{"id":20895,"date":"2008-01-22T05:05:44","date_gmt":"2008-01-22T05:05:44","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/david-peace-nineteen-seventy-seven\/"},"modified":"2022-06-17T00:58:20","modified_gmt":"2022-06-16T22:58:20","slug":"david-peace-nineteen-seventy-seven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/david-peace-nineteen-seventy-seven\/","title":{"rendered":"David Peace: Nineteen Seventy Seven"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/david-peace-1977.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/david-peace-1977.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-29021\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/david-peace-1977.jpg 326w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/david-peace-1977-98x150.jpg 98w\" sizes=\"(max-width: 326px) 100vw, 326px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Lekt\u00fcre lie\u00df mich ein wenig ratlos zur\u00fcck. Also habe ich getan, was ich sonst nie tue, bevor ich fertig mit dem Schreiben bin: Gelesen was andere schreiben. Hilft aber auch nicht weiter: Verunsicherung <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/23599.html\">scheint<\/a> vorzuherrschen. Allein <a href=\"http:\/\/www.krimi-couch.de\/krimis\/david-peace-1977.html\">Lars Schafft<\/a> fr\u00f6nte der ungebremsten Euphorie, um, so scheint&#8217;s fast, im n\u00e4chsten Werk auf den Boden der peace&#8217;schen Wirklichkeit zur\u00fcckgeholt zu werden. Fast k\u00f6nnte man meinen, dass dpr&#8217;s <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/peace-1977-notizen-eins.php\">kubistische<\/a> <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/03\/david-peace-1977-notizen-zwei.php\">anti-<\/a><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/04\/david-peace-1977.php\">Kritik<\/a> in der Struktur dem Wesen des Werkes Peace&#8216; am besten entspricht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein Krimi soll&#8217;s sein, als Krimi wollen wir es lesen. Es beginnt mit einem Leichenfund, ein weiterer kommt hinzu, eine Beziehung zu fr\u00fcheren Morden und Mordversuchen wird gezogen &#8230; kurz: Ein Serient\u00e4ter scheint unterwegs zu sein, ein besonders brutaler zudem, der Prostituierte \u00fcberf\u00e4llt, mit einem Hammer attackiert und mit einem Schraubenzieher aufschlitzt: Der Yorkshire Ripper ist geboren. Mit gro\u00dfem Aufwand bem\u00fcht sich die Polizei um Aufkl\u00e4rung. 80 Personen umfasst die Sonderkommission und auch die Presse ist dran am Thema, hat ihre eigenen Quellen, innerhalb und au\u00dferhalb der Polizei und begleitet deren Arbeit. Tats\u00e4chlich finden sich ein paar Spuren und Hinweise. Die Blutgruppe des T\u00e4ters kann anhand von Ejakulatspuren identifiziert werden und Beziehungen der Opfer zu einem schmierigen Pornobl\u00e4ttchen lassen sich ausmachen.<br \/>Nicht viel &#8230; nicht genug um am Ende den T\u00e4ter ausfindig zu machen &#8230; und so bleiben am Ende viele Fragen offen. Die Polizeiarbeit, sie ist nicht einmal ergr\u00fcndend dargestellt. So wird zwar die Frage aufgeworfen, ob es ein, zwei oder mehrere unterschiedliche T\u00e4ter sind, aber &#8218;mal ehrlich: Bedeutend ist das nicht. Nein, als Krimi geht 1977 nicht durch, h\u00f6chstens als Episode. Zwei B\u00e4nde der Tetralogie stehen noch aus. Mancher Faden wird wohl wieder aufgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Frage nach dem Krimi, nach seiner Qualit\u00e4t nicht zu beantworten, das w\u00e4re als wenn man das zweite Viertel von Thackerays \u201eVanity Fair\u201c (deutsch: Jahrmarkt der Eitelkeiten) n\u00e4hme und f\u00fcr sich, losgel\u00f6st vom Gesamtbuch beurteilen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, man muss sich wohl auf etwas anderes konzentrieren. Auf Peace&#8216; Stil zum Beispiel. Viel ist dar\u00fcber geschrieben worden. Hart seien seine B\u00fccher, seine Sprache extremistisch eigenwillig. In der Tat: Peace schont seine Opfer und seine Leser nicht, die Darstellung der Zurichtung der Leichen ist drastisch; besonders relevant oder gar ein Kriterium ist das jedoch nicht unbedingt. \u201eAlle Kultur nach Auschwitz ist M\u00fcll\u201c schrieb Adorno, will sagen, die Realit\u00e4t ist kaum durch die Darstellung in einem Buch zu toppen. Vielleicht herzlos, aber dennoch wahr: Zu \u201etot\u201c oder \u201evergewaltigt\u201c gibt es keinen Komparativ und keinen Superlativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsequenz und Gnadenlosigkeit, mit der Peace das Leben der Protagonisten abspult, ist bemerkenswert, als Identifikationsobjekte taugen sie jedenfalls nicht. Die beiden Icherz\u00e4hler, der Polizist Bob Frazer und der Journalist Jack Whitehead sind getriebene, von ihren eigenen und den D\u00e4monen der Opfern besessene M\u00e4nner. M\u00e4nner, deren Schw\u00e4nze anscheinend st\u00e4ndig in Hab-acht-Stellung verharren und die in genau dem Milieu verkehren, aus dem die Opfer stammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen haben im Buch nur eine Funktion. Keine Polizistin, keine starke weibliche Person taucht auf, die das Bild bricht. Diese Frauen, Nutten auch und zudem, sind aber mehr als die lebendigen Gummipuppen, als die sie behandelt werden. Sie sind Projektionsfl\u00e4chen m\u00e4nnlicher Bed\u00fcrfnisse nach W\u00e4rme, Liebe, Akzeptanz. Irgendwie so was. Genauer bekommen wir&#8217;s nicht: Psychologisiert wird bei Peace nicht. Als individuelle Menschen sind die beiden eh nicht zu erkennen. Beim Wechsel des Erz\u00e4hlers am Kapitelanfang ist h\u00e4ufig erst einmal gar nicht klar, wer da nun spricht. Bei Frazer geht die Sehnsucht nach der verbotenen Frau so weit, dass er seine b\u00fcrgerliche Existenz f\u00fcr diese Nutte auf&#8217;s Spiel setzt und wir uns fragen \u2013 warum er dieses tut. Wohl, wenn ich es richtig deute, weil er mit ihr den ersten richtig geilen Sex erlebte und diesen, wie ein Crystals\u00fcchtiger, immer wieder sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darstellungen der beiden M\u00e4nner wachsen sich in meinen Augen deshalb zu einem gro\u00dfen St\u00fcck Literatur aus, weil sie in einer ber\u00fcckenden Sprachen, hart rhythmisiert, mit vielen Alliterationen, w\u00fcsten Bilder, Versatzst\u00fccken aus der Bibel, verschrobenen Szenen, endlos langen, atemlosen S\u00e4tzen usw. beschrieben werden. Der extreme Geisteszustand spiegelt sich in der extremen Sprache und katapultiert den Autor damit in Sph\u00e4ren, in denen es wahrlich einsam ist und wohin ihm auch kein Engel mehr folgt (1).<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit ? Kein Fazit &#8230; zum jetzigen Zeitpunkt. Wo William Kent Kruegers <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/01\/william-kent-krueger-mercy-falls.php \">Mercy Falls<\/a>als Cliffhanger daherkommt, muss man bei Peace, schon um in dessen Bilderwelt zu bleiben, von einem \u201ecoitus interuptus\u201c sprechen. Es ist das Buch eines der gr\u00f6\u00dften Autorentalente und offenbart erst einmal, dass Peace genau nur das ist. Das Verdikt muss aber so lange offen bleiben, bis das Quartett vollst\u00e4ndig gelesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>(1) \u201eFor Fools rush in where Angels fear to tread\u201c, aus Alexander Popes An Essay on Criticism<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">David Peace: Nineteen Seventy Seven. <br \/>Serpent's Tail 2001. 352 Seiten. 12,99 \u20ac <br \/>(deutsch: 1977. Liebeskind 2006, deutsch von Peter Torberg)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lekt\u00fcre lie\u00df mich ein wenig ratlos zur\u00fcck. Also habe ich getan, was ich sonst nie tue, bevor ich fertig mit dem Schreiben bin: Gelesen was andere schreiben. Hilft aber auch nicht weiter: Verunsicherung scheint vorzuherrschen. 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