{"id":20905,"date":"2012-03-26T08:19:40","date_gmt":"2012-03-26T08:19:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/und-wieder-muss-sich-einer-das-gel-aus-dem-haar-waschen-und-gehen\/"},"modified":"2022-06-08T05:11:09","modified_gmt":"2022-06-08T03:11:09","slug":"und-wieder-muss-sich-einer-das-gel-aus-dem-haar-waschen-und-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/03\/und-wieder-muss-sich-einer-das-gel-aus-dem-haar-waschen-und-gehen\/","title":{"rendered":"Und wieder muss sich einer das Gel aus dem Haar waschen und gehen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Er heuchelt Interesse f\u00fcr die v\u00f6llig \u00fcberteuerten Weine, die der H\u00e4ndler von Gegen\u00fcber auf samtbezogenen R\u00f6hren pr\u00e4sentiert.&#8220; <\/em>Den Satz kennst du doch!, meldet ein hinterster Winkel meines Hirns. Der Satz steht in Guido Rohms &#8222;Die Sorgen der Killer&#8220;, aber daher kenne ich ihn nicht, ich hab ihn ja eben gerade erst gelesen. Aber, fl\u00fcstert es aus meinem Hirn, du hast ihn eben auch schon fr\u00fcher einmal gelesen und das bedeutet, ob dir das gef\u00e4llt oder nicht: Guido Rohm ist ein Dieb.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich habe nichts gegen Diebe. G\u00e4be es keine Diebe, g\u00e4be es auch kein Eigentum, das erscheint mir logisch, man muss nur lange genug dar\u00fcber nachdenken. Ohne Verbrechen keine Krimis, ohne Krimis keine Verbrechen, das sieht man aus einer anderen Perspektive. Nein, ich bin nur neugierig. Woher kenne ich diesen Satz? Diverse andere hinterste Ecken meines Hirns fl\u00fcstern mir S\u00e4tze zu, aber die sind es nicht. Bis, ich habe schon fast aufgegeben, aus dem g\u00e4nzlichen Nichts meines Hirns, dort wo keine Ecken mehr sind, wo gar nichts mehr ist au\u00dfer einer Ursuppe einmal gelesener S\u00e4tze, eine Stimme dr\u00f6hnt: GeorgeV. Higgins, Die Freunde von Eddie Coyle, Kapitel 15, erster Satz. Aufspringen, zum Regal hechten, das Buch hervorziehen, aufschlagen, suchen. Ja! Da steht der Satz! Er ist identisch mit dem aus Guido Rohms Kurzgeschichtensammlung, siehe oben. Er lautet also: <em>&#8222;Jackie Brown fuhr den Roadrunner langsam ins Fresh-Pond-Shopping-Center, suchte sich in der Mitte des Parkplatzes eine Parkbucht und stellte den Motor ab.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lache. Ha, ha. Fresh-Pond-Shopping-Center. Und was lese ich? FRENCH-Pond-Shopping-Center. Das muss auch Guido Rohm passiert sein, als er den Satz gelesen hat, besitzergreifend gelesen, mit dem Grinsen eines Diebes im Gesicht. French-Pond-Shopping-Center! Sofort war in einer hinteren Kammer der Rohmschen Bilderablage eine Flasche Bordeaux aufgetaucht, french stuff. Nicht dass sich Guido Rohm eine Flasche Bordeaux jemals leisten k\u00f6nnte; er raucht zu viel, da bleibt kein Geld \u00fcbrig f\u00fcr die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Zu teuer also \u2013 und weil Rohm nicht zugeben will, dass &#8222;zu teuer&#8220; nur bedeutet, dass die Rohmsche Sparbremse nicht greift, nennt er Weine prinzipiell &#8222;\u00fcberteuert&#8220;, er schiebt die Schuld auf die \u00f6konomische Zwangslage, in der er sich nicht aus eigenem, sondern aus Fremdverschulden zu befinden d\u00fcnkt. Deshalb hat er auch kein Auto, schon gar keinen Roadrunner.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle h\u00e4tte jeder normale Dieb zu sich selbst gesagt: Lass die Finger von diesem Satz. Aber Rohm hatte den Satz ja schon im Mund! Er kaute bereits darauf herum! Das Auto hatte er schon abgebissen, ausgespuckt, ebenso den Namen Jackie Brown. Er kennt keinen Jackie Brown, es gibt Frauen, die Jackie hei\u00dfen, es gibt M\u00e4nner, die Jackie hei\u00dfen, er kann sich &#8222;Jackie&#8220; nicht vorstellen, wenn er nicht wei\u00df, welches Geschlecht dahintersteckt. Au\u00dferdem schreibt er sowieso nur \u00fcber sich selbst. Guido. Keine Frau hei\u00dft Guido, Guido muss ein Mann sein, ein ER. Er. Ein v\u00f6llig \u00fcberteuerter Bordeaux, ein nicht vorhandenes Auto mit Angeberstatus, ein Roadrunner! Ein Roadrunner ist eine Zeichentrickfigur, hinter der best\u00e4ndig ein Coyote her ist, ein Coyote namens Guido. Und dieser Coyote f\u00e4llt immerfort auf die Schnauze, der ewige Loser. Auf Samt gebetet ist so einer nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, hier ist der Roadrunner ein Auto und Guido Rohm besitzt, siehe oben, kein Auto. Ein Auto mit samtbezogenen Sitzen! Das ist das \u00c4quivalent zu &#8222;\u00fcberteuert&#8220;, das verweist den Umstand, dass Guido Rohm kein Auto besitzt, in den Verantwortungsbereich der \u00f6konomischen Schieflage, das macht Rohm zu einem Opfer, einem Objekt, einem Spielball, einem Prek\u00e4ren, einem Elenden, der in den R\u00f6hren des Profits erhitzt wird, bis ihm der letzte Euro durch die Rippen raucht und im Fett des Gegen\u00fcbers, des feisten Kapitels verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hat Guido Rohm den Satz von Higgins vollst\u00e4ndig verzehrt. \u00dcbrigens: Langweiliger Bursche, dieser Higgins. Rohm heuchelt Interesse, so wie ein Taschendieb Interesse f\u00fcr sein Opfer heuchelt, damit er n\u00e4her an das Portemonnaie kommt, und dieses geheuchelte Interesse schluckt Rohm hinunter, als w\u00e4re es ein Satz, und dieser imagin\u00e4re Satz wird im Magen handgemein mit dem anderen Satz, sie umschlingen einander, wie nur S\u00e4tze einander umschlingen k\u00f6nnen, sie kopulieren, wie nur zwei Spezies kopulieren k\u00f6nnen, die sich vollst\u00e4ndig fremd sind, Esel und Eidechse etwa \u2013 und nein, Korrektur, dies ist ein anderer gestohlener Satz, er befindet sich in dem Roman, an dem ich gerade schreibe und ich lese halt nie, ich muss mich st\u00e4ndig selbst bestehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Guido Rohm r\u00fclpst. Wieder ein St\u00fcck Literaturgeschichte verzehrt. Es verdaut in ihm. Er wird es ausscheiden, schon rumort es, schon juckt die Schreibhand, schon ruft der Abort, dieses wei\u00dfe St\u00fcck Papier. Niemand wird es merken&#8230; FALSCH, HERR ROHM! Packen Sie Ihre Siebensachen und verschwinden Sie aus der Literatur!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Er heuchelt Interesse f\u00fcr die v\u00f6llig \u00fcberteuerten Weine, die der H\u00e4ndler von Gegen\u00fcber auf samtbezogenen R\u00f6hren pr\u00e4sentiert.&#8220; Den Satz kennst du doch!, meldet ein hinterster Winkel meines Hirns. Der Satz steht in Guido Rohms &#8222;Die Sorgen der Killer&#8220;, aber daher kenne ich ihn nicht, ich hab ihn ja eben gerade erst gelesen. 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