\u2019s? Sind \u00d6koterroristen unterwegs, pinkeln Al-Qaida &#8211; Anh\u00e4nger in die Pipelines? Nichts von alledem, ein b\u00f6ser Geist und seine Handlanger haben Nanobakterien in Umlauf gebracht, die \u00d6l unbrauchbar machen. Das \u00e4u\u00dferst resistente Bakterium \u00fcbersteht sogar jeden Raffinierungsprozess heil und vernichtet so auch die Endprodukte Benzin, Kerosin usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Was folgt daraus? Chaos, Unordnung, Zusammenbruch. Ein ideales Feld f\u00fcr eine Dystopie, eine Zivilisationssatire oder einen b\u00f6sen Thriller. Doch was macht Reiss daraus? Eine gef\u00fchlsduselige Kolportage mit oberfl\u00e4chlichen Spannungselementen, schlampig arrangiert und verfasst. Irgendwo scheint es einen Bastelkasten zu geben, der die Vorgaben f\u00fcr diese Art von \u201eThrillern\u201c liefert. Was ben\u00f6tigen wir:<\/p>\n\n\n\n<p>Einen untadeligen Helden, Familienmensch mit leicht dunkler Vergangenheit, die aber keine Auswirkung auf sein Verhalten in Katastrophenzeiten hat. Nein, der heilige Gil Gerard zieht aus, den Drachen zu t\u00f6ten. Und er tut es. Allen Widrigkeiten zum Trotz.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen unf\u00e4higen Vorgesetzten. Der nat\u00fcrlich dem Instinkt des Helden nicht traut. So was gibt\u2019s. Aber Reiss traut seinerseits der Figur so wenig, dass er sie zur H\u00e4lfte des Buches einfach fallen l\u00e4sst. Ward nicht mehr gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen schier unbesiegbaren Killer auf der Spur des Helden. Diesmal ein selten debiles Exemplar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie des Helden. Toll, einfach toll, Klassefrau, adoptierte Kinder, die r\u00fchrend besorgt um ihre Umwelt sind. Und so d\u00e4mlich, dass sie w\u00e4hrend der Apokalypse noch Zeit und Mu\u00dfe f\u00fcr einen Zoobesuch haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die freundliche Nachbarschaft: Vom Barbecue zur B\u00fcrgerwehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unfreundliche Nachbarschaft: Ein Wohnblock voller White &#8211; Trash &#8211; Angeh\u00f6riger, deren stumpfer Darwinismus sich von den \u00dcberlebensstrategien unserer Sauberm\u00e4nner und Frauen gewaltig unterscheidet. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie nat\u00fcrlich bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Human Interest: Colonel Novak. Girls in Uniform. Aber der Held bleibt standhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so geht\u2019s weiter, stapelt sich \u00fcbles Klischee \u00fcber \u00fcbles Klischee. Doch machen wir\u2019s kurz: Black Monday tr\u00e4gt unverhohlen faschistoide Z\u00fcge zur Schau. Zwar gibt er sich liberal antirassistisch (immerhin sind Gerards Adoptivkinder dunkelh\u00e4utig), aber die Intention ist eindeutig vorhanden: da gibt es den sauberen Mittelstand, der, mit dem richtigen F\u00fchrer vorangehend, die Flagge der Freiheit wacker vor sich hertr\u00e4gt, w\u00e4hrend die zerlumpten Feinde an ihrer eigenen Amoralit\u00e4t krepieren. Alles, was schwach ist, wird ausgemerzt (die alkoholabh\u00e4ngige Galeristin, eigentlich zur \u201esauberen\u201c Fraktion geh\u00f6rend, wird in ihrer Sucht zur Verr\u00e4terin und daf\u00fcr nat\u00fcrlich herbe bestraft), der missbrauchte und b\u00f6sartige Killer ist ein schwuler T.E &#8211; Lawrence Fan; der d\u00fcmmliche Abschaum darf bei einer schlecht gef\u00fchrten Attacke \u00fcber die Klinge springen. Hinter allem ein degenerierter Drahtzieher (der gegen Ende aus dem Hut gezaubert wird), dessen Motivation nie so ganz offensichtlich wird; vermutlich will er die St\u00e4rke des \u201ealten\u201c Westens gegen\u00fcber den USA wieder herstellen. Aber dem zeigen\u2019s unsere aufrechten Streiter f\u00fcr den amerikanischen Traum. Am Ende hei\u00dft es: \u201eEr hat das Biest vernichtet und ist nach Hause zur\u00fcckgekehrt.\u201c DAS ist tats\u00e4chlich die Essenz eines unglaublich j\u00e4mmerlichen Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es nur an wenigen Stellen spannend ist, braucht kaum betont zu werden. Einzelne Szenen im Schneetreiben sind ganz ordentlich gelungen, werden aber durch l\u00e4cherliche Aufl\u00f6sungen gleich wieder torpediert. Die globale Katastrophe reduziert auf eine uramerikanische Variante des Familienduells.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer mir verraten kann, wo Teddie Dubbs abgeblieben ist, darf sich einen Schokopudding frei Haus liefern lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer schlechter Roman. Ein weiteres Buch, das man getrost links liegen lassen kann. Mal sehen, ob das Power-Marketing diese mentale Durststrecke in die Verkaufstr\u00e4chtigkeit pushen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">R. Scott Reiss: Black Monday. <br \/>Ullstein 2008 (Original: \u201cBlack Monday\u201d, 2007). <br \/>400 Seiten. 8,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiterer schlechter Roman. Ein weiteres Buch, das man eigentlich links liegen lassen k\u00f6nnte, ohne ihm einen Hauch Beachtung zu schenken. 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