{"id":20901,"date":"2008-01-24T05:09:35","date_gmt":"2008-01-24T05:09:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/thomas-h-cook-das-gift-des-zweifels\/"},"modified":"2022-06-06T14:47:17","modified_gmt":"2022-06-06T12:47:17","slug":"thomas-h-cook-das-gift-des-zweifels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/thomas-h-cook-das-gift-des-zweifels\/","title":{"rendered":"Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber Thomas H. Cooks \u201eDas Gift des Zweifels\u201c hat sich bereits Kollege Bernd anl\u00e4sslich der \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2006\/09\/thomas-h-cook-red-leaves.php\">Besprechung<\/a> der amerikanischen Ausgabe seine Gedanken macht, deren Quintessenz nichts hinzuzuf\u00fcgen ist. Ein \u00e4u\u00dferst lesenswertes Buch. Fragen wir uns bei Gelegenheit der deutschen \u00dcbersetzung: Wie arbeitet Cook eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eDas Gift des Zweifels\u201c schildert den allm\u00e4hlichen Verfall einer Bilderbuchfamilie. Die achtj\u00e4hrige Ami verschwindet spurlos aus ihrem Bett, der Teenager Keith Moore, ihr Babysitter, ger\u00e4t in schlimmen Verdacht, leugnet aber die Tat. Selbst sein Vater Eric, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte aufgerollt wird, zweifelt an der Unschuld des Jungen \u2013 und so nimmt die Trag\u00f6die ihren Lauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Moment des Zweifelns ist allgegenw\u00e4rtig und f\u00fchrt uns zu einem Schl\u00fcsselbegriff der Genreterminologie: suspense. Suspense meint stets, etwas zu erwarten, dessen Eintreffen noch nicht feststeht. Ich bin als Leser gespannt darauf, was passiert \u2013 ich ahne es, ahne aber auch, dass es anders kommen kann als erwartet. Dem suspense immanent ist also immer der Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p>Cook entwickelt nun eine ganze Reihe von solchen Spannungsb\u00f6gen, die auf dem Zweifel, dem Misstrauen basieren, und seine Kunst besteht darin, sie so geschickt miteinander zu verkn\u00fcpfen, dass sie wie ein System kommunizierender R\u00f6hren arbeiten. Es beginnt mit der Erz\u00e4hlsituation. Eric Moore erz\u00e4hlt die Geschichte retrospektiv. Die Katastrophe ist eingetreten, das Familiengl\u00fcck \u2013 wie auch immer \u2013 zerst\u00f6rt. Jetzt sitzt Moore irgendwo und wartet (auf was?) und erz\u00e4hlt. Wir tun gut daran, bereits hier an der \u201eumfassenden Wahrhaftigkeit\u201c der Geschichte zu zweifeln, denn Moore wei\u00df nat\u00fcrlich mehr, als er uns preisgeben darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Spannungsbogen der eigentlichen Handlung um das Verschwinden der kleinen Amy und die Auswirkungen auf die Familie Moore erw\u00e4chst ein zweiter, der das Schicksal von Moores \u201eerster Familie\u201c abdeckt. Diese erste Familie \u2013 Erics Eltern und Geschwister \u2013 ist l\u00e4ngst zerbrochen und hat also schon durchlitten, was der \u201eaktuellen Familie\u201c erst noch bevorsteht. Dabei kommt es zu beziehungsreichen Korrespondenzen. So \u00fcbernimmt etwa Keith, der im Grunde ungeliebte, weil sehr phlegmatische und durchschnittliche Sohn, die Rolle von Erics \u00e4lteren Bruder in der \u201eersten Familie\u201c. Und so wie ein Verbrechen die Dinge ins Rollen bringt, so sucht Eric auch f\u00fcr den Zerfall seiner ersten Familie ein Verbrechen verantwortlich zu machen \u2013 ein weiterer Spannungsbogen, der entsteht, weil am status quo gezweifelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit nicht genug. Wer zweifelt, der entwirft Hypothesen. Darin ist Eric ein Meister. Nicht nur, dass er sich \u00fcberlegt, warum sein Sohn Amy etwas angetan haben k\u00f6nnte \u2013 er wird auch seinen \u00e4lteren Bruder (der, nebenbei, in einem Suspense-Seitenstrang immer als \u201ewahrer T\u00e4ter\u201c verd\u00e4chtig ist) durch eine solche Hypothese endg\u00fcltig vernichten \u2013 stellvertretend f\u00fcr seinen Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt jetzt sehr kompliziert. Ist es auch. Das \u00dcberraschende jedoch (und daran kann wirklich nicht gezweifelt werden): Cook entwickelt seine komplexe Welt in einer recht gradlinigen Story. Auf ihre Schliche kommt indes nur, wer an dieser Gradlinigkeit zweifelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Verbl\u00fcffend daran auch, dass Cook hier beinahe pausenlos suspense aus suspense entwickelt, ohne dabei auf die herk\u00f6mmlichen Werkzeuge des Genres zur\u00fcckzugreifen. Der eigentliche Fall spielt die Rolle des Ausl\u00f6sers, mehr nicht. Erst am Ende laufen die F\u00e4den konventionell zusammen und runden das Bild einer wahren Kathedrale von suspense. Wer sich in Zukunft \u00fcber diesen zentralen Begriff Gedanken machen m\u00f6chte, dem muss Cooks Buch als allererstes Referenzwerk gelten.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels. <br \/>Knaur 2007 <br \/>(Original: Red Leaves (2005), deutsch von Reinhart Tiffert). <br \/>316 Seiten. 7,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Thomas H. Cooks \u201eDas Gift des Zweifels\u201c hat sich bereits Kollege Bernd anl\u00e4sslich der \u2192Besprechung der amerikanischen Ausgabe seine Gedanken macht, deren Quintessenz nichts hinzuzuf\u00fcgen ist. Ein \u00e4u\u00dferst lesenswertes Buch. 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