{"id":20884,"date":"2008-01-10T05:10:30","date_gmt":"2008-01-10T05:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/matthew-pearl-die-stunde-des-raben\/"},"modified":"2022-06-15T21:10:36","modified_gmt":"2022-06-15T19:10:36","slug":"matthew-pearl-die-stunde-des-raben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/matthew-pearl-die-stunde-des-raben\/","title":{"rendered":"Matthew Pearl: Die Stunde des Raben"},"content":{"rendered":"\n<p>Man erfindet nicht ungestraft den \u201eKrimi\u201c und stirbt dann auch noch unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden. Das r\u00e4cht sich in der grenzenlosen Phantasie der Nachgeborenen, die, ganz im Stil Auguste Dupins, des ersten Detektivs der Weltliteratur, so manche Theorie zusammenschustern und manchmal gar auf die Idee kommen, Romane zu schreiben. Edgar Poe als fiktive Figur. Louis Bayards \u201eThe Pale Blue Eye\u201d zeigte j\u00fcngst den Kadetten Poe als kriminalistisch Hochbegabten, zuvor durfte Poe als Zehnj\u00e4hriger in Andrew Taylors \u201eDer Schlaf der Toten\u201c durchs Genre geistern. Und jetzt geht Matthew Pearl ans Eingemachte. Sein \u201eDie Stunde des Raben\u201c ist nichts weniger als der Versuch, Licht ins Dunkel von Poes Ableben zu bringen.<br \/>Quentin Clark ist ein junger, aufstrebender Anwalt in Baltimore, zugleich Verehrer des Poeschen Werks. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig wird er Zeuge einer Beerdigung und erf\u00e4hrt kurz darauf, wen man da zu Grabe getragen hat: seinen Abgott himself. Clark ist au\u00dfer sich. Man diffamiert sein Idol, totgesoffen habe sich der gute Mann, ein heruntergekommener Schmierenliterat eben, Schwamm dr\u00fcber. Immer obszessiver wird Clarks Verlangen, Poe zu rehabilitieren und \u201edie Wahrheit\u201c herauszufinden. Alles will er daf\u00fcr opfern: die berufliche Karriere, das sich anbahnende Liebesgl\u00fcck an der Seite eines h\u00fcbschen M\u00e4dchens aus gutem Hause, seine Ehre. Schlie\u00dflich verf\u00e4llt er auf eine wahnwitzige Idee: Hat Poe denn seinen Auguste Dupin nicht nach einem realen Vorbild modelliert? Und wer k\u00f6nnte den Fall kl\u00e4ren, wenn nicht dieser Prototyp? Clark f\u00e4hrt umgehend nach Paris und begibt sich auf die Suche nach dem Ur-Dupin. Sein Pech: Er findet gleich zwei\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Stunde des Raben\u201c beginnt mit einer kaum zu befriedigenden Lesererwartung, der n\u00e4mlich, der Plot ziele tats\u00e4chlich darauf, die Todesumst\u00e4nde Poes klar zu benennen. Das w\u00e4re schiefgegangen und also hat es Pearl gar nicht erst versucht. Denn bis heute stehen sich zwei, drei Versionen ohne die Chance einer Verifizierung gegen\u00fcber. Entweder ist Poe tats\u00e4chlich an Alkoholvergiftung gestorben oder er wurde das Opfer sogenannter \u201eWahlm\u00e4nner\u201c, die ihn misshandelten und zur mehrfachen Stimmabgabe zwangen. Eine dritte Version sei am Rande erw\u00e4hnt: Poe starb an Tollwut, die er sich beim Kontakt mit einer Katze zugezogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also k\u00f6nnte uns Pearl bieten, au\u00dfer einer weiteren auf Thrill geb\u00fcrsteten Schauergeschichte? Die Story beginnt wenig vielversprechend. Clark ist ein nerv\u00f6ser Charakter, offensichtlich zwischen der prosaischen Wirklichkeit und der flirrenden Gedankenwelt hin und her gerissen. Damit soll eine Art Poe\u2019sches Seelenambiente geschaffen werden, es ist jedoch ein wenig zu durchsichtig inszeniert. Aber nach und nach bekommt Pearl seinen Stoff in den Griff. Clarks Suche nach der Wahrheit konzentriert sich weniger auf diese Wahrheit selbst, sondern schiebt den Wettbewerb der beiden Dupin-Anw\u00e4rter in den Mittelpunkt. Introvertierte Deduktion versus extrovertierter Aktionismus. Daraus entwickelt sich schnell eine turbulente Handlung mit allen Ingredienzien von Kriminalliteratur. Ventiliert wird nicht mehr die urspr\u00fcngliche Frage des \u201eWie starb Poe?\u201c, sondern ein krimitypisches \u201eWer macht da was aus welchem Grund?\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Analyse des Poeschen Werks steht nicht zu erwarten. Was historisch verb\u00fcrgt ist, verkn\u00fcpft Pearl geschickt mit seiner Fiktion. Man nennt solche Romane auch \u201eprall\u201c; sie vertrauen auf die Kraft des Narrativen, m\u00f6chten gut unterhalten, Atmosph\u00e4re vermitteln, interessante Charaktere und Situationen erschaffen. Das gelingt Pearl wenigstens teilweise. Ein Manko bleibt bis zum Schluss die Figur seines Protagonisten Clark. Er ist eben nicht nur nerv\u00f6s, er nervt auch mit seiner Exaltiertheit und Naivit\u00e4t. An manchen Stellen hat man zudem den Verdacht, Pearl versuche ernsthaft, in Konkurrenz zu den gro\u00dfen Autoren der \u201eprallen Romane\u201c zu treten, zu Charles Dickens etwa. Was scheitern muss und auch scheitert. Bei Pearl wirkt das alles ein wenig zu pittoresk, zu gewollt. Also kein gro\u00dfer Wurf, allenfalls guter Erz\u00e4hldurchschnitt f\u00fcr behaglich-oberfl\u00e4chliche Lekt\u00fcrestunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eigentliche Frage, wie denn nun Poe ums Leben gekommen ist, beantwortet Pearl wenig spektakul\u00e4r. Er h\u00e4lt sich auch hier an die Fakten und entwickelt seine Version streng nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des Poeschen Detektivs. Das ist angemessen. Wer allerdings wissen m\u00f6chte, wie Poe GELEBT hat und warum er ewig in seinem Werk weiterleben wird, der wird es schon lesen m\u00fcssen, dieses Werk.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Matthew Pearl: Die Stunde des Raben. <br \/>Droemer \/ Knaur 2007 <br \/>(Original: \u201cThe Poe Shadow\u201c, 2006, deutsch von Karl-Heinz Ebnet). <br \/>576 Seiten. 19,90 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man erfindet nicht ungestraft den \u201eKrimi\u201c und stirbt dann auch noch unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden. Das r\u00e4cht sich in der grenzenlosen Phantasie der Nachgeborenen, die, ganz im Stil Auguste Dupins, des ersten Detektivs der Weltliteratur, so manche Theorie zusammenschustern und manchmal gar auf die Idee kommen, Romane zu schreiben. Edgar Poe als fiktive Figur. 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