{"id":20907,"date":"2008-01-28T05:37:39","date_gmt":"2008-01-28T05:37:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/arimasa-osawa-der-hai-von-shinjuku-rache-auf-chinesisch\/"},"modified":"2022-06-15T21:40:11","modified_gmt":"2022-06-15T19:40:11","slug":"arimasa-osawa-der-hai-von-shinjuku-rache-auf-chinesisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/01\/arimasa-osawa-der-hai-von-shinjuku-rache-auf-chinesisch\/","title":{"rendered":"Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku \u2013 Rache auf chinesisch"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein wenig \u00fcberrascht hat es mich schon. Nicht dass Kollege W\u00f6rtche das zweite Abenteuer des &#8222;Hais von Shinjuku&#8220; lobt; aber dass der Band nun auch in der Krimiwelt-Bestenliste auftaucht, Rang 6 immerhin, das ist schon bemerkenswert und kommt unerwartet.<br \/>Die \u2192<a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2008\/04\/08041603.php\">Besprechung<\/a> des Kollegen W. enthebt mich der Pflicht, hier eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Rezension zu schreiben. Sie w\u00e4re in vielem Wiederholung. Dass mir \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/11\/arimasa-osawa-der-hai-von-shinjuku.php\">der erste Band<\/a> einen Tick besser gefallen hat, sei erw\u00e4hnt. Ein kleines Zitat vielleicht, das ziemlich unmissverst\u00e4ndlich klar macht, worum es in &#8222;Rache auf chinesisch&#8220; geht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Die Zusammenfassung des Tokyoter Morddezernats ergab folgendes Bild: 36 Tote, 7 Verletzte&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Exakt: Darum geht\u2019s. Und darum, dass so etwas in Tokio recht selten vorkommt. (\u00dcbrigens verstehe ich nicht, warum es in der deutschen \u00dcbersetzung &#8222;Tokyo&#8220; hei\u00dft. Portugische Detektive ermitteln ja auch nicht in &#8222;Lisboa&#8220;; nachdem man sie eingedeutscht hat) &#8222;Rache auf chinesisch&#8220; ist ein japanischer Thriller und als solcher nat\u00fcrlich irgendwie &#8222;exotisch&#8220;. Aber nur zum Teil. Denn der Ausgangspunkt, jener titelgebende &#8222;Hai von Shinjuku&#8220;, ist eine perfekt globalisierte Figur des Genres, Oberkommissar Samejima, der im Vergn\u00fcgungsviertel Shinjuku ermittelt, aber ein Au\u00dfenseiter bei der Polizei ist. Eigentlich m\u00fcsste er l\u00e4ngst Karriere gemacht haben, doch sein Verhalten gegen\u00fcber Vorgesetzten ist typisch unjapanisch, eine Art fern\u00f6stlicher Wachtmeister Studer, dem ja damals die leidige &#8222;Bankenaffaire&#8220; einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Samejimas Freundin ist eine flippige Rocks\u00e4ngerin \u2013 auch eher &#8222;unjapanisch&#8220;. Es geht ziemlich zur Sache \u2013 nein, das nennen wir jetzt aber nicht ebenfalls &#8222;unjapanisch&#8220;, denn das Reizvolle an diesem Roman ist ja gerade das ineinander Verschr\u00e4nktsein von kulturspezifischen und globalen Mustern, von &#8222;Exotismen&#8220;, wie sie uns medial eingebl\u00e4ut wurden (von Harakiri bis Kamikaze, von Geisha bis Sony) und l\u00e4ngst allgemeing\u00fcltigen Automatismen, von denen der des &#8222;lonely wolf&#8220; Samejima nur einer ist. Ein weiteres Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p>In &#8222;Rache auf chinesisch&#8220; hat sich der Killer, ein Taiwanese, als illegaler Einwanderer in die Vergn\u00fcgungsszene eingeschlichen und arbeitet, auf der Suche nach dem Objekt seiner Rache, in einer Bar. Deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist ein brutales Ekel. Er dem\u00fctigt und verpr\u00fcgelt den Killer, der sich aber nicht wehren darf, obwohl er das spielend k\u00f6nnte (und irgendwann nat\u00fcrlich tut). In dieser Bar arbeitet auch Nami, die weibliche Heldin des Romans, eine Festlandschinesin mit japanischer Mutter. Namis Bestreben muss es sein, ihre Herkunft zu verbergen, niemand soll wissen, dass sie keine eingeborene Japanerin ist.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesen beiden Personen entwickelt Osawa ein stimmiges Bild jener &#8222;Illegalen&#8220;, die im Hochindustrieland Japan ausgebeutet werden und alles Piesacken stoisch ertragen m\u00fcssen, um wenigstens die kleine Errungenschaft eines Arbeitsplatzes nicht zu verlieren. Das ist nun durchaus kein besonderes japanisches Problem, leider, verweist in seinen Details aber eben doch auch auf die Tradition eines historisch herzuleitenden Argwohns gegen\u00fcber dem Fremden, auf eine Kultur der Unterwerfung, des Gehorsams, des Sich-Unsichtbar-Machens, die selbst durch die Hegemonie des Globalen nicht ausgel\u00f6scht wird, sondern vielmehr das Gesicht dieses Globalen pr\u00e4gt. Das ist zum einen wohlbekannt \u2013 und zum anderen sehr fremd.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist dies das Besondere an den &#8222;exotischen&#8220; Krimis: dass sie l\u00e4ngst keine mehr sind, aber immer noch eine Verwurzelung in Traditionen durchscheinen lassen, die wir in unserem eigenen Globalisiertsein nicht mehr wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Arimasa Osawa: Der Hai von Shinjuku \u2013 Rache auf chinesisch. <br \/>Cass 2007 (Original: Shinjuku Zame 2 \u2013 Doku Zaru. 1991, deutsch von Katja Busson). <br \/>321 Seiten. 19,80 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wenig \u00fcberrascht hat es mich schon. 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